DER PARFÜMIERTE MANN

Ernst Deutsch-Dryden, Zeitschriftenillustration, Berlin 1913Ernst Deutsch-Dryden, Zeitschriftenillustration, Berlin 1913

Einleitend: ich rieche gerne gut. Und um von der eigenen Eitelkeit abzulenken, eine kurze Betrachtung des Wortes „riechen“. Riechen kann man aktiv oder passiv, also entweder man nimmt Geruch wahr oder man strömt Geruch aus. Also, ich nehme gerne guten Geruch auf und – gebe gerne guten Geruch ab. Und schon ist der „Duftpoet“ Paul Divjak am Wort. Duftpoet, neben dieser exquisiten Profession ist er auch Absolvent der Zürcher Hochschule für Künste und promovierter Doktor der Philosophie der Universität Wien. Er hat schon einmal in dem Buch „Der Geruch der Welt“ zu einem neuen olfaktorischen Bewusstsein aufgerufen, um nun in „Der parfümierte Mann“ einen weiteren Anlauf zu unternehmen, dem „Duftsinn“ – der in unserer Zeit zu Unrecht dem Visuellen und Akustischen nachgereiht ist – die entsprechende „Achtsamkeit, das Bewusstsein und die richtigen Worte“ zu geben. Apropos richtige Worte, einer von Paul Divjaks Grundsätzen lautet: „Die Annäherung mittels Wörtern kann nur stellvertretend erfolgen“. Ein persönlicher Rest bleibe immer, meint er, und darin seien das Schreiben über Parfüms und jenes über Musik gleich.

Divjak erklärt vorerst einmal das Wort Parfüm: Es kommt aus dem Lateinischen „per fumum“, das ist „durch Rauch, durch Dunst“. Das Räuchern mit Kräutern und Harzen ist aus der Menschheitsgeschichte nicht wegzudenken. Duftkreationen seien Kunstwerke, meint Divjak, bei denen – wie auf vielen anderen Gebieten – das „allzu Vordergründige, geradlinig Aufdringliche, wenig Komplexe“ den Markt bestimme.

Buchcover

Zum Buch: Weil das Erinnern beim Riechen so eine große Rolle spielt, beschreibt Divjak fünf klassische Herrendüfte, die heute nicht mehr produziert werden. In den Intermezzi dazwischen befasst er sich unter anderem mit der Kulturhistorie des Schreibens über Parfum, mit der Werbe-Figur des parfümierten Mannes und dem, „was einen wohlkomponierten Duft, ein schönes Parfum“ ausmacht. Er konkretisiert die maßgebliche Beteiligung der Erinnerung, die natürlich für immer und ewig Schriftsteller wie Marcel Proust, aber auch Heimito von Doderer, festgestellt haben. Allein die Aufzählung der Herrendüfte, die ab der Mitte des 20. Jahrhunderts in unseren Breiten en vogue waren, ruft bei mir unbeschreibliche – wahrscheinlich individuell höchst verschiedene – Gefühle hervor. Jede und jeder der Lesenden wird diese ersten Eindrücke vom Einstieg in die Welt des Duftenden anders erlebt haben und sich auch anders erinnern.

Es ist unmöglich, hier alles anzuführen, worüber Divjak so einzigartig schreibt, eines nur, weil das ja zum Beispiel auch auf die Beschreibung von Weinen passen könnte: er fordert die Industrie auf, ein eigenes Vokabular, neue Vermittlungsmethoden, Metaphern und Bilder zu erarbeiten. Und weil gerade von der Industrie die Rede ist: Duftexperten, weiß Divjak, erstellen Listen der „Best Feminines for Men“ und „Best Masculines for Women“. Damit erziehen sie, so Divjaks Vorwurf, zu „marktkonformer, olfaktorischen Sprache.“ Ja, und dann stellt er auf über vierzig Seiten eine exklusive Parfum-Chronologie ausgewählter Herrendüfte vor. Wenn man sich in seine elegant formulierten Beschreibungen und Assoziationen vertieft, will man diese Düfte alle, alle haben, muss sich allerdings auch kritischen Bemerkungen aussetzen, wenn er zum Beispiel einen Duft, den man eigentlich sehr gerne mag, als „aufdringlich unaufdringlich“ klassifiziert. Wie auch immer, er rät einem zum Lehrsatz: „Believe your nose only!“

Paul Divjak: Der parfümierte Mann. Edition Atelier, Wien 2020.