HÖLDERLIN UND GONTARD: DER DICHTER UND DER BANKER

Franz Karl Hiemer: Friedrich Hölderlin, um 1792 (Ausschnitt)Franz Karl Hiemer: Friedrich Hölderlin, um 1792 (Ausschnitt)

2020 ist ein Jahr der lauten und leisen Jubiläen: Beethoven klingt in unser aller Ohren, doch auch an Friedrich Hölderlin ist zu erinnern. So wie Beethoven wurde auch er, der unbestritten einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker ist, 1770, also vor 250 Jahren, geboren.

„Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag’ entstehen.“

So beginnt das Gedicht „Der Frühling“. Es soll hier aber nicht von Hölderlins Lyrik die Rede sein, so wunderschön hymnisch und mitreißend sie ist; auch nicht von seinen psychischen Leiden, die dazu führten, dass er mehr als drei Jahrzehnte in relativer Isolation lebte; und auch um seine unglückliche Liebe zu Susette Gontard geht es nur am Rande. Im Mittelpunkt stehen Hölderlin und Susettes Ehemann, Jacob Friedrich Gontard, Teilhaber des renommierten Frankfurter Bankhauses Gontard.

Die Dreiecksbeziehung zwischen dem angeblich unsensiblen Banker, dessen überaus sensibler Gattin Susette und deren komplizierten Liebhaber Friedrich Hölderlin ist das Thema der biografischen Erzählung „Der Dichter und der Banker“, verfasst von Peter Michalzik. Dieser ist in vielen kulturellen Bereichen tätig: als Theaterkritiker, als Lehrender an der Frankfurter Schauspielschule und am Mozarteum Salzburg und als Autor von Biografien mit ungewöhnlichen und interessanten Zugängen. Ungewöhnlich und interessant ist auch seine Annäherung an Hölderlin und das Ehepaar Gontard. Michalzik misstraut der „wunderbar traurigen Geschichte von der geheimen Liebe und dem einsamen Leid“, die bis in unsere Tage meist nicht bezweifelt wird. Ihm ist das alles zu eindeutig, es macht ihn skeptisch, lässt ihn fragen: „Ist es so gewesen?“ Er entwirft eine „alternative Fassung einer allzu bekannten Geschichte“, beansprucht nicht die endgültige Wahrheit, sondern erkundet „spielerisch Möglichkeiten und Wahrheiten“.

Als 25-Jähriger, Ende Dezember 1775, kam Hölderlin nach Frankfurt, um Hauslehrer bei Henry, dem Sohn von Jacob und Susette Gontard, zu werden. Bei der Schilderung des Antrittsbesuchs kann man sich ein Bild davon machen, wie Michalzik seine biografische Erzählung anlegt.

Leseprobe auf der Website des Reclam Verlages

Das alles wäre durchaus als Drehbuch für eine Verfilmung geeignet: Ambiente, Beschreibung der handelnden Personen, die simulierten Dialoge. „Die Sprache tendiert dazu, Möglichkeitsräume zu öffnen, auszuschreiten und zu ergründen, so macht sie Vergangenes lebendig“, schreibt Michalzik dazu im Nachwort. Er hält sich natürlich – soweit ihm dies möglich ist – an Fakten, streut Briefstellen ein, zitiert aus Zeitungen der damaligen Zeit. Und natürlich lässt er es sich nicht entgehen, das eine oder andere Gedicht in seinen Text zu nehmen.

„Man kann darüber nur spekulieren“, heißt es dazwischen aber immer wieder. Oder: „Es könnte etwas Unerwartetes geschehen sein.“ Das ist zum Beispiel der einleitende Satz im Kapitel „Einführung in die Welt der Anleihe“, in dem der Banker dem Dichter Sachkenntnisse in Geldangelegenheiten vermitteln will. Denn Hölderlin ist ja der Erzieher von Gontards Sohn, der irgendwann einmal die Geschäfte der Firma übernehmen soll. „Sie hätten dann ganz bestimmt über Anleihen gesprochen“, vermutet der Erzähler, „es war einfach das große Thema. Dass damals so viel von den Anleihen geredet wurde, lag am Krieg, an der enorm gestiegenen Staatsverschuldung.“

BuchcoverPeter Michalzik putzt seine Erzählung mit einem Umzug ins Sommerhaus und mit großen Empfängen auf, er vermittelt Zeitgeschichte – es herrscht Krieg mit den Franzosen – und er lässt auch den Philosophen Hegel zu Wort kommen. Wenn dieser über Geld spricht, wird auch das zu Geist. Auch von Mayer Amschel Rothschild ist die Rede, dem Stammvater der berühmten Rothschild-Dynastie, dem Hölderlin, so meint der Autor, begegnet sein muss. Und Michalzik erfindet einen Dialog zwischen Goethe und Hölderlin, in dem es ums Geld geht.

Das Buch endet mit Streit, unglücklicher Liebe, Tod und einem Gedicht über den Weingott. Und wenn man sich erst einmal drauf einlässt, Michalziks Vorgabe der „alternativen Fassung einer allzu bekannten Geschichte“ anzunehmen, dann ist „Der Dichter und der Banker“ ein interessanter Versuch, eine Biografie anders zu erzählen.

Peter Michalzik: Der Dichter und der Banker. Friedrich Hölderlin, Susette und Jacob Gontard. Reclam Verlag, Ditzingen 2020. Auch als E-Book erhältlich.

Wer mehr an Faktischem aus dem Leben Hölderlins interessiert ist, dem sei die Biografie von Rüdiger Safranski mit dem Titel „Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund!“ aus dem Hanser Verlag empfohlen.

Details zu Leben und Werk Friedrich Hölderlins finden sich auf der Website der deutschen Hölderlin-Gesellschaft .

„Hölderlin 2020“ ist die Website, die das Deutsche Literaturarchiv Marbach zum 250. Geburtstag des Dichters eingerichtet hat.