HEXENWISSEN – DER ROMAN „LOLLY WILLOWES“

Foto © B. Denscher

London 1902. Laura Willowes gerät in Gefahr, im konservativen Haushalt ihres Bruders zur „alten Jungfer“, zu „Tante Lolly“, zu werden, und so flieht sie hinaus aufs Land, in ein abgelegenes Dorf, um dort ihr wahres Wesen, das einer Hexe, auszuleben. Das ist, kurz gefasst, der Plot des 1926 erstmals publizierten Romans „Lolly Willowes“ von Sylvia Townsend Warner. Das Werk ist ein Longseller, der nun in einer neuen deutschen Übersetzung erschienen ist.

Virginia Woolf fragte die Autorin einmal, woher sie denn so viel über Hexen wisse. Townsend Warner antwortete: „Weil ich selber eine bin.“ Das erzählt die Literaturpublizistin Manuela Reichart im Nachwort zur Neuübersetzung des Romans, wobei sie einen kurzen Überblick über das bemerkenswerte Leben von Sylvia Townsend Warner und deren im deutschen Sprachraum nicht allzu bekanntes Werk gibt. Literarisch und auch musikalisch hochbegabt – ein Kompositionsstudium bei Arnold Schönberg wurde durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs verhindert – verläuft die Biografie von Townsend Warner (1893–1978) für die damalige Zeit eher unangepasst. Sie schreibt Gedichte, gibt ein Standardwerk über Kirchenmusik mit heraus, hat ein langjähriges Verhältnis mit einem verheirateten Mann, bis sie 1931 die Lyrikerin Valentine Ackland kennenlernt, die große Liebe ihres Lebens. Die beiden Frauen treten der Kommunistischen Partei bei, berichten vom Spanischen Bürgerkrieg und bleiben in einer spannungsreichen Beziehung bis zum Tod Acklands beisammen.

Townsend Warner war literarisch äußerst produktiv, verfasste sieben Romane, acht Erzählbände – 140 ihrer Geschichten sind im amerikanischen Magazin „The New Yorker“ erschienen –, fünf Gedichtbände und sie übersetzte Texte von Marcel Proust. 1967 wird ihr die Mitgliedschaft der Royal Society of Literature angetragen: „Das ist die erste öffentliche Anerkennung, die mir zuteilwird, seit man mich aus dem Kindergarten geworfen hat“, schreibt sie an einen Freund. 1972 wählt man sie in die American Academy of Arts and Letters. 2014 gab die englische Zeitung „The Guardian“ eine Liste der 100 besten englischsprachigen Romane heraus und zählte dazu auch Townsend Warners „Lolly Willowes“. Erschienen 1926 schaffte es Townsend Warners Debütroman auf Anhieb in die engere Auswahl zum Prix Femina, wurde in den USA als erster Titel in den damals neu gegründeten Book-of-the-Month-Club gewählt und immer wieder neu aufgelegt. Heute gilt das Werk als früher feministischer Klassiker.

BuchcoverZum Inhalt: Laura Willowes zieht nach dem Tod ihres Vaters vom Land in die Stadt, nach London, „wie ein Stück Familienbesitz, das im Testament vergessen worden war“. Es ist die Atmosphäre in den Haushalten der gehobenen englischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Man kann es bei der Lektüre genießen, sich in den ruhigen, unaufgeregten Ablauf der Tage hineinfallen zu lassen, am „Vorbereiten und Wiederabtragen“ teilzunehmen. Am Sonntag wird die Uhr aufgezogen, danach geht die Familie zur Kirche, um dort „auf fast ähnliche Weise für die Woche wieder aufgezogen“ zu werden. Die beißende Ironie der Erzählerin erhöht noch die Lust an der Lektüre dieser vordergründigen Idylle. Vor allem, wie sich Laura so ganz und gar nicht um eine Heirat bemüht: „Die Familie gab sich jede erdenkliche Mühe, und auch die Auserwählten gaben sich gewisse Mühe. Nur Laura gab sich überhaupt keine Mühe.“ Im Alter von 47 Jahren entkommt Laura diesem Leben. Auslöser ist der Besuch in einem Blumenladen, bei dem die Autorin schon einiges von dem anklingen lässt, was sie mit ihrer Heldin noch vorhat.

In ihrem neuen Heim empfindet Laura „überirdische Zufriedenheit“ und beginnt ihr früheres Interesse an Kräutern, Mixturen und Essenzen wieder zu beleben. In die Beschreibung des Ablaufs der Jahreszeiten, der Landschaft rund um diesen weltfremden Ort und auch dessen Einwohnerschaft mischen sich eigenartige, fremde, fantastische Töne. „Sie begann sich schutzlos zu fühlen, der Möglichkeit eines übermächtigen Entsetzens ausgeliefert.“ Den Begriff „zauberhaft“ reizt Townsend-Warner voll und ganz aus, sie verwendet ihn für den Liebreiz der Landschaft, aber auch bei körperlich-sinnlicher Begegnung bis hin zu eher unheimlichen Ereignissen. Laura findet bei der Arbeit mit den Hühnern eines Nachbarn Ruhe und Freude, erinnert sich an die Hühnerfrauen in den alten Märchen, die – bei all ihrem Anschein von Biederkeit – nahe Verwandte von Hexen gewesen seien. Da kommt ihr Neffe Titus zu Besuch, stört mit den Ansprüchen, die er gegenüber seiner Tante zu haben glaubt, deren Frieden. Ihr Hilferuf, ausgestoßen in der einsamen – diesmal wieder ganz anders zauberhaften – Natur, scheint ungehört zu verhallen. Doch dann kommt Hilfe. Aber wie! Wie genau, das soll hier nicht verraten werden, denn das ist schon einer der ganz großen Kunstgriffe der Autorin.

Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes. Aus dem Englischen von Ann Anders, mit einem Nachwort von Manuela Reichart. Dörlemann Verlag, Zürich 2020.