ITALIEN – EIN „ÜBERSCHUSS AN SCHÖNHEIT“

Ausschnitt aus dem Cover des Buches „Italien. Porträt eines fremden Landes“Ausschnitt aus dem Cover des Buches „Italien. Porträt eines fremden Landes“. Coverfotos © Gianni Berengo Gardin/laif;Ursula Schulz-Dornburg

Klugheit und Umsicht, Ideen und Fantasie erkennt der deutsche Journalist und Schriftsteller Thomas Steinfeld in dem, wie sich Menschen seit ewigen Zeiten in Italien eingerichtet haben und hält fest, dass, was an diesem Land so bezaubert, doch dieser „Überschuss an Schönheit“ sei, der stets das praktische Tun begleitet hat. Gleich einmal die ersten drei Seiten seines Buches „Italien. Porträt eines fremden Landes“ enthalten so viel von dem, was man braucht, um die Emotion – die ja so viele von uns für Italien haben, gerade auch in Zeiten wie diesen – intellektuell abzustützen.

Blick auf den Arno, Florenz. Abb. aus dem Buch „Italien. Porträt eines fremden Landes“. Foto © Barbara Klemm

Blick auf den Arno, Florenz. Abb. aus dem Buch „Italien. Porträt eines fremden Landes“. Foto © Barbara Klemm

Steinfeld, eine der wichtigen Stimmen im deutschsprachigen Feuilleton, wenn es um Kultur geht, erklärt einem, was man an Italien schön findet – und warum man überhaupt das ganze Land besonders schön finden muss. Nicht ohne dabei auf viele der Probleme, die es dort in nicht zu geringem Maß auch gibt, einzugehen. Seien es Bauwerke, Plätze, Orte und Landschaften, durch die er in seinem unnachahmlichen Stil führt, Begriffe, die wir mit Italien verbinden, wie zum Beispiel Poesie, Stil, Küche, Mode, Autos und Schlagermusik, hinterfragt und neu erklärt.

Treiso, Le Langhe. Abb. aus dem Buch „Italien. Porträt eines fremden Landes“. Foto © Marco Saracco - stock.adobe.com

Treiso, Le Langhe. Abb. aus dem Buch „Italien. Porträt eines fremden Landes“. Foto © Marco Saracco – stock.adobe.com

Steinfeld macht seine Leserschaft mit den geografischen Besonderheiten des Landes vertraut und taucht in die Geschichte, um aus ihr einige Probleme des Landes zu erklären. Was unsereins einfach lustvoll zur Kenntnis nimmt, hinterfragt er vorerst einmal und kann es dann begründen: Er weiß, warum die schönsten Plätze des Landes nicht in den großen Städten zu finden seien, sondern in der Provinz, er begründet, warum die Bar einfach zur Piazza gehöre, stellt fest, dass die meisten Städte alt, aber nicht museal seien. Er warnt davor, eine Stadt „in eine fiktive Reinheit“ zu überführen, was zum Beispiel in Siena passiere. Er gibt das weiter, was ihm Menschen, mit denen er spazieren ging, sagten: zum Beispiel, die Kunstwerke doch an ihren Orten, in den Kirchen und Kapellen und den kleinen regionalen Museen zu belassen, statt sie zentral dem Tourismus vorzuwerfen.

BuchcoverFünf Jahre hat Thomas Steinfeld an dem Buch geschrieben, eigene Erfahrungen gesammelt, verborgene Plätze entdeckt, die er nun preisgibt. Barock, so meint er nach dem Flanieren durch Italiens Städte, Barock sei nichts für sorgfältiges Studium, sondern richte sich an „den vorübergehenden, schweifenden, womöglich nur halb aufmerksamen Blick“. Aber – wie gesagt – es ist nicht nur das überwältigende, es ist auch das andere, das fremde Italien, das er uns zu erklären sucht und mit Quellen belegt. Dennoch endet das Buch auf einem Platz, über den ein Fahrrad rumpelt, auf dem man Bratenduft riecht und vom Kirchturm die Glocke läuten hört: Italien ist so schön, dass dort sogar die Langeweile schön ist.

Thomas Steinfeld: Italien. Porträt eines fremden Landes. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2020.