GEZEICHNETES BERLIN

Werner Heldt, Häuserstillleben (Ausschnitt), 1948, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Repro: Kai-Annett BeckerWerner Heldt, Häuserstillleben (Ausschnitt), 1948, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Repro: Kai-Annett Becker

Berlin – wohl kaum eine andere Metropole stand in den letzten 100 Jahren so sehr im Brennpunkt der Weltgeschichte: Zentrum von Intellektualität, Kunst und Wissenschaft, aber auch Hauptstadt des nationalsozialistischen „Dritten Reiches“, im Zweiten Weltkrieg stark zerbombt, nach 1945 mühsam wiederaufgebaut, geteilt zwischen Ost und West durch eine tödliche Grenze, Hauptstadt der DDR auf der einen Seite, ein (Schau-)Fenster zur westlichen Welt auf den anderen, mitten im kommunistischen Teil Deutschlands. Dann, nach der Wiedervereinigung, wieder gemeinsame deutsche Hauptstadt und bald ein Hotspot internationaler Kreativität. Vom Schicksal gezeichnet also, aber auch von der Kunst.

„Gezeichnete Stadt“, so lautet deshalb der Titel der aktuellen Ausstellung der Berlinischen Galerie mit „Arbeiten auf Papier seit 1945“. Annelie Lütgens, Ausstellungskuratorin und Leiterin der Grafischen Sammlung, erläutert das Projekt: „Folgt man der Geschichte der gezeichneten Stadt, so verläuft sie alles andere als gradlinig, sondern eher in einer Zickzack-Bewegung. Diese urbane Natur, ihre Verwachsungen, Biotope, Strukturen, Architekturen und ihre Bewohner*innen, ihr Typenreservoir bildnerisch zu erforschen, ist das Ziel künstlerischen Handelns durch die Zeiten, und davon erzählt diese Ausstellung.“

Gegliedert ist die Schau in sechs Themengruppen. Deren Titel lauten: „Traum in Trümmern“, „Urbane Biotope“, „Subjektive Topografie“, „Architektur – Struktur“, „Natur unter Beobachtung“ und „Großstadtpersonal“. Der Bereich „Traum in Trümmern“ bringt Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die in ihren Arbeiten auf die Zerstörung der Stadt reagierten – wie etwa Werner Heldt mit seinen Tuschzeichnungen. Thema sind hier auch die innerstädtische Teilung und die daraus resultierenden geopolitischen Aspekte, wie etwa in der Farblithografie „Kennedy in Berlin“ von Thomas Bayrle, die den Besuch des US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy 1963 reflektiert.

Thomas Bayrle, Kennedy in Berlin, 1964, Farblithografie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Anja Elisabeth Witte

Thomas Bayrle, Kennedy in Berlin, 1964, Farblithografie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Anja Elisabeth Witte

Gemeinsam ist den für die verschiedenen Themenkapitel gewählten Werke die „Faszination der Metropole,“ so der Direktor der Berlinischen Galerie, Thomas Köhler: „Nach der Stadt in Trümmern durchstreifen wir urbane Biotope, gelangen zu subjektiven Topografien und konzeptuellen künstlerischen Auseinandersetzungen mit der Architektur Berlins. Flora und Fauna im urbanen Raum gilt der kuratorische Blick dabei ebenso wie dem Großstadtpersonal von Diven, Hipstern und Kindern.“

Zwei Werke aus dem Themenbereich „Großstadtpersonal“. Links: Heike Kati Barath, Nun gut, wer bist Du denn?, 2014, Blatt 8 der Serie von 32 Farbsiebdrucken. Rechts: Antje Dorn, Ich vergesse immer, was ich vergessen wollte, 2002. Beide Abb.: © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Fotos: Kai-Annett Becker

Themenbereich „Großstadtpersonal“.  Links: Heike Kati Barath, Nun gut, wer bist Du denn?, 2014, Blatt 8 der Serie von 32 Farbsiebdrucken. Rechts: Antje Dorn, Ich vergesse immer, was ich vergessen wollte, 2002. Beide Abb.: © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Fotos: Kai-Annett Becker

Insgesamt dokumentieren die 175 ausgestellten Werke von 22 Künstlerinnen und 47 Künstlern die verschiedensten Aspekte der Stadt aber auch der Entwicklung der grafischen Kunst im letzten dreiviertel Jahrhundert. Die Auswahl bietet dabei eine spannende Vielfalt an Stilen und Positionen, an bekannten Namen sowie Neu- und Wiederentdeckungen. Der stilistische Mix reicht von Fotorealismus, Surrealismus, Spätexpressionismus, Abstraktion, Illustrationen bis zu Comics.

Zwei Werke aus dem Themenbereich „Urbane Biotope“. Links: Monika Meiser, Husemannstraße, 1983, Radierung, Foto: Kai-Annett Becker. Rechts: Joachim Böttcher, An der Spree, undatiert, Kaltnadelradierung auf Bütten, Foto: Anja Elisabeth Witte. Beide Abb.: © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Themenbereich „Urbane Biotope“. Links: Monika Meiser, Husemannstraße, 1983, Radierung, Foto: Kai-Annett Becker. Rechts: Joachim Böttcher, An der Spree, undatiert, Kaltnadelradierung auf Bütten, Foto: Anja Elisabeth Witte. Beide Abb.: © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die Ausstellung „Gezeichnete Stadt“ ist Teil der Jubiläums-Aktivitäten „100 Jahre Groß-Berlin“. Denn am 1. Oktober 1920 wurden sieben bis dahin eigenständige Städte (Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf) und zahlreiche Ortschaften eingemeindet. Damit wurde Berlin gleichsam über Nacht zu einer Weltmetropole und zur drittgrößten Stadt der Welt nach London und New York.

Aus dem Themenbereich „Subjektive Topografie“: Theresa Lükenwerk, Maps of Berlin 2/10, 2013/14, Linolschnitt auf Japanpapier, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Anja Elisabeth Witte

Themenbereich „Subjektive Topografie“. Theresa Lükenwerk, Maps of Berlin 2/10, 2013/14, Linolschnitt auf Japanpapier, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Anja Elisabeth Witte

Website der Berlinischen Galerie