„DIE ENTSCHLEIERUNG DER ERDE“

John Seldens Karte von China, entstanden im frühen 17. Jahrhundert (Detail)

In Zeiten von „Google-Earth“ und der Navis, die uns sicher an unsere Ziele bringen, schleppen wir keine schweren Atlanten mehr, betrachten Globen nur mehr als Kuriosa. Der Buchmarkt bringt uns aber diesen ganz eigenartigen Zauber, die Erde auf diese Weise von oben zu betrachten, wieder zurück. Bücher erzählen die Geschichte der Kartografie, weisen auf die Bedeutung der Geografie für die Politik hin, berichten von uralten Karten, die auf einmal wiederentdeckt werden. Karten, Mythen und Geschichten werden miteinander verbunden, Tatsächliches und Erfundenes wird angeboten: Länder, die es nicht gibt, ungewöhnlichste und unheimliche Orte, abgelegene und Phantom-Inseln und verlorene Städte. An einen Atlas der spielbaren Landkarten wird erinnert, und ein Atlas der Abenteuer enthält Weltkarten für jugendliche Entdecker und Tagträumer. Die abgelegene Insel war immer auch schon ein Plot für Romanciers, schreibende Frauen sehen das heute ganz anders.

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Wissenschaft zuerst: Der Historiker Reinhard Barth gibt in seinem Buch „Die Vermessung der Erde“ einen Überblick über die Geschichte der Kartografie von der Papyrusrolle bis zum GPS und stellt da gleich einmal die Frage, wie wir denn dazugekommen sind, uns geografisch exakte Bilder von der Erde zu machen. Er zeigt, wie frühere Generationen ihre Umwelt sahen, von welchen Vorstellungen sie geleitet wurden, welchen Irrtümern sie unterlagen. Karten erzählen Geschichten und Geschichte, sie dienten dem Zurechtfinden, markierten Besitzverhältnisse, dokumentierten Machtverhältnisse, halfen bei der Verwaltung, mit Karten wurde Politik gemacht und sie dienten der Dekoration. Barth geht auch der Faszination nach, die alte Karten noch heute auf uns ausüben. Entsprechend prächtig ist sein Buch auch illustriert. Er beginnt mit der ersten Karte, einer Wandmalerei aus dem Jahr 6200 v. Chr., spannt einen weiten Bogen über die Jahrtausende und stellt am Ende des Buches fest, dass der Anwendung von Karten auf Papier im digitalen Zeitalter keine Grenzen gesetzt sind, so wird z.B. statistisches Material jeglicher Art in Kartenbilder umgewandelt.

Tim Marshall ist außenpolitischer Berichterstatter und schrieb ein Buch über „Die Macht der Geographie“ mit dem Untertitel: „Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt“. Marshalls Thema ist die Geopolitik, die aufzeigt, wie internationale Angelegenheiten vor dem Hintergrund geografischer Faktoren zu verstehen sind. Da geht es nicht nur um Wirtschaft, sondern auch um Klima, Zugang zu Ressourcen usw. Geografie, so meint Marshall, ist einer der wichtigsten Faktoren in der Politik und wird dennoch am häufigsten übersehen. Er behandelt von Russland bis zur Arktis die Gebiete, auf denen sich geopolitisch die dringlichsten Situationen ergeben und erklärt so anhand von zehn Karten Weltpolitik.

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Immer wieder machen alte Landkarten Schlagzeilen. Einer dieser alten Karten, der Karte des Mr. Selden, widmet der China-Spezialist Timothy Brook sein Buch „Wie China nach Europa kam“. Die Karte ruhte nämlich 350 Jahre in einem Keller in Oxford, und weil es kaum Quellen gibt, die etwas über sie verraten, macht sich Brook daran „Türen zu öffnen, Flure und Räume zu erkunden“. So wie viele englisch schreibende Sachbuchautoren verfügt er über einen entsprechenden literarischen Wortschatz und lässt einen so an seinen ungemein spannenden Erlebnissen mit dieser alten chinesischen Karte teilhaben. In vielen Geschichten weit ausufernd nähert er sich doch immer wieder dem Thema an und blickt am Schluss befriedigt auf seine doch recht erfolgreiche Spurensuche zurück.

Die Reisejournalistin Francisca Mattéoli betrachtet Geografie ganz anders. In ihrem Buch „Karten – Mythen und Geschichten“ provoziert sie gleich einmal mit der Feststellung, dass Geografie faszinierend, amüsant und erhellend sein könne, gleichzeitig aber auch schrecklich, falsch und irreführend. Die Interpretation der Landkarten hänge ihrer Meinung nach von der Persönlichkeit des Betrachters ab, auf Karten sei alles möglich, man könne in ihnen lesen, wie in einem Roman. Sie wählt ihre Ziele recht eklektisch aus, beginnt mit den vergessenen Stätten Petra, Angkor Wat und Machu Picchu, und so fallen ihr auch zu den weiteren Themen entsprechend faszinierende, amüsante und erhellende Beispiele ein. Nichts an ihrem Erzählen ist schrecklich, falsch und irreführend. Und die Illustrationen sind atemberaubend.

Eines haben diese Autorinnen und Autoren, die Landkarten, Länder, Orte und Inseln zum Thema ihrer Bücher gemacht haben, ja alle gemeinsam: Sie sind begnadete Geschichtenerzähler. Egal, ob es diese Plätze, von denen sie erzählen, nun gibt oder nicht, sie erzählen ungemein spannend, ziehen einen mit dorthin an die ungewöhnlichen, unheimlichen, verlorenen, abgelegenen Orte. Es ist auch so, dass man den einen oder anderen Ort in mehreren Büchern findet, und die Beschreibungen miteinander zu vergleichen ist ein besonderes Vergnügen. Betreut und begleitet werden all diese phantastischen Geschichten von entsprechenden Illustrationen, und sie sind eingebettet in ebenso wunderschön gemachte bibliophile Kostbarkeiten.

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So vertraut uns die heutigen, politischen Weltkarten sind, gibt es doch zahlreiche Länder, die ein Schattendasein führen. Nick Middleton, Fernsehstar, Schreiber und Geograf, hat ein Kompendium über fünfzig nicht anerkannte und weithin unbekannte Staaten unter dem Titel „Atlas der Länder, die es nicht gibt“ verfasst. Natürlich gibt es diese Länder, man hat ihnen – beginnend mit der Isle of Man über Nordzypern, Tibet und die Krim bis hin zu den UMMOA-Inseln (United Micronations Multi-Oceanic Archipelago) – bisher jedoch den Anspruch auf Anerkennung verwehrt. Middleton ist ein Meister der Untertitel, weiß zu jedem seiner fünfzig Länder dessen Historie und zeigt auch eine Karte, wo es sich jeweils befindet.

Travis Elborough reist gern auf alten Landkarten und in verwinkelten Bibliotheken, und so hat er gemeinsam mit Alan Horsfield einen „Atlas der ungewöhnlichsten Orte“ herausgebracht. Eine Reise zu verwunschenen Plätzen, verlassenen Inseln und geheimnisvollen Labyrinthen. Warum das gerade 51 Plätze sind, werden wohl nur die Autoren wissen. Sie unterteilen diese Plätze in Realisierte Träume, Verlassene Orte, Gebaute Kuriositäten, Inselwelten, Schaurige und Unterirdische Orte. Zu jedem Platz fällt ihnen eine Geschichte ein, zeigen sie ein Foto und den Platz auf der Landkarte. „Jeder einzelne hier beschriebene Ort hat eine Geschichte zu erzählen. Eine Karte ist nicht das Territorium, das sie abbildet, und Geschichte nicht die Summe dessen, was einen Ort ausmacht. Doch vielleicht müssen wir beides lesen, um besser zu verstehen, wo wir sind und wohin wir gehen.“

Olivier le Carrer ist Journalist und begeisterter Segler. Eine düstere Reise um die Welt bietet er in seinem „Atlas der unheimlichen Orte“ an. Diesmal sind es vierzig: „Eine hübsche Ansammlung all dessen, was die erschreckende, faszinierende Komplexität des Menschen ausmacht“. Er beginnt mit den Klippen von Ault, kommt gleich danach nach Nürnberg, hört dort am Reichsparteitagsgelände das „Echo der Stiefel“ und endet in der französischen Vendée in Blaubarts Schloss. Ein Alptraum reiht sich an den anderen, objektiviert durch die Landkarten, die jene Orte zeigen, an denen sich das alles zugetragen hat. Nicht überall, wo einem ein Inselparadies versprochen wird, ist so auch eines zu finden.

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Die französische Journalistin Aude de Tocqueville versammelt in ihrem „Atlas der verlorenen Städte“ zwanzig Orte, die wir zum Teil kennen, wie Pompeji oder Masada, und einer der schönsten ist wahrscheinlich Fatehpur Sikri im indischen Radjasthan. Der Gedanke vom Kommen und Gehen, vom Entstehen und Verschwinden, ist dabei öfters zu finden, so werden Parallelen zum menschlichen Leben gezogen, die diese Beschreibungen noch eindringlicher werden lassen. Illustriert werden diese verlorenen Städte durch Zeichnungen, die in die Landkarten hineingesetzt werden und die die Verlorenheit ganz besonders stark ausdrücken.

Inseln. Abgelegene Inseln sind das Motto in dem Buch der Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky. Ihr „Atlas der abgelegenen Inseln“ wurde schon 2009 zum schönsten deutschen Buch des Jahres gekürt. Das ist die eine Seite, die andere ist das, was Schalansky schreibt. Sie ist ein Atlaskind, sie „liebt das Leuchten vom Dunkelgrün der Tiefebenen, das hochgebirgige Rotbraun oder das polare Gletscherweiß, so wie die vielen Blautöne des Meeres“. Sie beschreibt fünfzig Inseln, erzählt deren Geschichten: „Die Insel ist ein theatraler Raum: Alles, was hier geschieht, verdichtet sich beinahe zwangsläufig zu Geschichten, zu Kammerspielen im Nirgendwo, zum literarischen Stoff.“ Sie gibt deshalb auch zu, dass Wahrheit und Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten sind. Ganz stark kommt in ihren Kartenbildern die Einsamkeit heraus: All diese Inseln sind einfach in eine riesengroße, blaue Meeresfläche hineingesetzt. Und schon wirkt auch die größte Insel verschwindend klein.

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Dazu passt jetzt das „Lexikon der Phantominseln“, das Dirk Liesemer erstellt hat. Dreißig sind es diesmal und keine hat je wirklich – außer in der Einbildung und Vorstellungskraft irgendwelcher Menschen – existiert. „Machtgelüste, Hochstapelei, Alkoholeinfluss, Kurzsichtigkeit – oder ganz einfach die Lust an der Täuschung“ sind die Grundlage von fabelhaften Geschichten. Und der Stoff geht nicht aus. Soll es doch weltweit zwischen 130.000 und 180.000 Inseln geben. Und immer wieder werden neue gefunden – oder erfunden. In kühlen Blautönen haben die Buchmacher die Karten dieser Phantominseln gehalten.

Die Erinnerung ans Spielen: Voriges Jahr bekam „Die Welt im Spiel“, ein „Atlas der spielbaren Landkarten“ von Ernst Strouhal bei der Wahl der schönsten Bücher Österreichs einen Staatspreis „als umsichtig durchdachtes Gesamtkunstwerk“.

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Einen Einstieg in die Welt der Atlanten könnte für Kinder der „Atlas der Abenteuer“ sein. Sarah Sheppard zeichnet und schreibt „Weltkarten für Entdecker und Tagträumer“, sie zeigt wo das Bermudadreieck zu finden ist, wo es Gold und Edelsteine gibt, Piraten und Schätze, gefährliche Tiere, bringt aber auch ganz solide Landkarten, auf denen man sich gut zurechtfindet. Fahnen üben auf Kinder eine ganz besondere Wirkung aus, und so hat Sheppard die ersten und letzten beiden Seiten mit den Flaggen aller Nationen illustriert.

(4.12.2016)