HEILSAME ARCHITEKTUR

Lichtreflexionen auf dem Boden der Kirche von Clamecy / Frankreich. Foto: B. DenscherLichtreflexionen auf dem Boden der Kirche von Clamecy / Frankreich. Foto: B. Denscher

Mauern und Gebäude sollen den Menschen Schutz und Geborgenheit bieten. Manchmal können diese aber auch ängstigen oder einsperrend wirken. Krankenhäuser wurden früher als Hospital (vom lateinischen „hospitalis“ = „gastfreundlich“) zum Schutz von Armen, Pflegedürftigen und Kranken eingerichtet. Durch die Entwicklungen und Anforderungen der modernen Medizin haben sich Krankenhäuser heute in Kliniken (vom griechischen „kline“ = „Bett, Liege“) gewandelt. Damit verlagerte sich die Aufmerksamkeit vom kranken Menschen zunehmend auf eine möglichst funktionale Behandlung von Krankheiten. Für die erkrankten Menschen selbst entstehen in den modernen Kliniken, neben den neuen Vorteilen von verbesserten technischen und hygienischer Standards, häufig auch neue Belastungen durch Isolation, Entfremdungen und andere, oft unnötige Stresssituationen. Diese Situationen erfordern dringend Veränderungen. Wie könnten diese aussehen und wie erreicht werden?

Was und wie können bauliche Veränderungen zur besseren Genesung beitragen?
Die Architektin und Bauhistorikerin Katharina Brichetti und der Neurobiologe und Psychologe Franz Mechsner leisten mit ihrem neuen Buch „Heilsame Architektur. Raumqualitäten erleben, verstehen und entwerfen“ einen sehr bemerkenswerten Beitrag zur perspektivischen Klärung dieser Fragen. Sie fragen nicht mehr nur, was krank macht, sondern untersuchen vor allem Lösungsmöglichkeiten, welche dazu beitragen, dass wir gesünder werden. Sie untersuchen, welche alternativen Gestaltungserfahrungen bereits bestehen, die Hoffnung auf patientenfreundlichere Hospitäler nähren.

In ihrem Buch nehmen die AutorInnen phänomenologisch-humanistische Konzepte des leiblich-räumlichen Spürens als Grundlage ihres Vorgehens. Es geht ihnen um die gesunde, gestalterische Umsetzung von „Umwelt-Mensch-Resonanzen“, welche erholsame und angemessen lebensstimulierende Qualitäten haben. Sie integrieren bekannte Wirkungen von traditionellen, sakralen Bauten; zeitgenössische Forschungen darüber, wie Körper-Räume unsere Gefühle und Wortwahl metaphorisch prägen („embodied mind“); Möglichkeiten ökologisch inspirierter, „biophiler Architektur“ (Begrünung und Verwendung von Naturmaterialien); sowie umweltpsychologische Erfahrungen mit mehr Grünflächen (Parkanlagen, vertikale Häuserbepflanzungen oder „urban gardening“) in der Stadtplanung.

Buchcover

Ein besonderer, sehr gut gelungener Teil des Buchs widmet sich Möglichkeiten der Umgestaltung von Krankenhäusern in angemessene „Gesundheitsbauten“. Dabei gilt es immer, der delikaten Balance gerecht zu werden, welche zwischen den unterschiedlichen Anforderungen von hygienischen, funktionell-prozessorientierten, technischen Anforderungen der modernen Medizin und deren MitarbeiterInnen, den Dynamiken von Gesundheitspolitik und Ökonomie, aber vor allem den Bedürfnissen von erkrankten Menschen und deren Angehörigen besteht. Brichetti und Mechsner dokumentieren in ihrem Buch viele „best practice“-Beispiele, aus Kinderkrankenhäusern, Intensivstationen, onkologischen Abteilungen oder Palliativstationen.

„Best-practice“ Beispiele
Es geht beispielsweise um die atmosphärische Umgestaltung von Eingangshallen, Aufnahmebereichen, Klinikfluren, Aufenthalts- und Besucherräumen. Welches architektonische Design von Patientenzimmern ermöglicht mehr Privatheit, natürliche Lichtverhältnisse, leisere Akustik oder die Einbeziehung von natürlichen oder naturnahen Materialien? Solche Planungen orientieren sich vermehrt an Sinneserleben, besserer Orientierung der Patienten in fremden Umgebungen, ihre Sicherheits- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten, Stressverminderung, sowie die mögliche Vermehrung von Regerations- und Heilungspotentialen.

Die AutorInnen tragen in ihrem Buch umfangreiches Material über bisherige Forschungsergebnisse zur „heilsamen Architektur“ zusammen. Diese zeigen, dass sich durch die oben genannten Veränderungen Gefühle von Angst und Einsamkeit der PatientInnen im Krankenhaus verringern; die Schlafqualität sich verbessert, physiologisch messbare Effekte von Herz-Kreislauf-Reaktionen eintreten; der Infektionsschutz zunimmt; postoperative Komplikationen sich vermindern; das Schmerzerleben und der Schmerzmittelverbrauch nehmen ab; die Privatsphäre und die soziale Unterstützung durch Angehörige nehmen zu. Auf Intensivstationen können z. B. durch technische Veränderungen die Intensität der Beleuchtung reduziert und zugleich die Lichtverhältnisse mit natürlichen Biorhythmen in Übereinstimmung gebracht werden. Onkologische PatientInnen können ihre Chemotherapie in Räumen erhalten, welche begrünt sind und natürliches Licht erhalten. In postoperativen Aufwachräumen lassen sich die Farb- und Lichtverhältnisse so gestalten, dass sie Menschen sanfter aus der Narkose zurückkehren können. Nicht zuletzt finden sich im Buch wertvolle Hinweise auf die Einbeziehung von spirituellen Aspekten, auf großzügigere Ruhe- und Rückzugsräume, welche eine würdige Begleitung von sterbenden Menschen erlauben. Dies ist wichtig angesichts der Tatsache, dass heutzutage immer mehr Menschen in Krankenhäusern ihre letzten Lebenstage verbringen.

Städtische Umwelten als leibliche Mitwelt gestalten
Wo wir leben und wie wir leben durchdringt sich gegenseitig. Unser Leib ist das Gewebe, in welches diese Wechselwirkungen eingesponnen sind und mit dem wir mehr „verstehen“, als unser Denken allein verstehen kann. Als weitgehend vorbewusste Intelligenz nimmt der Leib, mit allen Sinnen, die Atmosphären und Stimmungen von Orten und Situationen wahr, welche diese ausstrahlen. Räume, Orte und Gebäude färben dabei unser Bewusstsein, machen Handlungsangebote, setzen Bereitschaft zum Handeln in Bewegung. Sie mobilisieren Erwartungen, Bedeutungen und Beziehungen. Naturlandschaften und die menschliche Gestaltung der Räume, in denen wir Menschen leben, haben immense Bedeutung für Lebensqualität und Gesundheit. Diese „Umwelten“ sind nicht „draußen“ oder abgetrennt, sondern eng mit den „Innenwelten“ der Menschen sowie deren Wohl- oder Missbefinden verbunden. Baulich-räumliche Gestaltungen bestimmen mit, wieviel Licht und Farben wir sehen, welche Luft wir atmen, wieviel und was wir hören, riechen und schmecken, was uns berührt und welche Bewegungsspielräume wir haben.

In industrialisierten Gesellschaften verbringt heute die Mehrzahl der Menschen ihren Alltag weitgehend in geschlossenen Räumen und städtischen Arealen. Mit dem Fortschreiten von industriellen Techniken, globalisierten Ökonomien und Verkehrsformen und -mitteln verändern sich auch die Konzepte der Stadtplanung, meist in Richtung von noch mehr Funktionalität. Naturräume werden planiert, um Platz zu schaffen für den An- und Abtransport von Gütern und Menschen, für Arbeits- und Wohnquartiere, für Funktionsbauten, Schulen und Krankenanstalten sowie eingestreute Grün-, Freizeit- und Sportstätten. Durch diese Zerstückelung der Städte in spezifische Bereiche gehen deren „BewohnerInnen“ häufig in der „Unwirtlichkeit der Städte“ (A. Mitscherlich) verloren.

Architektur als Teil von interdisziplinären Initiativen
Zwischen der Gestaltung von Städten als sozialen Lebensräumen, ihren unterschiedlich verteilten Gesundheitsrisiken und der Gestaltung regionaler Krankenversorgung bestehen wichtige Zusammenhänge. Es ist nicht nur eine Frage für medizinische Experten und Politiker, wie sich diese Zusammenhänge in Zukunft entwickeln werden. Interdisziplinäre Foren und Bürgerinitiativen kritisieren diese Entwicklungen und unterbreiten Veränderungsvorschläge für gesündere Städte.

Architektur (griechisch „arché“ = „Anfang, Ursprung“ und „techné“ = „Kunst, Handwerk“) war und ist eines der wertvollsten Handwerke und eine der wertvollsten Künste. Damit das, was Brichetti und Mechsner in ihrem Buch an Wissens- und Lösungsansätzen so hilfreich zusammengetragen haben, sich zukünftig vermehrt in Praxis umzusetzen lässt, bedarf es der Zusammenarbeit von Bürgerbeteiligungen und interdisziplinären Expertengruppen. Dementsprechend empfehle ich ihr Buch sehr für alle ExpertInnen und Initiativen aus Stadtplanungs- und Krankenbereichen, aber auch aus Politik und Ökonomie.

Katharina Brichetti, Franz Mechsner: Heilsame Architektur. Raumqualitäten erleben, verstehen und entwerfen. Transcript-Verlag, Bielefeld, 2019.

Der Autor dieses Beitrags, Helmut Milz, ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Facharzt für Allgemeinmedizin. Im Lauf seiner beruflichen Karriere war er unter anderem Berater für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und von 2000 bis 2014 Honorarprofessor für Public Health: Psychosomatische Medizin/Gesundheitsförderung an der Universität Bremen. Helmut Milz ist Autor zahlreicher Bücher – u.a. „Der eigen-sinnige Mensch“ – und Zeitschriftenbeiträge. Website: www.helmutmilz.de