EIN SHERIFF IN DER AMERIKANISCHEN PROVINZ

Ausschnitt aus dem BuchcoverAusschnitt aus dem Buchcover

Castle Freeman ist 1944 in Texas geboren und lebt nun in einem kleinen Ort in Vermont. Schreiben wollte er immer schon. Langsam, ganz langsam baute er seine Karriere auf, zum Beispiel als Autor für den „Old Farmers Almanac“. Erst 2008 landete er mit „Go With Me“ seinen ersten großen Erfolg, der auch, unter dem Titel „Blackway“ und mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle, verfilmt wurde. Auf „Go With Me“, das 2016 als „Männer mit Erfahrung“ auch auf Deutsch erschien, folgten „All That I Have“ („Auf die sanfte Tour“) und „Old Number Five“ („Der Klügere lädt nach“). Und jetzt liegt der im Vorjahr publizierte Band „Children of the Valley“ unter dem deutschen Titel „Herren der Lage“ vor.

Held all dieser Romane ist Lucian Wing, ein nicht mehr ganz junger Sheriff, der die größeren und kleineren Vorkommnisse in einem verschlafenen Städtchen in Vermont ganz unspektakulär erledigt. Im ersten Buch schaffte es Freeman noch bis zu einem richtigen Showdown, der allen Wildwestfilmen zur Ehre gereicht hätte. Mittlerweile werden der Erzähler und sein Held immer ruhiger und lassen jede Menge Zeit vergehen. Freeman setzt die Pointen – über die man wirklich lachen kann – so spät es nur geht und nimmt die Action fast völlig aus dem Geschehen. Das höchste der Gefühle ist, wenn ein wildes Schwein durch die Gegend fetzt, dann aber tönt gleich wieder Flötenspiel aus einem Zelt. Lucians Vorgänger im Amt und sein Schwiegervater stehen ihm, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, eine Flasche Whisky zu leeren, mit Rat und Tat zur Seite. Ganoven aus der großen Stadt meinen nämlich, dem Ort ihre Gesetze aufdrücken zu können. Zwischendurch, wenn der Sheriff von seinen Deeskalationsbemühungen auf dem Weg nach Hause noch ein Bier trinkt, denkt er durchaus Insubordinäres über die Zustände im Land. Er denkt es aber nur, spricht es selten aus.

Was unbedingt hervorgehoben werden muss, ist die Übersetzung von Dirk van Gunsteren. Dieser weiß nämlich ganz genau, wie er Freemans lakonischen Stil adäquat ins Deutsche überträgt. Es ist ein Buch für all jene, die die guten alten Wildwestfilme mögen, aber es vielleicht doch auch gerne etwas ruhiger haben. Und sich die Lektüre eventuell mit einem Glas Bourbon verschönern.

Castle Freeman: Herren der Lage, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Verlag Hanser, München 2021.