MARIE VON EBNER-ESCHENBACH: APHORISMEN

Albert Sterner, Plakat (Ausschnitt), 1903Albert Sterner, Plakat (Ausschnitt), 1903

„Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun“ – vermerkte die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916). Sie bewies ihr Können durch zahlreiche Texte, die sie zu einer der bedeutendsten Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts machten. Und sie war eine scharf beobachtende, feinsinnige Aphoristikerin, wie die folgende kleine Auswahl beweist:

 

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Sag’ etwas, das sich von selbst versteht, zum ersten Mal, und du bist unsterblich.
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So mancher meint ein gutes Herz zu haben und hat nur schwache Nerven.
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Die glücklichen Pessimisten! Welche Freude empfinden sie, so oft sie bewiesen haben, dass es keine Freude gibt.
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Geduld mit der Streitsucht der Einfältigen! Es ist nicht leicht zu begreifen, dass man nicht begreift.
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Der Gescheitere gibt nach! Ein unsterbliches Wort. Es begründet die Weltherrschaft der Dummheit.
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Wer sich an seine eigene Kindheit nicht mehr deutlich erinnert, ist ein schlechter Erzieher.
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Wenn die Missgunst aufhören muss, fremdes Verdienst zu leugnen, fängt sie an, es zu ignorieren.
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Es gibt Fälle, in denen vernünftig sein, feig sein heißt.
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Die meisten Nachahmer lockt das Unnachahmliche.
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Es würde sehr wenig Böses auf Erden getan werden, wenn das Böse niemals im Namen des Guten getan werden könnte.
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Quelle: Marie von Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Zweite Auflage, Berlin, Verlag von Franz Ebhardt, 1884.