„DIE ASPERN-SCHRIFTEN“: BUCH UND FILM

Venedig, Foto © Konrad HolzerVenedig. Alle Fotos © Konrad Holzer

Henry James, geboren 1843, gestorben 1916, ist in der englischsprechenden Welt um einiges berühmter als in Mitteleuropa. Als zum Beispiel Hilary Mantel für ihre historischen Romane über Thomas Cromwell, den Kanzler Heinrichs VIII., den Booker-Preis, also immerhin den bedeutendsten britischen Literaturpreis, erhielt, zitierten einige Kritiker sofort Henry James, der meinte, dass ein historischer Roman noch so sehr ins Detail eintauchen könne, er werde die Vergangenheit dennoch niemals wieder zum Leben erwecken. Henry James ist dort also präsent. Deutsche Verlage versuchen immer wieder, ihn ins Gedächtnis ihrer Leser zurück zu rufen. So zum Beispiel der Deutsche Taschenbuchverlag, der neben einigen anderen Romanen von Henry James auch dessen „The Aspern-Papers“ – „Die Aspern-Schriften“ – herausbrachte.

Liest man diese 1888 erstmals veröffentlichte Geschichte von einem literarisch tätigen jungen Mann, der auf der Suche nach Briefen eines berühmten, verstorbenen Schriftstellers dessen ehemalige Geliebte und deren Nichte in Venedig findet, dann wird einen darin zweierlei berühren. Weniger die nicht wirklich nachvollziehbaren Sorgen und Nöte des Erzählers, als vielmehr die Figur der Nichte, einer nicht mehr ganz jungen Frau, die versucht, doch noch einmal das Glück ihres Lebens zu erzwingen: „Plötzlich schimmerte mir auf ihrem offenen, sanften Gesicht etwas Verführerisches entgegen“. Der Erzähler jedoch kann – oder will – auf ihr Angebot nicht eingehen. Sie bleibt einem als tragische Figur in Erinnerung, sein weiteres Schicksal aber – so voll Selbstmitleid er es auch schildert – lässt einen eher kalt.

Aber dann ist da ja noch das venezianische Ambiente. Der Ich-Erzähler hat eine private Gondel zur Verfügung (Henry James wuchs in einer wohlhabenden Familie auf und überträgt das auch auf seinen Helden). Mit der gleitet er an Sommerabenden in der „von Düften gesättigten Dunkelheit“ durch die Kanäle, genießt das „Dahintreiben zwischen Marmorpalästen und Lichtreflexen“ und beschreibt den Markusplatz an einem Sommerabend als einen „Salon unter freiem Himmel“. Da steigt Sehnsucht in einem auf. Weil aber viele, viele Tausende diese Sehnsucht verspüren, kann das heutige Venedig all diese Sehnsüchte nicht mehr erfüllen. Dafür bleibt die Literatur.

Die Novelle von Henry James wurde mehrere Male verfilmt. Und sie fiel auch einem Leonardo Bercovici in die Hände, der daraus – auf eigene Faust, ohne festen Auftrag – ein Drehbuch verfasste. Daraus machte 1947 der schillernde Martin Gabel (Das Booklet zur DVD breitet sich lustvoll über sein Leben aus!) den Film „The Lost Moment“, mit Stars wie der Oscar-Preisträgerin Susan Hayward, Robert Cummings und Agnes Moorehead in den Hauptrollen. In der deutschen Fassung heißt der Film „Briefe aus dem Jenseits“, und er wurde vor kurzem in die „Film Noir-Collection“ von Koch-Media aufgenommen. Der Film ist sehr „noir“, ganz wenige Szenen nur spielen bei Tageslicht, in ganz wenigen sieht man tatsächlich Venedig. (Über lange Strecken bewegt man sich im Dunkeln durch den venezianischen Palast und hört nur Musik … die Geduld der Kinobesucher des Jahres 1947 war um einiges größer als die unserer Tage.)

Mit den beiden äußerst vielschichtig und differenziert angelegten Frauenfiguren der Tante und der Nichte konnte der Drehbuchautor – die Wünsche Hollywoods kennend – wenig anfangen. Er krempelte die literarische Vorlage völlig um, gab ihr eine düstere, unheimliche Stimmung, vertauschte die Rollen von Tante und Nichte, erfand eine Persönlichkeitsspaltung, kurz: er packte alles hinein, was für den damaligen Geschmack gut und teuer war. Erfolg war dem Film damals und auch später nicht beschieden. Dennoch entwickelt er – natürlich völlig losgelöst von der literarischen Vorlage – eine ganz eigenartige Anziehungskraft. Man will dennoch, trotz aller unglaubwürdig aufgepappten Verwicklungen, man will wissen, wie der Drehbuchautor das alles löst. Und jetzt hätte ich fast Susan Hayward, die Hauptdarstellerin, vergessen. Kann man begründen, warum einem eine Schauspielerin so gefällt, über viele, viele Jahrzehnte in Erinnerung bleibt? Sie spielt die Nichte, also jene Frau, der Henry James das letzte Glück verweigert. Der Drehbuchautor legt diese Rolle ja ganz anders an, und die Hayward gibt dem Film – in der Rolle der gespaltenen Tina – das gewisse Etwas, das einen diesen Film nicht vergessen lässt: einerseits die kühle, wunderschöne Unnahbare, andererseits die weiche, liebende Hingebungsvolle.

Henry James: Die Aspern-Schriften. Ins Deutsche übersetzt von Bettina Blumenberg. dtv – Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2015.
Henry James: Briefe aus dem Jenseits, DVD. Koch Media 2012.