ANSCHAULICH, TURBULENT, KOMISCH

Ausschnitt aus dem Buchcover von „Die Dame mit der bemalten Hand“

Christine Wunnicke ist eine mit einschlägigen Preisen ausgezeichnete deutsche Schriftstellerin, sie schaffte es mit ihren Romanen auch immer wieder auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis. So zum Beispiel 2017 mit „Katie“, der Geschichte eines englischen Mediums aus dem 19. Jahrhundert, und heuer wieder mit „Die Dame mit der bemalten Hand“. Wie schon in „Katie“ verwendet die Autorin auch hier die Biografien historisch verbürgter Personen, erzählt diese Lebensgeschichten aber auf ihre ganz besondere Weise neu. Sie schafft es, Ironie und Humor mit einer fantastischen Lust am Erzählen zu verbinden.

Auf Elephanta, einer Insel vor dem indischen Mumbai treffen einander irgendwann im ausgehenden 18. Jahrhundert zufällig ein persischer und ein deutscher Astronom, wobei letzterer, Carsten Nieburg, tatsächlich gelebt hat. Der eine, der Deutsche, ist auf dem Rückweg von einer recht erfolglosen wissenschaftlichen Erkundungsreise, und der andere, der Astrolabienbauer Musa al-Lahuri, auf dem Weg nach Mekka. Sie vertreiben sich die Zeit während des Zwangsaufenthalts auf der einsamen Insel mit Astrologie und dem Erzählen von Geschichten, wobei Musa al-Lahuri keine Grenzen, auch nicht die zwischen Realität und Fiktion, kennt, während Niebuhr, maulfaul und auch gebeutelt vom Wechselfieber, nur das Notwendigste von sich gibt.

Wunnicke ergreift die Gelegenheit, um mit sprachlichem Auseinanderdriften und Zusammenkommen zu spielen, die Verschiedenheiten im abendländischen und orientalischen Denken anzusprechen. Sie erzählt das Davor und auch das Danach. Die Geschichte endet karg und nüchtern in Deutschland und blumig-üppig in Indien, plötzlich und unvermutet. Die Dame mit der bemalten Hand ist übrigens das Sternbild der Kassiopeia – oder vielmehr doch die schöne Tochter des Persers?

Die Autorin wurde für den Roman mit dem „Wilhelm Raabe-Literaturpreis“ 2020 ausgezeichnet: „Christine Wunnicke arbeitet den Wahnsinn am Grund unserer Erkenntnis und unseres Wissens heraus. Anschaulich, turbulent, komisch und deshalb schön“, lautete dazu die Begründung der Jury.

Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand. Berenberg Verlag, Berlin 2020.