EINE SCHULE DES SEHENS

„Schule des Sehens“ nannte der Maler Oskar Kokoschka seine „Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg“ – eine cineastische „Schule des Sehens“ hat Klaus Nüchtern mit dem Buch „Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie“ vorgelegt. Der Kulturredakteur der Wiener Wochenzeitung „Falter“ geht dabei wahrhaft in die Tiefe der Materie. Nicht so sehr die Details der Biografie von Keaton sind das Thema des Autors, sondern eine penible und differenzierte Darstellung des filmischen Oeuvres bildet den Inhalt der Untersuchung: „Das Thema des Buches“, so Klaus Nüchtern, „sind die Stummfilme Buster Keatons, also das, was man meint, wenn man von ‚Keatons Filmen‘ spricht. Innerhalb eines Jahrzehnts, das mehr oder weniger mit den zwanziger Jahren deckungsgleich ist, hat Keaton ein Werk geschaffen, das sich durch seine Eigenständigkeit in der Thematik, der Komik und im visuellen Stil auszeichnet. Dieses Buch ist keine Biografie. Unerlässliche Daten und Informationen wurden selbstverständlich eingewoben, ebenso wie Hinweise, Anekdoten und vor allem Originalzitate Keatons, die ein bezeichnendes Licht auf dessen Arbeit als Filmemacher und Komiker werfen.“

Eine von Keaton selbst erzählte Anekdote, nämlich darüber, wie der als Joseph Frank Keaton am 4. Oktober 1895 in Piqua, Kansas, geborene Schauspieler zu seinem Spitznamen Buster kam, findet man gleich am Beginn des Buches: „Als ich sechs Monate alt war, fiel ich eine Treppe hinunter und brach in Geschrei aus. Houdini, der in der Nähe war, hob mich auf und sagte: ‚My, what a buster!‘“ Auch wenn der berühmte Entfesselungskünstler Harry Houdini vielleicht doch nicht der Namensgeber gewesen war – das Wort „Buster“ – das nach dem Oxford Dictionary „a person or a thing that breaks, destroys, or overpowers something“ oder auch „a heavy fall“ bedeuten kann, wurde Keaton zum Lebensbegleiter und Markenzeichen.

Die Kunst des für das Publikum schönen und für den Darsteller oft schmerzlichen Falls hat Keaton im Theater und dann besonders in seinen Filmen zu einer exklusiven Meisterschaft entwickelt. Spektakuläre Stürze und andere von ihm selbst ausgeführte, gefährliche Stunts gehörten von Kindheit an zu seinem Geschäft. Schon mit fünf Jahren stand der kleine Buster mit seinen Eltern auf amerikanischen Vaudeville-Bühnen und machte seinem Nickname alle Ehre. Aufgrund der Brutalität der Stunts begann sich eine Kinderschutzorganisation für die kruden Perfomances zu interessieren, was den „Three Keatons“ schließlich ein Auftrittsverbot in New York einbrachte.

Als sich Buster Keaton 1917 auf das Wagnis Film einließ, war er bereits ein anerkannter und gut bezahlter Vaudeville-Komiker. Am Beginn seiner Filmkarriere stand ein Auftritt in dem Short-Movie „The Butcher Boy“ gemeinsam mit dem damaligen Star Roscoe „Fatty“ Arbuckle, und Keaton fühlte sich von Anfang an wohl in der für ihn neuen Branche. Klaus Nüchtern zitiert zu diesem furiosen Start den Keaton-Experten Elliot Rubinstein: „Wir sehen nicht irgendeinen talentierten Darsteller, der zaghaft den ihn umgebenden Raum erkundet, aber auch keinen Darsteller, der in einem anderen Medium groß geworden ist und nun – wie eindrucksvoll auch immer – versucht, sich für das Kino einen fremden Stil anzueignen; wir haben das Privileg, jenem unheimlichen Augenblick der Selbstverwirklichung beizuwohnen, in dem ein Mann von 21 Jahren, der sein Leben lang im Vaudeville zugebracht hat, das ihm auf den Leib geschneiderte Metier entdeckt.“

Vom ersten Film an trug Keaton die für ihn typische Kleidung inklusive seines künftigen Erkennungszeichens, den „Pork Pie Hat“. In der Zeit seiner frühen Kurzfilme entwickelte Keaton auch eine zweite typische Eigenheit: die stark reduzierte Mimik im Spiel. Es war die „Deadpan Performance“, bei der Keaton auch in den skurrilsten Situationen sein „Stone Face“ bewahrte. Im deutschen Sprachraum wurde Keaton auch als „Der Mann, der niemals lachte“ bekannt – ein Terminus, den Klaus Nüchtern in seinem Buch geflissentlich vermeidet. So wie ja auch kein Cineast das Komikerduo Stan Laurel und Oliver Hardy mit seinem deutschen Vermarktungsnamen als „Dick und Doof“ bezeichnen würde.

1923, also relativ spät im Vergleich etwa zu Charlie Chaplin, drehte Keaton mit „The Three Ages“ seinen ersten abendfüllenden Spielfilm. Obwohl das Werk eigentlich aus drei eigenständigen Teilen besteht, wurde der Film vom Publikum sehr positiv aufgenommen und war auch ein wirtschaftlicher Erfolg. In den folgenden sieben produktiven Jahren brachte Buster Keaton elf Spielfilme heraus, deren penible und feinsinnige Analyse den Hauptteil des Buches von Klaus Nüchtern ausmacht. So erfährt man vieles über berühmte Filme wie „Sherlock Jr.“, „The Navigator“, „The General“ oder „Steamboat Bill, Jr.“ – sowohl, was deren Choreographie als auch was das „Making of …“ betrifft. So etwa ließ der immer aufwändiger und präziser arbeitende Keaton für „The General“ eine echte Lokomotive in einen Abgrund stürzen, was zur teuersten Szene der Stummfilmgeschichte wurde. Und – mit Anleitung von Klaus Nüchtern – kann man in „Steamboat Bill, Jr.“ Buster Keatons wahrscheinlich gefährlichsten Stunt entdecken. Dabei bestand das Kunststück paradoxerweise darin, dass sich der Hauptdarsteller so wenig wie möglich bewegen durfte. Denn während eines Wirbelsturmes fällt eine Hausfassade auf Keaton, der dies jedoch dank einer Fensteröffnung unbeschadet übersteht. Die Mauer wog zwei Tonnen, und der Spielraum für Keaton machte in jede Richtung nur fünf  Zentimeter aus. Später erinnerte sich der technische Leiter des Films, Fred Gabourie, daran, dass alle Beteiligten Keaton den mörderischen Gag, der im Film nur fünf Sekunden ausmacht, ausreden wollten: „Es war das erste Mal, dass ich einen Kameramann in die andere Richtung schauen sah“, so Gabourie. Und Keaton antwortete auf die Frage, wie oft die Szene gedreht worden sei, in seiner trockenen Art: „Solche Dinge macht man nicht zweimal.“

Es waren wahrscheinlich weniger die technischen Entwicklungen des Tonfilms, die das vorzeitige Ende der Hollywood-Karriere von Buster Keaton bedeuteten, als derartige Extravaganzen, für die – in der sich ökonomisch immer mehr perfektionierenden – Unterhaltungsindustrie kein Raum mehr war.

Klaus Nüchtern: Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie. Komik in Zeiten der Sachlichkeit. Zsolnay, Wien 2012.