FRANZÖSISCHE LANDSCHAFTEN

Mont-Saint-Michel, Foto © Konrad HolzerMont-Saint-Michel, Foto © Konrad Holzer

„Obwohl ich nicht in der Bretagne geboren bin und nie mehr als ein paar Sommermonate in jedem Jahr von 1948 bis 1954 dort verbracht habe, ist sie eine Gegend, die mein Gemüt und meine Erinnerung außerordentlich geprägt hat“, so der französische Schriftsteller Jean-Marie Gustave Le Clézio. Seine Erinnerungen an die Region, mit der ihn „eine vertraute, fast familiäre Beziehung“ verbindet, hat der 1940 in Nizza geborene und 2008 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Autor in dem Buch „Bretonisches Lied“ verarbeitet und damit in Frankreich einen Bestseller gelandet. Und man versteht die Begeisterung der Leserschaft, wenn sie Le Clézio in die Bretagne seiner Kindheit entführt, in eine Bretagne, die es so nicht mehr gibt.

Die Welt hat sich gewandelt und so geht er mit einem Geheimnis umher, das er sich bewahrt hat und von dem er kleine Kostproben gibt. Er lässt den Gemischtwarenladen wiedererstehen und den Dorfbrunnen mit der Schwengelpumpe, der die einzige Trinkwasserquelle im Ort war, zu dem die Kinder zweimal täglich gepilgert sind. Das Warten bei der Anlegestelle der Fähre, der tägliche Gang zur Bäuerin, um die Milch zu holen, das alljährliche Sommerfest im Schloss, das Fahrradfahren durch die engen Hohlwege, das Schwimmenlernen in der Bucht und die Ernte – das sind die Erlebnisse, von denen er erzählt.

In der Altstadt von Vannes (bretonisch Gwened), Foto © Konrad Holzer

In der Altstadt von Vannes (bretonisch Gwened), Foto © Konrad Holzer

Le Clézio hat ein ganz eigenartiges Verhältnis zur Nostalgie, er wehrt sich gegen sie. Er meint, dass sie kein erstrebenswertes Gefühl sei, sondern eine Schwäche, die Verkrampfung und Verbitterung hervorrufe. Sie werfe einen auf die Vergangenheit zurück, obwohl doch die Gegenwart die einzige Wahrheit darstelle. Dennoch beschreibt er das nächtliche Wandern unterm Sternenhimmel, den Geschmack der dicken warmen Pfannkuchen und den Klang der bretonischen Sprache und Musik. Er hatte aber auch die Spuren des Krieges wahrgenommen. Jetzt, als alter Mann, weiß er, dass er damals das Ende eines Zeitalters erlebt hat und den Beginn eines neuen: „Aber wir wussten nichts davon. Wir konnten glauben, dass alles immer so bleiben würde.“ Er weiß mittlerweile aber auch, dass die Bretagne seiner Kindheit nicht immer bezaubernd war und nimmt das Positive und Gute wahr, das jetzt dort geschieht. Er wirft Fragen auf, die sich aus der Geschichte ergeben, das Verschwinden der bretonischen Sprache zum Beispiel und welchen Sinn denn eine Autonomie hätte. Er kommt ins Hier und Jetzt, wenn er meint, dass dort, in der Bretagne, keine populistischen, antieuropäischen Parteien unterstützt würden.

Das Grand Hôtel in Cabourg, Foto © Flaneurin.at

Das Grand Hôtel in Cabourg, Foto © Flaneurin.at

„Meine Normandie“ heißt das Buch, in dem die Hamburger Autorin Sabine Grinkowski „Atmosphärisches“ verarbeitet: Sie folgt den Spuren von Marcel Proust, der in Cabourg an seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ schrieb, sie will wissen, wo die Schriftstellerin Marguerite Duras gewohnt hat und wo der Regisseur Claude Lelouch in dem Filmklassiker „Ein Mann und eine Frau“ Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant über den Strand laufen ließ. Von Trouville aus bereist sie sternförmig die ganze Normandie, trifft allenthalben auf interessante Menschen, erlebt Enttäuschungen, Verwunderung, aber auch glückliche Überraschungen. Man kann das Buch durchaus als Reiseführer verwenden. Grinkowski berichtet von Strandspaziergängen, Restaurantbesuchen, Landpartien zu Flohmärkten und Kinobesuchen in Deauville. Ausflüge nach Étretat und zum Mont-Saint-Michel stehen genauso auf dem Programm wie das Satie-Museum in Honfleur und natürlich der Teppich von Bayeux. Das Kulinarische kommt bei all dem nie zu kurz: die normannische Fischsuppe mit Croutons und einer knoblauchhaltigen cremigen Sauce Rouille, Seezungen und Cider, die gesalzene Butter und der berühmteste Käse aus der Normandie, der cremig-würzige Pont-l’Évêque.

Château de Chamerolles, Foto aus dem Buch „Die Gärten der Loire-Schlösser“, © Hervé Lenain / Verlag Eugen Ulmer

Château de Chamerolles, Foto aus dem Buch „Die Gärten der Loire-Schlösser“, © Hervé Lenain / Verlag Eugen Ulmer

Das Normandie-Buch kommt ohne Bilder aus. Umso überwältigender sind die Fotos in dem Buch über „Die Gärten der Loire-Schlösser“ von Hervé Lenain und Barbara de Nicolaÿ, in dem herrschaftliche Parks von La Bussière bis Angers zu entdecken sind. Hervé Lenain ist Spezialist für fotografische Porträts französischer Kulturdenkmäler und Gärten. Zwei Jahre lang dokumentierte er die Gärten der Loire-Schlösser zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Barbara de Nicolaÿ, die dazu die Texte verfasst hat, ist die Besitzerin von Château Du Lude, einem der Loire-Schlösser. 23 sind es insgesamt, die sowohl mit allen wissenswerten Details – was das Anwesen als Ganzes, was Geschichte, Erbauer, Gebäude und Gärten betrifft – beschrieben, als auch bildprächtig präsentiert werden.

Château de Chaumont-sur-Loire, Foto aus dem Buch „Die Gärten der Loire-Schlösser“, © Hervé Lenain / Verlag Eugen Ulmer

Château de Chaumont-sur-Loire, Foto aus dem Buch „Die Gärten der Loire-Schlösser“, © Hervé Lenain / Verlag Eugen Ulmer

De Nicolaÿ leitet mit einer Geschichte der Besiedlung der Loire ein und stellt fest, dass die Renaissance diese Region geprägt hat. König Karl VIII. wollte die Neuerungen, die er in Italien kennengelernt hatte, auch in Frankreich verwirklichen. Adelssitze und Gärten entstanden, wobei Letztere so konzipiert waren, dass sie vom Bauwerk aus betrachtet werden konnten – „gewissermaßen als zusätzlicher, zum Umland offener Salon“. Keiner der Renaissance-Gärten existiert mehr in seiner ursprünglichen Form, aber man kann beobachten, wie jede Zeit ihre Vorstellungen von Gartenkunst verwirklicht hat, vom 16. Jahrhundert an bis in die Jetztzeit. Es muss ein Traum für jeden Fotografen sein, zwei Jahre lang diese Gärten und prächtigen Bauwerke zu fotografieren – und Hervé Lenain hat seine Aufgabe meisterhaft gelöst. Eine ganz große Faszination macht dabei aus, dass die moderne Technik – höchstwahrscheinlich unter Zuhilfenahme von Drohnen – Blickwinkel auf Schlösser und Gärten erlaubt, die bis dahin ja unbekannt waren.

J.M.G. Le Clézio: Bretonisches Lied. Aus dem Französischen von Uli Wittmann, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022.
Sabine Grimkowski: Meine Normandie, mareverlag, Hamburg 2022.
Hervé Lenain und Barbara de Nicolaÿ: Die Gärten der Loire-Schlösser. Aus dem Französischen von Claudia Arlinghaus, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 2021.

(20.5.2022)