DIE ZWEI SEITEN EINES ALPENLÄNDISCHEN LITERATEN

Ausschnitt aus dem Buchcover

Niemand – außer ein paar Tiroler Insidern – wusste davon, dass Otto Grünmandl zunächst ganz andere literarische Ambitionen hatte, als mit den „Alpenländischen Interviews“ im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt und berühmt zu werden. „Ein Unheld, der den Menschen das Lächeln herbeigezaubert hat aus dem Etwas, aus dem Immer und aus dem Nichts“, schreibt der bayrische Kabarettist Gerhard Polt in seinem Text „Für Otto“, der Einleitung zum ersten Teil der auf fünf Bände geplanten Werkausgabe im Innsbrucker Haymon Verlag. Damit meint Polt den spätberufenen Kabarettisten Grünmandl. Die Herausgeberinnen der Werkausgabe, Maria Piok und Ulrike Tanzer (beide am Forschungsinstitut Brenner-Archiv tätig), wollen aber vor allem den „anderen“ Grünmandl zeigen.

In einem Nachwort – das man, wie so oft, eigentlich vorher lesen sollte – wird man mit dem Leben vor seiner einschlägigen Berühmtheit vertraut gemacht. Grünmandl fürchtete durch die Arbeit im elterlichen Textilbetrieb in Hall in Tirol zu veröden. „Bin nämlich Poet“, schreibt der 25-Jährige 1949 an seinen Freund, den Komponisten Peter Zwetkoff. Die literarische Szene betrat er erst 1956, als Rudolf Felmayer im Wiener Bergland Verlag die Novelle „Ein Gefangener“ veröffentlichte, im selben Jahr sendete der Südwestfunk eine Hörspielbearbeitung. 1970 wurde er mit den „Alpenländischen Interviews“ dann so populär, dass seine übrigen literarischen Arbeiten in den Hintergrund traten, sogar von ihm geheim gehalten wurden. („In einer Art Verweigerung sich selbst gegenüber“, schreibt Martin Sailer im Nachwort zu der 2000, im Todesjahr Grünmandls, erschienenen Prosa- und Gedichtsammlung „Hinter den Jahren).

Doch nun zum ersten Band der Werkausgabe, und da gleich zur titelgebenden Novelle: „Ein Gefangener“. Sie spielt knapp vor Kriegsende, ein Wachsoldat hat einen Gefangenen von hier nach dort und dann wieder zurück zu bringen. Eine Szenerie, die in ihrer Surrealität an Kafka erinnert, wären da nicht die leidenden Menschen, die auch mitfühlenden Menschen, mit denen der Autor seine Novelle bevölkert. Er schreibt von diesem menschlichen Leid direkt und ungeschminkt, karg und unsentimental in knappen Sätzen, die er zu kurzen Kapiteln zusammenfasst. Die wieder sind collageartig angeordnet, Tagebucheintragungen wechseln einander ab mit Kapiteln, die mit „Es geschah“ betitelt sind. Es ist die Atmosphäre aus längst vergangenen Tagen, die Grünmandl so bedrückend einzufangen versteht, die die Lektüre dieses Buchs zu einem ganz besonderen Ereignis macht.

Apropos Atmosphäre: Grünmandl schrieb auch Gedichte. Und es ist so, dass sich Bilder aus der Novelle, die dort ins Geschehen verflochten sind, in Gedichten selbstständig und verknappt wiederfinden. In den Gedichten kann er auch von Liebe schreiben, von einem „kußzarten Hauch“, lässt einen das Paradies ahnen, kommt aber immer wieder auf eine eher düstere Grundstimmung zurück, auf „kreidige fahle Wüsten“ und „schwarze Korallenstauden“, bedrückende Stillleben. Dazwischen findet sich in diesem ersten Band der Werkausgabe kürzere Prosa – und insgesamt kann man gespannt sein, was die folgenden Bände bringen werden.

Otto Grünmandl: Ein Gefangener. Werkausgabe Band 1. Kurzprosa und Gedichte. Hrsg. von Maria Piok und Ulrike Tanzer. Haymon Verlag, Innsbruck 2019.