DURCH METROPOLEN FLANIEREN

Antonio Muñoz Molina: Gehen allein unter Menschen. Ausschnitt aus dem BuchcoverAntonio Muñoz Molina: Gehen allein unter Menschen. Ausschnitt aus dem Buchcover

„Gehen allein unter Menschen“ – oder, in der Originalausgabe: „Un andar solitario entre la gente“ – lautet der Titel jenes Buches, mit dem sich der renommierte spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina dem Flanieren widmet. Und es ist eine ganz spezielle Art der Wahrnehmung, die seinen Flaneur durch Metropolen wie vor allem Madrid, aber etwa auch Paris und New York, leitet: „Ich bin ganz Ohr. Ich höre mit meinen Augen. Ich höre, was ich in der Werbung sehe, auf den Titelseiten der Zeitungen, auf den Plakaten und den Anzeigentafeln der Stadt. Ich reise durch eine Stadt der Worte und Stimmen.“ Es ist faszinierend, welche Vielzahl an Eindrücken sich ihm da bietet. Aus einer abendlichen Idylle, in der die Blätter rauschen und die Schwalben pfeifen, reißt er einen im nächsten Text heraus, in dem er beschreibt, wie ihn die optischen Eindrücke überfallen: „Ich lese jedes geschriebene Wort, dem ich auf meinem Weg begegne.“

Das mit 544 Seiten recht umfangreiche Buch ist in kurze, meist nur knapp seitenlange Abschnitte gegliedert. Die Texte, die man als eine Mischung aus Essay, Tagebuchnotizen und Stimmungsbildern bezeichnen könnte, tragen Titel, die zwischen Aufforderung und Befehlsform gehalten sind: „Hör die Geräusche des Lebens“ oder „Dring in die Welt ein“. Es sind aber nicht nur optische und akustische Eindrücke, die den Erzähler überfallen, auch Gerüche dringen auf ihn ein. Es herrscht ein berauschender verbaler Überfluss. Zu Fuß oder mit der U-Bahn ist er in Madrid unterwegs. Nie anders: „Durch das Rattern des Zuges dringt das wirre Geschnatter von Stimmen, fast alle von Leuten, die in ihre Handys sprechen.“

Er drückt das aus, was uns tagtäglich unterkommt, aber bei ihm hat es nicht das Grau des Alltäglichen, denn er zeichnet es mit dem Glanz des Besonderen aus. „Ich achte kaum auf Gesichter, nur auf Geschriebenes, auf die Stimmen, Klingeltöne.“ Auf Inschriften fallen ihm altertümliche Wortbildungen auf, zu denen er dann – literarisch gebildet, wie er ist – alte Dichtungen assoziiert. In dem Text mit dem Titel „Wo deine Fantasien Wirklichkeit werden“ hält er sein Programm fest: „Ich bin nicht das, was ich denke oder mir vorstelle oder an was ich mich erinnere, sondern das, was mir vor die Augen kommt, was ich höre, ich bin der Spion mit dem Geheimauftrag, alles in mich aufzunehmen, alles einzusammeln.“ Man wird vielleicht nicht alles mit diesem Flaneur einsammeln wollen, man wird ihn vielleicht nicht bei all seinen höchstpersönlichen Assoziationen begleiten, die er da mit einem Bleistiftstummel in einem Notizheft festhält, aber man wird dann doch immer wieder weiterlesen. Bei dem „Ganz-Ohr-Sein“ kommen ihm auch Geschichten unter, die ihm Menschen erzählen. Oder Geschichten aus Biografien von Autoren, die ihn besonders beeindrucken, wie etwa Edgar Allan Poe, den er mit dessen Erzählung „Der Mann der Menge“ durch das alte London begleitet.

Dann wieder tritt er beiseite und beobachtet sich selbst als Fremden, der durch die Stadt streift, seine Aktentasche mit Reklamezetteln, Aufklebern, Anzeigen und Gratiszeitungen füllt und das Gesammelte in einem kleinen Zimmer ausschneidet und in Kuverts einordnet. Es folgt ein sehr persönliches, liebevolles Zwischenspiel, in dem er eine Frau verbal umschmeichelt. Aber gleich nach diesem Intermezzo berichtet er davon, dass er einen Kartondeckel gefunden hat, der perfekt dazu geeignet wäre, seine Notizen aufzunehmen. So könnte man ihm Seite um Seite folgen, wie er den Augenblick festhält, „in dem sich Wertvolles in Müll verwandelt“ und er dennoch immer weiter und weiter sammelt. Dann erinnert er sich wieder an seine glückliche Kindheit, kommt von Walter Benjamin, der Spielzeug und Kinderbücher sammelte, zu Paul Klee, der Puppen hergestellt hat.

Wie gesagt, dieser Flaneur bezaubert mit jedem der kurzen Texte. Wenn man bereit ist, ihm zu folgen. Es ist auch wieder sehr schwer, sich von seinem Erzählen loszureißen, man muss einfach mit ihm weiter, wenn er einen zum Beispiel auffordert: „Entdecke Empfindungen wieder, die dein Alltag nicht immer für dich bereithält.“ Zu diesen gehört es etwa, sich in der Heimatstadt in einem Hotel einzumieten. Andere Farben bringt er in sein Sammeln, wenn er sich Horror-Stories aus der Boulevard-Presse holt, die er nacherzählt. Später verlegt er sein Flanieren – oder besser, seine Fußmärsche – nach New York, denn in keiner der vielen Städte, durch die er gegangen ist, „waren die Gehwege so für Fußmärsche und für Blicke geeignet wie in dieser.“ Er verfällt der Schönheit, die in der Stadt zu Hause ist. New York ist ihm aber auch Anlass, wieder von Edgar Allan Poe zu erzählen. Zum guten Schluss kommt man mit ihm zurück nach Madrid, ist glücklich und erschöpft und hofft, sich das Zitat Federico García Lorcas zu merken: „Zeichne einen Grundriss deiner Wünsche und wohne darin in Schönheit.“

Das Buch ist mit Funden all der Spaziergänge illustriert und – das soll hier ganz besonders hervorgehoben werden – von Willi Zurbrüggen meisterhaft ins Deutsche übertragen.

Antonio Muñoz Molina: Gehen allein unter Menschen. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Penguin Verlag, München 2021.