„GLAMOURÖSE WIENERINNEN“

Die Tänzerin Maria Ley (1898 - 1999), um 1926

In genüsslicher Vorfreude erwartete man für diesen Herbst die Beschreibung eines weiteren Wiener Villenviertels aus der Feder Werner Rosenbergs. Seine Bücher über das Cottage und die Hohe Warte ließen eine gewisse Erwartungshaltung aufkommen. Aber der Autor entschloss sich diesmal allzu vertraute Pfade zu verlassen. In seinem neuen Buch mit dem Titel „Glamouröse Wienerinnen“ geht es nicht um elegante Villen, sondern um elegante Menschen, um Frauen, die im Wien der Zwischenkriegszeit einschlägiges Aufsehen erregt haben. All diese Diseusen, Tänzerinnen und Schauspielerinnen zogen ihre Art zu leben kompromisslos durch. Entweder sie hatten Erfolg – oder sie scheiterten. Doch für schöne Frauen gab es auch damals noch eine dritte Möglichkeit, die von beidem etwas hat: Sie warfen sich in die Arme reicher oder/und neureicher Männer. Diese Frauen regten auf, sie hatten einen Lebensstil, der ohne Sex, Drugs und Entertainment nicht auskam.

Viele der Namen sind heute längst vergessen, nur mehr wenige sind uns bekannt. Umso bereichernder sind die Schätze, die Werner Rosenberger jetzt gehoben hat. Es war eine mühsame Suche in alten Zeitschriften und Magazinen, in längst vergriffenen Büchern. Bei aller Leichtigkeit des Erzählens, die selbstverständlich nichts von den Mühen ahnen lässt, spürt man doch, dass es Rosenberger nicht nur um sogenannte „G´schicht´ln“ und Anekdotisches geht, sondern um Schicksale, um Frauenschicksale im Rampenlicht. Es sind Tänzerinnen, Schauspielerinnen und Sängerinnen, von denen berichtet wird, wobei die Grenzen damals ja fließend waren, mal sang man, mal tanzte man oder spielte in einem Film mit. Es sind bittersüße Geschichten, die Rosenberger erzählt – auch mit der nötigen Ironie erzählt. Und da kann er ja aus dem Vollen schöpfen, denn die Bonmots von damals waren – oder ist das auch nur Nostalgie? – um einiges griffiger als das, was heute so aus unserer Seitenblicke-Gesellschaft kommt.

Die Schauspielerin und Autorin Ruth Landshoff-Yorck (1904 - 1966), 1927

Die Schauspielerin und Autorin Ruth Landshoff-Yorck (1904 – 1966), 1927

Zwischen all den Lebensläufen von A – wie die Tänzerin Katharina Abel – bis Y – wie die Schauspielerin und Autorin Ruth Landshoff-Yorck – findet man auch eine Betrachtung über den Hauptschauplatz frivolen Geschehens, die Bar. Und da ist Rosenberger ja wieder in seinem Element, nämlich von bestimmten Orten ausgehend Storys zu erzählen.

Kurioses bringt er zum Ausklang, und zwar die Frage: „Wer ist die schönste Frau von Wien?“ Hat man das Schönheitsideal von damals einmal akzeptiert, dann fällt es einem schwer, bei den vielen traumhaft schönen Frauen eine entsprechende Wahl zu treffen. Von Männern ist natürlich auch die Rede, von Männern, deren Musen die Schönen waren, Makart und Molnar, Altenberg und Benatzky, Johann Strauss und Fritz Lang.

Die Schauspielerin Anita Berber (1899 - 1928), 1918

Die Schauspielerin Anita Berber (1899 – 1928), 1918

Ein Hauch aus einer ganz anderen Welt weht einen an, liest man diese Namen, die so extravagant sind, wie ihre Trägerinnen: Lya de Putti, Jasma Selim oder Sári Fedák, wobei das oft tatsächlich die wirklichen Namen waren, was man bei Elisabeth Bergner, Maria Jeritza oder Greta Keller sowieso annimmt. Greta Keller: Sie kann man noch hören, weiß Rosenberger. Wenn einem beim  Soundtrack zum Bob-Fosse-Musical „Cabaret“ einmal nicht nach Liza Minelli der Sinn steht, dann gibt‘s da auch „Heirat“, „dessen Text sie auch verfasste. Regisseur Bob Fosse wollte sie unbedingt für den Film gewinnen, da sie für sein Gefühl ‚the sexiest voice‘ des 20.Jahrhunderts hatte.“ Von Bonmots war die Rede. Rosenberger hat auch bei Greta Keller eines aufgefangen: „Es hieß, Marlene Dietrich habe bei ihr Gesangsunterricht genommen. Aber dann würde sie nicht so schlecht singen! soll die Keller kurz vor ihrem Tod gesagt haben.“ So sind Geschichten mit exquisiten Titeln aneinandergereiht, die von „Frauen mit dem gewissen Etwas“ erzählen. Der eindeutig beste Titel: „Die mit den Füßen singt“.

Werner Rosenberger: Glamouröse Wienerinnen – Frauen mit dem gewissen Etwas. Metro Verlag, Wien 2016.