EIN BESTSELLER AUS KOREA: „ALS MUTTER VERSCHWAND“

Ausschnitt aus dem Cover der britischen Ausgabe

Ein älteres Ehepaar aus einem Dorf irgendwo in der südkoreanischen Provinz fährt mit der Bahn in die Hauptstadt Seoul, um seine dort lebenden vier Kinder zu besuchen. Im Gedränge der „Seoul Station“ wird die Frau vom Mann getrennt, geht in der Menschenmenge verloren und bleibt verschwunden. Wochen- und monatelang suchen ihre Töchter und Söhne die riesige Stadt nach der unter Verwirrtheitszuständen leidenden So-nyo ab, Flugblätter mit Fotos von ihr werden verteilt, in den Zeitungen erscheinen Suchanzeigen – doch von der Vermissten fehlt jede Spur. Für die Familie bedeutet das Verschwinden von So-nyo eine dramatische Wende, die das Leben aller verändert.

„Als Mutter verschwand“ lautet in der deutschen Übersetzung der Titel dieser Geschichte, mit der die südkoreanische Schriftstellerin Kyung-Sook Shin einen internationalen Sensationserfolg gelandet hat: Als der Roman 2008 in Südkorea erschien, wurden dort innerhalb weniger Monate eineinhalb Millionen Exemplare des Buches verkauft – ein in der Literatur- und Buchhandelsgeschichte des Landes noch nie zuvor dagewesener Rekord. Ebenso bemerkenswert wie der außergewöhnliche Erfolg in Südkorea ist auch das große internationale Interesse für das Buch. Innerhalb weniger Monate nach der Veröffentlichung in Südkorea waren die Übersetzungs- und Veröffentlichungsrechte für 19 Sprachen verkauft.

Kyung-Sook Shin wurde 1963 als Kind von Bauern in einem Dorf in der Provinz Jeollabuk-do im Südwesten Südkoreas geboren. Mit 16 Jahren übersiedelte sie nach Seoul, verdiente ihren Lebensunterhalt als Fabrikarbeiterin, absolvierte eine Abendschule und danach das „Seoul Institute of the Arts“, das sie mit einem Master-Degree für „Creative Writing“ abschloss. Bereits für ihre erste Veröffentlichung, die 1985 erschienene Erzählung „Wintergeschichten“, wurde Kyung-sook Shin mit einem Literaturpreis ausgezeichnet; seither hat sie mehr als ein Dutzend Romane und Erzählsammlungen publiziert und zählt zu den erfolgreichsten SchriftstellerInnen Südkoreas. Ihr erster internationaler Erfolg war der 1995 erschienene Roman „Das Zimmer im Abseits“, die stark autobiographisch gefärbte Geschichte einer jungen Frau im Südkorea der 1970er Jahre. Das Buch, das auch in deutscher Übersetzung erschien, wurde unter anderem mit dem renommierten französischen „Prix de l’Inaperçu“ ausgezeichnet. Kyung-sook Shin lebt in Seoul.

Kyung-Sook Shins aktueller Erfolgsroman (der in der amerikanischen Ausgabe den Titel „Please Look After Mom“ und in der britischen „Please Look After Mother“ trägt) ist in fünf große Abschnitte gegliedert. In jedem steht ein anderes Familienmitglied im Mittelpunkt – und bei jedem löst der Schock über das Verschwinden der Mutter eine Flut von Erinnerungen aus. Gemeinsam ist allen, dass sie während der desparaten Suche nach der Verschwundenen von Gewissensbissen geplagt werden: warum haben sie sich nicht mehr um Mutter gekümmert, warum haben sie sich nie gefragt, ob diese denn mit ihrem Leben, das ganz auf die Familie konzentriert war, zufrieden sei? Einige dieser Abschnitte sind in Du-Form abgefasst, wodurch sie, als eine Art innerer Monolog, einen hohen Grad an Intimität erhalten, gleichzeitig aber auch die LeserInnen stark emotional mit einbeziehen. Keines der vier Kinder und auch nicht der Ehemann schien So-nyo wirklich gekannt zu haben – aber aus ihren unterschiedlichen Erinnerungsströmen ergibt sich allmählich ein vielschichtiges Bild einer Frau, die weitaus rebellischer war, als es zunächst den Anschein hat.

Der große Erfolg des Buches hängt sicher zu einem wesentlichen Teil mit dieser differenzierten und sehr sensiblen Auseinandersetzung mit der Mutterrolle und familiären Klischees zusammen. Faszinierend für das internationale Publikum ist an Kyung-Sook Shins Roman aber sicher auch das spezielle Ambiente. Ein Großteil der Erzählung führt in das Südkorea der 1950er bis 1980er Jahre, als besonders die ländliche Bevölkerung unter dem Koreakrieg und dessen Nachwirkungen zu leiden hatte. In den Erinnerungen der Familie taucht dies immer wieder in einzelnen oft sehr berührenden Episoden auf. So etwa wenn beschrieben wird, wie einer der Söhne, damals noch ein Kind, jeden Abend mit der einzigen Kuh, die die Familie besaß, zur Polizeistation pilgerte, dort das Tier an einen Baum anband und sich neben ihm auf einer Strohmatte schlafen legte – um so das Tier vor plündernden Soldaten zu schützen, von denen die Region terrorisiert wurde.

Der Rückblick der im Seoul des Jahres 2008 lebenden Kinder So-nyos auf die Kindheit im Dorf ergibt ein facettenreiches Bild einer Gesellschaft, die sich innerhalb kurzer Zeit radikal verändert hat und immer noch von vielen Gegensätzen geprägt ist. So gehören So-nyos Kinder dem gebildeten, liberalen Mittelstand der Millionenmetropole an – während die Mutter, eine Analphabetin, in den Traditionen – und auch in den Zwängen – der bäuerlichen Dorfgemeinschaft verankert ist.

Die Erinnerungen der Familienmitglieder kreisen aber auch um jene Feste und Zeremonien, die typisch vor allem für das ländliche Leben in Südkorea waren und sind. Die Mutter legte dabei viel Wert auf die traditionellen Feiern, die in vielen Details geschildert werden. Zusätzliche Würze erhält die Erzählung dabei durch die Beschreibung all der vielen Speisen, die So-nyo für ihre Familie zubereitet.

In ihrer Rezension des Buches in „The Times Literary Supplement“ (29.4.2011) schrieb Kelly Falconer: „A captivating story, written with an understanding of the shortcomings of traditional ways and modern life. It is nostalgic but unsentimental, brutally well observed and, in this flawlessly smooth translation, it offers a sobering account of a vanished past. It is the seventh novel by the much-praised Kyung-sook Shin and the first to be translated into English after a best-selling 1.5 million print run that changed the face of publishing in Korea in 2008. We must hope there will be more translations to follow.” 

Kyung-Sook Shin: Als Mutter verschwand. Übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann. Piper Verlag, München 2014. Der Roman ist als Taschenbuch und als E-Book erhältlich. In einer gekürzten Hörbuchfassung ist das Werk im Verlag Hörbuch Hamburg erschienen.

Nur noch im Antiquariatsbuchhandel (und mit anderer Transkription des Namens) erhältlich ist die deutsche Fassung von Kyung-Sook Shins zweitem international erfolgreichen Roman:
Kyongsuk Sin: Das Zimmer im Abseits. Übersetzt von Kim Youn-Ock. Pendragon Verlag, Bielefeld 2001.

Lieferbar ist die französische Fassung dieses Buches:
Kyung-sook Shin: La Chambre Solitaire. Übersetzt von Jeong Eun-Jin und Jacques Batilliot. Editions Philippe Picquier, Arles 2010.