GIOVANNI SEGANTINI – GROSSZÜGIG UND FEIERLICH

Giovanni Segantini: „ Costume Grigionese“ („Bünderin am Brunnen“), 1887Giovanni Segantini: „ Costume Grigionese“ („Bünderin am Brunnen“), 1887 (Ausschnitt). Alle Abbildungen im Beitrag: Wikimedia Commons.

Segantinis Bilder seien großzügig und feierlich – das meint, in einem sehr persönlich gehaltenen Buch, Michael Krüger. Der Schriftsteller, Übersetzer und ehemalige Leiter des Hanser Verlags liebt, wie er sagt, das malerische Werk Segantinis seit fast fünfzig Jahren, er kann sich nicht sattsehen daran und durfte nun endlich ein Buch über diese seine Liebe schreiben: Giovanni Segantini, geboren 1858 in Arco nahe dem Gardasee, gestorben als weltbekannter Maler 1899, also mit 41 Jahren, auf dem Schafberg bei Pontresina im Engadin. Dreihundert Kunstwerke – inklusive der Zeichnungen – schuf er in zwanzig Jahren, weiß Krüger, der ein subjektiv herausforderndes Buch verfasste. Er erzählt vorerst einmal von ersten Eindrücken, die das Bild „Lʼaratura“ („Das Pflügen“) in der Münchner Pinakothek im Jahr 1968 (so genau weiß er es, es muss also Liebe sein!) auf ihn machte und er gibt zu, dass es damals irgendwie peinlich war, eine solche Liebe einzugestehen, hätte er doch die Frage beantworten müssen, „was denn eigentlich so anziehend schön an den Schönen Künsten sei.“ Verunsichert wusste er auch nicht so genau, ob Theodor W. Adornos Bemerkung „Was Kunst war, kann Kitsch werden“ auf Segantini gemünzt war.

Giovanni Segantini: „Lʼaratura“ („Das Pflügen“), 1890

Giovanni Segantini: „Lʼaratura“ („Das Pflügen“), 1890

Krüger ist kein Kunsthistoriker – aber er hat sich im Laufe der Jahre viel an Wissen über Segantini angeeignet. Immer wieder kommt zu dem Wissen das bewundernde Ich dazu, wenn er von der „Reinheit“ von Segantinis Werk schreibt und dass dieses „Reine“ als eine Schwester des Schönen gemalt wurde. Man muss dieses Buch aufmerksam lesen, Krüger hält sich in der Einteilung seiner Kapitel nicht an Überkommenes, arbeitet nicht chronologisch den Lebenslauf ab, biografische Daten flicht er da und dort ein, wenn es gerade passt. Er lässt Kritiker, Kunstphilosophen, Schriftsteller und Psychoanalytiker zu Wort kommen, um seine Assoziationen zu unterstützen, aber auch, wenn sie anderer Meinung sind als er. Er alteriert sich über den deutschen Kunsthistoriker Richard Muther, einen Zeitgenossen Segantinis, der herabsetzend meinte, dass Segantini durch den Tod rechtzeitig abberufen worden sei und dass manche seiner späten Werke, zum Beispiel „Die bösen Mütter“, recht mäßig seien. Und Krüger zitiert natürlich ausführlich den Künstler selbst, dem das Malen allein nicht genügte, der auch ein „Verkünder“, ein Philosoph sein wollte. Da muss der Biograf aber doch ein wenig Distanz wahren, schreibt vom „Größenwahnsinnigen, das in Hysterisches umschlägt“.

Giovanni Segantini: „Le cattive madri“ („Die bösen Mütter“), 1894

Giovanni Segantini: „Le cattive madri“ („Die bösen Mütter“), 1894

Den Hauptteil seines Buches widmet Krüger aber den Bildern (von denen viele auch abgebildet sind), er beschreibt sie nicht nur, er assoziiert dazu und bekennt sich auch zu ganz persönlichen, intimen Beobachtungen. So etwa, dass er sich beim Betrachten des Bildes „Ave Maria a trasbordo“ („Ave Maria bei der Überfahrt“) jedes Mal frage, „ob sich das Boot nicht doch einen Zentimeter bewegt hat.“ (Dieses Bild hängt übrigens im kleinen, aber feinen Segantini-Museum in St. Moritz, dessen glanzvolle Hauptattraktion das späte Triptychon „Werden-Sein-Vergehen“ bildet.) Es ist auch von der „Flechttechnik“ Segantinis die Rede, bei der „viele nebeneinander gesetzte Farbenstäbchen täuschend eine Fülle von Details, Bergrippen, Eisklippen, Felsstücken hervorzaubern“, vom Festhalten des hellen, klaren Lichtes und der dünnen Alpenluft, von der „horizontalen Harmonie“.

Giovanni Segantini: „Ave Maria a trasbordo“ („Ave Maria bei der Überfahrt “), 1886

Giovanni Segantini: „Ave Maria a trasbordo“ („Ave Maria bei der Überfahrt “), 1886

Segantini hat eine Reihe von Bildern geschaffen, auf denen Frauen allein in der Berglandschaft zu sehen sind, und um diese Bilder herum hat Michael Krüger eine Reihe von Texten geschrieben, die er „Die Erzählung der Magd“ betitelt, in denen aber auch der Maler Segantini vorkommt. Er begründet dies damit, dass Segantini als Maler kein großer Geschichtenerzähler gewesen sei. „Einer der kühnsten Erfinder seines Lebens“ aber war er allemal. Seine Kinder, besonders sein Sohn Gottardo, haben an dieser Aura des Malerfürsten erfolgreich weiter gearbeitet.

Giovanni Segantini: „Mezzogiorno sulle alpi“ („Mittag in den Alpen“) 1891

Giovanni Segantini: „Mezzogiorno sulle alpi“ („Mittag in den Alpen“) 1891

Von den vielen Fragen, die Krüger in seinem Buch stellt, beantwortet er eine – nämlich „Warum man überhaupt Bilder anschaut?“ – im Nachwort eher pessimistisch: „Wahrscheinlich schauen wir sie an, weil sie das sind, was von uns übrig bleibt, und das zeigen, was wir für immer verloren haben.“ Dieses Pessimistische möchte ich so nicht stehen lassen. Weil auch der Philosoph Theodor W. Adorno mehrfach von Krüger zitiert wird, möchte ich mit einem Text Adornos, den der über das Weinen bei Schuberts Musik geschrieben hat, enden: „Wir weinen, ohne zu wissen warum; weil wir so noch nicht sind, wie jene Musik es verspricht, und im unbenannten Glück, dass sie nur so zu sein braucht, dessen uns zu versichern, dass wir einmal so sein werden.“

Michael Krüger: Über Gemälde von Giovanni Segantini. Verlag Schirmer/Mosel, München 2022.