DER „BILDERSCHRIFTSTELLER“

Ausschnitt aus dem Buchcover

Die letzten seiner insgesamt mehr als 3.000 Karikaturen für die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“, mit denen er im gesamten deutschen Sprachraum bekannt und berühmt wurde, erschienen vor knapp fünfzig Jahren, immer noch aber ist der 2009 verstorbene Paul Flora ein Begriff. In unseren Tagen kennt man ihn allerdings vielleicht nicht mehr so sehr als Karikaturisten, sondern eher als Zeichner. Jahr für Jahr erscheinen dank einschlägiger Bemühungen von Verlagen und Galerien sowohl bekannte als auch noch immer unbekannte Werke aus seiner Hand. Und das ist ja ganz in seinem Sinn, er wehrte sich dagegen, n u r als Karikaturist angesehen zu werden. Immerhin schuf er eine Vielzahl von Grafiken, war Illustrator (eine enge Zusammenarbeit verband ihn mit dem Zürcher Diogenes Verlag), entwarf Bühnenbilder und war in vielen Bereichen der angewandten Grafik tätig (von Briefmarken bis zu Etiketten und Logos). Von Paul Floras Witz, der ja nicht nur aufs Zeichnerische beschränkt war, sondern sich auch verbal äußerte, gibt nun ein Buch Auskunft, das überrascht. Denn dieser Humor und die Ironie, all das, was Flora aufs Papier brachte, basierte nicht nur auf Lebensweisheit, sondern war dem Künstler schon in jungen Jahren gegeben.

„Aus den Memoiren eines Mittelschülers“ heißt der Band, der 49 Textminiaturen – mit passenden Zeichnungen – umfasst, in denen der 18-jährige Paul Flora witzig und respektlos seine Erlebnisse an einem Innsbrucker Gymnasium beschreibt. „Wie man dazu kommt, ein Schüler zu sein“ lautet der Titel der ersten Miniatur, und weiß Flora zu berichten: „Gesetzt den Fall, man ist ein kleiner Knabe, der Vater ist ein besserer Bürger und man kann einigermaßen zwischen rechts und links unterscheiden, so muss man auf das Gymnasium. So sagte eines unschönen Tages mein Vater zu mir und ich fühlte mich sehr geschmeichelt, denn ich war nicht klug genug, die Folgen zu überblicken.“

Die Grafiker des Folio Verlags haben den Band sehr schön auf mattem, festem Papier gestaltet: jeweils auf der linken Seite der reine Text und auf der rechten Seite das Faksimile des Heftblattes.

Faksimileseite aus dem Band „Aus den Memoiren eines Mittelschülers“ (Bildnachweis: © Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum).

Faksimileseite aus dem Band „Aus den Memoiren eines Mittelschülers“ (Bildnachweis: © Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum).

Eingeleitet wird der Band durch zwei Beiträge von Helena Pereña und Roland Sila (beide sind am Tiroler Landesmuseum tätig). Sila eröffnet seine Anmerkungen zur frühen Biografie des Künstlers mit dessen Zitat: „Mein Desinteresse an der Schule war kaum zu übertreffen, aber immerhin habe ich die Matura gemacht.“ Man erfährt da einiges über die Lebensumstände des 1922 Geborenen, „seine ablehnende Einstellung gegenüber dem damals herrschenden NS-Regime“, aber auch, dass er schon als 18-Jähriger „in der Zeitschrift ‚Des Lebens ABC, Monatsblatt für Lebenskunde, Familienschutz und Unterhaltung‘ Gelegenheit bekam, seine Zeichnungen zu publizieren.“ Und selbstverständlich wird auch sein weiterer Weg als Zeichner und Karikaturist verfolgt. Sila beschließt seinen Essay mit einem Zitat des Tiroler Schriftstellers Alois Hotschnig, der sich an den Erzähler Flora erinnert, dass, wenn der eine Geschichte zu Ende gebracht hatte, „er mit den Fingern beider Hände über den Tisch strichelte, wie um den eben geteilten Gedanken auf einem imaginären Blatt festzuhalten“. Helena Pereñas Aufsatz trägt den Titel „Vom Wesen des Lachens“, sie schreibt da über die Ironie als künstlerische Methode bei Paul Flora und zitiert Erich Kästner, der Flora als „Bilderschriftsteller“ bezeichnete. Damit meinte er, so Pereña, „nicht nur seine Affinität zum Wort, sondern bringt eine wesentliche literarische Qualität der Zeichnungen zum Ausdruck.“

Zurück also jetzt zu den Anfängen, zum Mittelschüler Paul Flora, der ein Schulheft mit Texten und Zeichnungen zum Thema Schule füllte, eben die „Memoiren eines Mittelschülers“. Diese Memoiren beginnen, wie erwähnt, mit der Erläuterung „Wie man dazu kommt, ein Schüler zu sein“, und sie enden mit „Die Schulbänke“. Der einleitende Satz zu letzterem Text ist typisch für Paul Floras Formulierungsstil: „Die Schulbänke sind niemals neu. Wahrscheinlich werden sie bereits antiquarisch hergestellt.“ Dazwischen geht es einfach um alles, was Schule ausmacht: Räumlichkeiten, Personal, Pausen und Lehrfächer. Wenn Flora da zum Beispiel über die Mathematik schreibt, dass er glaube, dass sie die Ägypter aufgebracht hätten, dann setzt er daneben eine sparsame Zeichnung von Pyramiden und einer Palme, die in ihrer Konzentration schon darauf hinweist, wie der Meister später arbeiten würde. Oder aber, um noch ein Beispiel von Wort- und Zeichenwitz zu nennen: „Der Direktor steht der Schule vor oder steht vor der Schule. Er ist dazu untauglich.“ Das sieht man und auch, wie er „unnahbar finster und drohend und mit verschränkten Armen über die Schülermassen hinblickt.“

Faksimileseite aus dem Band „Aus den Memoiren eines Mittelschülers“ (Bildnachweis: © Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum).

Faksimileseite aus dem Band „Aus den Memoiren eines Mittelschülers“ (Bildnachweis: © Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum).

Paul Flora: Aus den Memoiren eines Mittelschülers. Mit Beiträgen von Roland Sila und Helena Pereña. In Zusammenarbeit mit der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, Innsbruck. Folio Verlag,Wien/Bozen 2019.