FONTANE, DER LEISE KLASSIKER

Ausschnitt aus dem Fontane-Porträt von Karl Breitbach.Ausschnitt aus dem Fontane-Porträt von Karl Breitbach.

Vor 200 Jahren wurde Theodor Fontane geboren. 1989, zum 100. Todestag des Schriftstellers, meinte der Philosoph Hans Blumenberg, dass Fontane „gerade noch ein Klassiker“ gewesen sei. Wenn er das denn nun war, dann war er der leiseste, der ironischste, der mit dem vielfältigsten Lebenslauf: Apotheker und Korrespondent, Soldat und Reiseschriftsteller, Balladendichter und Romancier.

Der Untertitel einer der zum aktuellen Anlass zahlreich erschienenen Biografien lautet: „Der Romancier Preußens“. Verfasst hat sie der Literaturwissenschaftler Hans Dieter Zimmermann. Er schafft es, einem das Leben Fontanes in allen Details nahe zu bringen. Er weiß alles, von den hugenottischen Vorfahren bis hin zum Tod – höchstwahrscheinlich Selbstmord – der Lieblingstochter. Dabei wollte er ganz und gar kein wissenschaftliches Werk schreiben, sondern „den Leserinnen und Lesern den Schriftsteller ein wenig verständlicher machen.“ Man erfährt, dass dieser als erfolgreicher Apotheker von einem Tag auf den anderen beschloss, von der Dichtkunst zu leben, Korrespondent in London war, als Spion verhaftet wurde, dass er ausgedehnte Reisen machte und in seinen letzten Jahren Tag für Tag durch die Straßen Berlins flanierte. Fontane schrieb immer, auch neben seinen literarischen Werken: Briefe, Tagebücher, Zeitungsartikel, Theaterkritiken. Zimmermann möchte auch auf jenen Teil des Werks hinweisen, der literarisch nicht so prominent ist, und so widmet er acht Seiten den Balladen – wer bekommt nicht heute noch Gänsehaut, wenn er sich an „Gorm Grymme“, „Die Brückʼ am Tay“ oder „John Maynard“ erinnert? Der Biograf verklärt nicht, auch Fontanes Antisemitismus wird ausführlich behandelt.

Der Höhepunkt von Fontanes Schaffen ist für Hans Dieter Zimmermann der Roman „Der Stechlin“. Darin ist sich auch Hanjo Kesting mit ihm einig. Der deutsche Publizist ist ein Radio-Mann, er betreute literarische Hörfunk-Reihen und brachte eine Hör-Edition der Weltliteratur heraus. Sein Buch aus dem Jahr 1998 mit dem Titel „Theodor Fontane: Bürgerlichkeit und Lebensmusik“ ist nun neu aufgelegt worden. Die „Lebensmusik“ aus dem Titel stammt von Thomas Mann, der Fontane ja bewunderte und den „Stechlin“ als „hohe, heitere und wehe, das Menschliche auf eine nie vernommene, entzückende Art umspielende Lebensmusik“ empfand. Kesting hat in seinem Fontane-Buch alles, sowohl Lob als auch Tadel, zusammengetragen, was deutsche Schriftsteller aus Gegenwart und Vergangenheit zu Fontane vermerkten. Unter Lob fällt unter anderem Gottfried Benn, der meinte, dass Fontane „innerhalb der deutschen Romaninferiorität eine große Leuchte“ gewesen sei. Alfred Döblin tadelt, er hielt Fontanes Werk für „romanhaft angerührte Idylle“. Wie auch immer, Kesting selbst vergleicht ihn mit Balzac und Zola, stellt Fontanes Roman „Effi Briest“ der „Madame Bovary“ Flauberts und der „Anna Karenina“ von Tolstoi gegenüber. Er führt furios durch Fontanes Hauptwerke, stellt diese in den Rahmen der Biografie, weiß von Hintergründen und Vorbildern, kennt die Entstehungsgeschichten.

Apropos „Effi Briest“. Ein Einschub: Fontane hielt sich für einen Frauenschwärmer, und so seien zwei Bücher erwähnt, die dem Rechnung tragen, das aber auch kritisch hinterfragen. Der Autor und Literaturkritiker Burkhard Spinnen verfasste ein kleines Büchlein über Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen mit dem Titel: „Und alles ohne Liebe“. Darin versammelt er Entwürfe dazu, wie er sich die Lektüre der Fontaneschen Romane vorstellen könnte. Der andere Band trägt den Titel „Wundersame Frauen“ und enthält weibliche Lebensbilder aus Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Elf Frauenporträts sind das, die von den Herausgebern und Fontane-Kennern Gabriele Radeke und Robert Rauh kommentiert werden.

Und nun also „Der Stechlin“, Fontanes letzter Roman. Er wurde gleich nach seinem Erscheinen im Jahr 1899 viel gelesen und schnell berühmt. Fontane selbst kommentierte das Werk voll Selbstironie: „Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht“. Es ist einer der eigenartigsten Romane der deutschen Literatur, die Charaktere der handelnden Personen erschließen sich aus der Betrachtung durch die Mitmenschen, nicht aus der Beschreibung des Erzählers. Fontane nimmt alles, was Handlung, geschweige denn Aktion sein könnte, aus der Geschichte heraus. „Von Herzenskonflikten, oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts“, vermerkt er dazu in einem Brief, und an anderer Stelle, dass er keine Liebesgeschichten schreiben könne. Das heißt, er erzählt das Davor und das Danach, den Moment an sich, in dem sich alles erklärt, den spart er aus. Es geht ihm in Wirklichkeit darum, wie die Menschen miteinander reden. „Der Stechlin“ ist belebte Konversation: die Leute gehen spazieren und reden, sie setzen sich zum Essen – dieses ist immer recht üppig – und reden. Aber das, was sie reden und vor allem, wie sie reden, das macht die Welt dieses Romans aus. Es ist die Welt des ausgehenden 19.Jahrhunderts, da ist von Pflichterfüllung und Demut die Rede, von der Politik, den Konservativen und den Sozialdemokraten, aber vor allem davon, wie Menschen zueinander sind, sein sollten, sein könnten. Fontane kennt die Welt der Adeligen und die der Offiziere, aber genauso gut die der Kutscher, Hausmeister und Dienstmädchen. Dennoch sind es die Stellen, in denen er alte Männer miteinander reden lässt, in denen der alte Mann Fontane einsame Meisterschaft entwickelt. Wenn der Held des Romans, Dubslav von Stechlin, mit seinem mindestens ebenso alten Diener bespricht, was zu machen ist und was zu machen wäre, entsteht ein Universum von Zwischenmenschlichkeit. Man spürt die Beziehung der beiden zueinander, bevor aber ein Zuviel an Gefühl entstehen könnte, setzt Fontane sanft Ironie ein. Und da ist dann noch eine junge Frau, mit dem bezeichnenden Namen Melusine, die sehr viel Geheimnisvolles an sich hat, das der Dichter aber nur andeutet und nicht verrät, mit dem er die Leserschaft allein lässt.

Karl Breitbach: Porträt von Theodor Fontane, 1883.

Karl Breitbach: Porträt von Theodor Fontane, 1883.

Hans Dieter Zimmermann: Theodor Fontane. Der Romancier Preußens. Verlag C.H. Beck, München 2019.
Hanjo Kesting: Theodor Fontane. Bürgerlichkeit und Lebensmusik. Wallstein Verlag, Göttingen 2019.
Burkhard Spinnen: Und alles ohne Liebe. Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2019.
Theodor Fontane: Wundersame Frauen. Weibliche Lebensbilder aus den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Mit einem Nachwort und Erläuterungen herausgegeben von Gabriele Radecke und Robert Rauh Manesse. Manesse Verlag, München 2019.
Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“ ist in zahlreichen Ausgaben erhältlich. Ein ausführliches Nachwort und zahlreiche Anmerkungen, die beim Verständnis dieses 120 Jahre alten Buches helfen, enthält der „Stechlin“-Band, der im Rahmen der „Großen Brandenburger Ausgabe“ des Aufbau Verlags vorliegt. Im Aufbau Verlag ist der Roman aber auch als Taschenbuch erschienen.