FARBSPIELE: IMPRESSIONEN AUS MEXIKO

Es gibt die Klischees – und es gibt die Wirklichkeit. Manchmal werden Klischees wirklich, sehr oft aber schaut die Wirklichkeit ganz anders aus. Flaniert man durch mexikanische Städte, dann genießt man deren völlige Unangepasstheit an den Tourismus, man sieht keine Sombreros, hört auch nicht die Musik von Mariachi-Bands, sehr oft aber sehr falsch gestimmte Leierkästen. Es sind ja ohnehin nicht die akustischen Erlebnisse, die beeindrucken, sondern die optischen Sensationen. Niemand in unseren kühlen, mitteleuropäischen Breiten würde mit Farben so verschwenderisch umgehen, wie das die Mexikaner tun.

Taxco, die alte Silberstadt rund 110 Kilometer südwestlich von Mexiko-City, ist sehr gut geeignet, sich an das Bunte zu gewöhnen. Hier dominieren das rosafarbene Gestein der Sebastianskirche und natürlich das Leuchten der silbernen Schmuckstücke und Gebrauchsgegenstände, die in den Auslagen der kleinen Werkstätten zu bewundern sind. Taxco ist eine hügelige Stadt, das Flanieren artet hier zum Auf- und Absteigen aus. Die engen Gassen sind Schauplatz des Alltagslebens, auch die Hausaufgaben werden draußen geschrieben.

Puebla liegt an die 105 Kilometer südöstlich von Mexico-City und ist mit rund eineinhalb Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt des Landes. Die weitläufige Altstadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Im 16. Jahrhundert schon begann man hier mit der Herstellung von Azulejos, also buntbemalten glasierten Kacheln. Gegründet wurde die Stadt 1531 als „Puebla de los Ángeles“, als „Stadt der Engel“. Engel wachen auch allenthalben über die Flanierenden. In der Universitätsstadt Puebla wird man mit einer wahren Farb-Explosion konfrontiert, die am intensivsten in der späten Nachmittagssonne wirkt.

Die Fahrt von Puebla nach Oaxaca über die Sierra Madre gehört zum Eindrucksvollsten, was Mexiko an Landschaften zu bieten hat. Oaxaca liegt also südöstlich, auf der anderen Seite der Sierra Madre. Die ganze Stadt wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Am „Día de la Bandera“, dem „Tag der Fahne“, der im Februar gefeiert wird, versammelt sich die Bevölkerung am Zócalo, wie in ganz Mexiko der Hauptplatz jeder Stadt genannt wird, nicht nur der von Mexiko City. Die Bezeichnung leitet sich von jenem „Sockel“ ab, der, als das Land unabhängig wurde, auf der Plaza de la Constitución in Mexico City als Überrest eines gestürzten Denkmals des verhassten spanischen Königs Karl IV. erhalten blieb.

Izamal ist eines der über einhundert „Pueblos Mágicos“, der „Magischen Dörfer“ Mexikos. Das sind kleine, vom staatlichen Sekretariat für Tourismus als besonders sehenswert eingestufte Orte mit kultureller Vergangenheit, die besonders gefördert werden. Mitten in Yucatán gelegen war Izamal eines der religiösen Zentren der Halbinsel. Wie so oft in Mexiko, wo die Spanier alle alten Kulturdenkmäler zerstörten und Kirchen an ihrer Stelle errichteten, wurde der Konvent des Hl. Antonius von Padua auf einem geschleiften Maya-Heiligtum angelegt. Im Konvent liegt ein 8000 Quadratmeter großer Platz, der von einer Säulengalerie umgeben und – wie alle Gebäude in Izamal –  leuchtend gelb gestrichen ist. Die Kirche ist Schauplatz auch vieler Hochzeiten, und schlendert man durch die Stadt, dann sieht man in den Auslagen den in Mexiko sowieso allgegenwärtigen Tod, vervielfacht und heiter bei einer Hochzeitsgesellschaft.

Alle Fotos: Konrad Holzer