DAS SAMMELN VON MOOS

Ausschnitt aus dem Buchcover

„Im Hinblick auf Moose ist der Waldspaziergang eines 1,80 Meter großen Menschen mit einem Transkontinentalflug zu vergleichen – in 10.000 Metern Höhe. So hoch über der Erde und unterwegs zu jenem anderen Ort laufen wir Gefahr, ein ganzes Universum unter unseren Füßen zu übersehen“, so warnt die Pflanzenökologin Robin Wall Kimmerer. Damit dieses Übersehen nicht passiert, hat Kimmerer das Buch „Gathering Moss“ geschrieben, das nun in deutscher Übersetzung – „Das Sammeln von Moos“, Untertitel „Eine Geschichte von Natur und Kultur“ – in der „Naturkunden“-Reihe des Verlags Matthes & Seitz erschienen ist.

Robin Wall Kimmerer ist Professorin an der State University of New York und Angehörige des Bären-Clans der Potawatomi – und sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, das traditionelle ökologische Wissen indigener Völker, wie eben auch der Potawatomi, mit moderner Umweltwissenschaft zu verbinden. Sie verspricht im Vorwort zum Buch, sowohl indigenem Wissen als auch empirischer Information Raum zu geben, Materie und Geist Seite an Seite gehen „und manchmal auch miteinander tanzen“ zu lassen.

Ihre Geschichte von Natur und Kultur der Moose fasziniert inhaltlich genauso wie formal. Kimmerer scheint alles über Moose zu wissen – und sie versteht es, dieses Wissen auch zu vermitteln. Der Übersetzer Dieter Fuchs hat das entsprechende Gefühl, um die Genauigkeit und Schönheit ihrer Sprache ins Deutsche zu bringen. Zum Beispiel dort, wo sie vom Zusammenhang zwischen Sehen und Hören schreibt: „Moose betrachtet man am besten so, wie man dem Wasser lauscht, wenn es über Steine fließt… Sobald wir langsamer werden und näher herangehen, bilden und verbreiten sich in den verworrenen Tapisserie-Fäden Muster. Die Fäden sind sowohl abgelöst vom Ganzen als auch ein Teil davon.“

Kimmerer erläutert, dass es weltweit um die 22.000 Moos-Arten gibt, und sie beschreibt ganz genau jene Grenzschicht, den kleinen Raum, wo Erde und Atmosphäre, Luft und Land in Kontakt kommen. In dieser von ihnen gewählten Umgebung – seien es Felsen, Bäume oder Moore – sind die Moose die unbestrittenen Herrscher. Das Buch ist in grüner Farbe gedruckt, grün ist die Schrift, grün sind die kleinen Zeichnungen und grün sind die ganzseitigen Moos-Bilder. Grün ist auch Kimmerers Wunsch, irgendwann einmal so mutig zu werden, „uns zu beschränken und so bescheiden zu leben wie die Moose.“

Robin Wall Kimmerer: Das Sammeln von Moos. Eine Geschichte von Natur und Kultur. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dieter Fuchs. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2022.