HEINRICH MANN ZUM 150. GEBURTSTAG

Ausschnitt aus dem Buchcover von Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, Reclam Verlag. Illustration © Arne Jysch.Ausschnitt aus dem Buchcover von Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, Reclam Verlag 2021. Illustration © Arne Jysch.

„Ein politischer Träumer“ sei der ältere Bruder von Thomas Mann gewesen, meint Günther Rüther. Der Politikwissenschaftler befasst sich intensiv mit der Verbindung von Literatur und Politik. Somit gibt er auch seiner Biografie Heinrich Manns diesen Untertitel vom politischen Träumer, sieht in ihm einen Moralisten und einen Idealisten, rückt dessen politisches Leben vielleicht ein wenig mehr ins Zentrum seiner Überlegungen als die über das literarische Werk. Sein Buch ist eine reine Freude für all jene, die Biografien konservativ lesen wollen, also mit der Geburt beginnen, dazwischen das Leben chronologisch ablaufen und mit dem Tod enden lassen möchten. Im Fall Heinrich Manns beginnt dieses Leben 1871 „mit einer glücklichen, wohlbehüteten Kindheit in Leipzig und endete 1950 in Vereinsamung und Not nach dem Zweiten Weltkrieg in Los Angeles.“

Schon im Vorwort bereitet einen der Biograf darauf vor, dass sowohl von öffentlicher Anerkennung und großem Erfolg als auch von existentiellen Nöten und Erniedrigungen die Rede sein werde. Er bleibt nahe am Leben Manns, stützt sich oft und gerne auf dessen Texte, stellt dieses Leben auch in den Kontext der politischen und sozialen Gegebenheiten jener Zeit. Neben Leben und Zeitgeschichte ist der dritte Schwerpunkt in dem Buch natürlich das Werk. Von den Gegensätzen zum Bruder Thomas ist die Rede, die vom Literarischen ins Zwischenmenschliche überschwappten. Rüthe zitiert aus dem „Vernichtungsbrief“, in dem Thomas Mann das Werk seines Bruders angreift: „Diese schlaffe Brunst in Permanenz, dieser fortwährende Fleischgeruch ermüden, widern an. Es ist zu viel Schenkel, Brüste, Lende, Wade, Fleisch. Und man begreift nicht, wie du jeden Vormittag wieder damit anfangen möchtest.“ Rüther ergreift da nicht Partei, bleibt bei allem, was er zu erzählen hat, eher distanziert und zurückhaltend, er widmet den großen Romanen „Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen“, „Der Untertan“, „Die Jugend des Königs Henry Quatre“ und „Die Vollendung des Königs Henry Quatre“ ihren Platz. Inhalt weiterer Kapitel sind das eigenartige Verhältnis zum Kommunismus, das Heinrich Mann hatte, und letztlich die Flucht in die Vereinigten Staaten, wo er sein Leben „fleißig, aber erfolglos“ beendete.

Buchcovers

Gedenktage – wie eben die 150. Wiederkehr des Geburtstages von Heinrich Mann – bieten ja immer wieder die Gelegenheit, sich auf die ganz großen Werke der Jubilare zu besinnen. Der erfolgreichste Roman Heinrich Manns war „Der Untertan“. Er stellte ihn 1914, also knapp vor Beginn des Ersten Weltkriegs fertig, das Werk konnte dann aber nur als Vorabdruck in der Zeitschrift „Zeit im Bild“ erscheinen und erst 1918 in Buchform, denn weder die offizielle Meinung noch die Stimmung in der Bevölkerung passten in der Zeit vor dem Krieg zu diesem Zerrbild der Gesellschaft, wie es Heinrich Mann in „Der Untertan“ zeichnete. Überbordend ist die Geschichte des treudeutschen Diederich Heßling in alle Richtungen: von ihrem leise-verschlagenen Beginn bis hin zum doppelten Finale – ausufernd-fantastisch zuerst und skurril-unheimlich zuletzt. Es ist der Roman des Untertanen Diederich, der mit allen Mitteln versucht, ein heldenhafter Dietrich zu werden. Heinrich Mann schafft es, dass man am Tun dieses eigentlich unsympathischen Menschen intensiv Anteil nimmt. Er zieht einen in dieses Buch hinein, das Satire, Gesellschafts-, Bildungs-, Schlüssel- und Zeitroman in einem ist, und schafft damit eine eigene Welt, wie es eben das Kennzeichen großer Romane ist.

„Der Untertan“ ist ein Buch prall voll mit starken Szenen. So, dass der Verlag die Idee hatte, es zu illustrieren. Das war in früheren Zeiten ein häufig eingesetztes Mittel, um die Lektüre schmackhafter zu machen, heutzutage kommt es – wahrscheinlich aus Kostengründen – eher selten vor. Damit, die preußische Bilderwelt des beginnenden 20. Jahrhunderts umzusetzen, wurde Arne Jysch beauftragt. Der Storyboard-Artist, dessen Beruf es ist, Drehbücher zu visualisieren, tat dies auf seine ganz persönliche Art und Weise. Er ließ sich von Mann beflügeln, es schien ihm anfänglich, dass er sich durch neue visuelle Ideen vom Original entfernen würde, plötzlich war er aber dann näher daran, als er dachte. Weil das Gefühl stimmte. Heinrich Mann hatte ja ganz bestimmte Ansichten, was das Illustrieren dieses Buches betraf. Er schrieb in einem Brief: „Besonders die Zeit muss verbildlicht werden, noch ganz in ihrem Geist, was später niemand mehr kann.“ Dazu meint Jysch, dass der Dichter hier irre: „Gerade das ist das Spannende, es aus der Gegenwart heraus zu betrachten. Denn, diese nationale Vergangenheit ist plötzlich wieder viel näher“, meint er und spielt auf die alte Schwarz-Weiß-Rote Reichsflagge an, die jetzt wieder allenthalben auf Demos in Deutschland auftaucht. Es ist das Zeichen ganz großer Literatur, dass sie – auch wenn sie vor langer Zeit, also vor hundert Jahren, geschrieben wurde – diese Zeit mit ihrer Atmosphäre und all ihren Emotionen in unsere Tage herüberbringt.

Günther Rüther: Heinrich Mann. Ein politischer Träumer. Marix Verlag, Wiesbaden 2020.
Heinrich Mann: Der Untertan. Mit Illustrationen von Arne Jysch, herausgegeben von Werner Bellmann, Reclam Verlag, Ditzingen 2021.

Zum Jubiläum erschienen noch weitere Ausgaben des Romans, und zwar:
Heinrich Mann: Der Untertan. Insel Verlag, Berlin 2021.
Heinrich Mann: Der Untertan. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2021.