1979–1989: EIN JAHRZEHNT IN „OLD EUROPE“

Wien, Schloss Belvedere (Foto: B. Denscher)Wien, Schloss Belvedere (Foto: B. Denscher)

Es ist eine abwechslungsreiche berufliche Laufbahn, auf die der britische Publizist Richard Bassett zurückblicken kann: Nach dem Abschluss des Jurastudiums in Cambridge führte sein Weg zunächst nach Triest, wo er Englisch unterrichtete. Weiter ging es nach Ljubljana, wo Bassett als Hornist Mitglied des Opernorchesters wurde und außerdem eine wissenschaftliche Arbeit über den slowenischen Architekten Josef Plečnik verfasste, für die er dann in London einen Mastertitel in Kunstgeschichte erhielt. Die nächste Station war Wien, von wo aus Bassett als Auslandskorrespondent für die „Times“ tätig war. Er spezialisierte sich vor allem auf die Berichterstattung über die Situation im zunehmend brüchigen Ostblock, was ihn dann unter anderem nach Warschau, Danzig, Berlin, Leipzig und Prag führte. Bis 1991 blieb Bassett Korrespondent der „Times“ und war dann als Osteuropaexperte für verschiedene britische Institutionen tätig. Vor allem aber hat er sich seither als Autor von Büchern zur Geschichte von Mittel- und Osteuropa einen Namen gemacht.

Richard Bassetts neuestes Werk ist stark autobiografisch angelegt: „Last Days in Old Europe: Trieste ’79, Vienna ’85, Prague ’89“ lautet der Titel des Bandes, der im Jänner 2019 erschienen ist und bei der englischen Kritik durchwegs gut ankam. Von einer „charming, imaginative and elegantly written memoir” („Evening Standard“) ist da die Rede und die „Literary Review“ lobt Bassett als einen „dedicated observer of people and things, whom no detail escapes“. Und wenn „The Economist“ Bassett in die Reihe der „great chroniclers of Europe – the Prousts, Zweigs, Lampedusas, Leigh-Fermors and Bassanis“ stellt, so ist dies zwar freundliche kollegiale Übertreibung, Tatsache aber ist, dass es Bassett versteht, einen interessanten und gut lesbaren Einblick in jene „Welt von gestern“, wie er sie zwischen 1979 und 1989 in Mittel- und Osteuropa erlebte, zu vermitteln. Er präsentiert sich dabei als kontaktfreudiger junger Mann, der nicht nur durch sein Aussehen – „tall and thin“ – dem Klischee eines typischen Engländers entsprach, sondern auch durch sein Traditionsbewusstsein und seinen Konservativismus. Mit einem antiquarischen Baedeker als Reiseführer war der 22-Jährige (inspiriert durch James Joyce) nach Triest gereist, wo ihm seine Lehrtätigkeit an der British School viel freie Zeit für interessante Begegnungen lässt – so etwa mit dem Schriftsteller Giorgio Voghera, der vermutlich der Verfasser des unter dem Pseudonym Anonimo Triestino herausgekommenen Romans „Das Geheimnis“ war, oder mit Gottfried Banfield, dem im Ersten Weltkrieg hochdekorierten Marineflieger und späteren Leiter der Triestiner Reederei Tripcovich.

In das slowenische Opernorchester war Bassett durch Zufall gekommen: Zwei Balletttänzerinnen, mit denen er bei einem Spaziergang in Ljubljana ins Gespräch gekommen war, hatte er erzählt, dass er das Waldhornspiel beherrsche. Die beiden verschafften ihm einen Termin für ein Vorspielen, das ihm sein Engagement einbrachte. Bassett berichtet davon mit jener Selbstironie und jenem feinen Humor, die in seinem Buch immer wieder zu finden sind. So etwa, wenn er gesteht, dass er sich in naiver Ahnungslosigkeit um den Job als Korrespondent der „Times“ beworben und sich das nötige Basiswissen dann aus dem Buch „Teach Yourself Journalism“ geholt hatte. Derart ausgerüstet brach Bassett 1985 nach Wien auf. Seiner Tätigkeit dort widmet er den zweiten Teil seines Buches, den er „The Charm of Old Austria“ betitelt hat. Allerdings scheint er diesem Charme und seiner Begeisterung für das Altösterreichische so sehr erlegen gewesen zu sein, dass sein Wien-Bild allzu klischeehaft geraten ist. Da hätte ein kluges Lektorat ein wenig eingreifen sollen – ebenso wie leider auch verabsäumt wurde, die Korrektheit der deutschen und wienerischen Begriffe, die Bassett gerne in den Text einstreut, zu überprüfen. Durch die Rechtschreib- und Grammatikfehler, die sich da vielfach eingeschlichen haben, verliert dieses an sich reizvolle Stilmittel an Wirkung.

Wirkungsvoll und packend hingegen ist der dritte Teil des Buches, in dem es um die politische Wendezeit im europäischen Osten geht, die Bassett hautnah miterlebt hat. Nicht seine politischen Einschätzungen sind hier das Interessante (er erzählt, wie er die Entwicklung damals beurteilt hat, manches davon ist heute zu relativieren), sondern die Berichte von der täglichen, oft mühevollen und vielfach dramatischen journalistischen Arbeit.

Insgesamt: Ein lesenswertes Buch, das zwar zu manchem Widerspruch reizt, das aber auch neue Perspektiven eröffnet und zu weiterer Beschäftigung mit der Geschichte von „Old Europe“ anregt.

Richard Bassett: Last Days in Old Europe: Trieste ’79, Vienna ’85, Prague ’89. Allen Lane/Penguin, London 2019.