JANE GARDAM: ROBINSONS TOCHTER

Ausschnitt aus dem BuchcoverAusschnitt aus dem Buchcover

Verwandtschaftsverhältnisse, deren Verknüpfungen und deren Auflösungen gehören zu jenen roten Fäden, die sich durch Jane Gardams soeben auf Deutsch erschienenen Roman „Robinsons Tochter“ ziehen. Man wird mit seltsamen Verbindungen konfrontiert, eigenartige Bemerkungen fallen, die im weiteren Verlauf der Geschichte verstanden werden können – oder sich noch rätselhafter weiterentwickeln. Sodass man öfter versucht ist, zurückzublättern und die diversen Hinweise genauer zu untersuchen.

Die Heldin des Romans ist Polly Flint, sie beginnt ihre Geschichte im Tonfall eines kleinen, sechsjährigen Mädchens zu erzählen, man schreibt das Jahr 1904. Polly bleibt naiv ihr Leben lang, hat aber – so will es die Autorin – immer jemanden, der ein Auge auf sie wirft. So oder so. Richtiges Glück bei den Männern hat sie kaum eines und wenn, dann nur für Augenblicke. Aber diese Augenblicke haben es in sich. Da gibt es einen Morgenspaziergang, der wohl zu den schönsten unausgesprochenen Liebesidyllen der neueren englischen Literatur gehört. Das Gefühl: es schwappt immer wieder über, wird aber durch entsprechende, in Humor eingekleidete Ironie gebändigt. Darin ist Jane Gardam ja Meisterin.

Zur Erinnerung: Der Höhepunkt von Gardams bisherigem literarischen Schaffen, das ja relativ spät einsetzte, ist die „Old Filth-Trilogie“ aus dem Jahr 2004. Und weil Gardam auch im deutschen Sprachraum immer bekannter wird, bringt ihr Verlag – Carl Hanser – nun regelmäßig Übersetzungen ihrer früheren Romanen heraus. So auch „Robinsons Tochter“: BuchcoverDas Werk entstand 1985 und zeigt schon sehr viel von dem, was die „Old-Filth-Trilogie“ auszeichnen sollte. Es ist das, was zwischen Menschen passiert, wie sie miteinander umgehen, sei es liebevoll oder abweisend und natürlich alle Gefühlslagen dazwischen. Die Erzählerin biedert sich nicht an, sie beschreibt aus einer gewissen ironischen Distanz.

Zum Titel „Robinsons Tochter“ (im englischen Original heißt das Buch „Crusoe‘s Daughter“): die Protagonistin Polly liebt den Roman „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe, sie liest das Buch mindestens einmal im Jahr, Robinson ist ihr Held, gegen den es kein Mann ihrer Umgebung aufnehmen kann. Konfrontiert wird man – gemeinsam mit Polly – im Verlauf der Handlung mit der englischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, gesehen aus der Perspektive verschiedener sozialer Schichten. Da sind die fürchterlichen Folgen, die der Erste Weltkrieg auf die jungen Männer hatte (ein Thema, das ja in der englischen Literatur einen besonders starken Niederschlag fand). Auch mit dem Schicksal jüdischer Kinder, die 1938/39 im Rahmen des „Refugee Childrenʼs Movement“ nach Großbritannien gebracht werden, hat sich Polly auseinanderzusetzen, und sie bewältigt auch die daraus für sie entstehenden Fragen und Probleme auf ihre ganz besondere Art und Weise. Es ist gut, dass man diese durch und durch liebenswerte Polly Flint jetzt näher kennenlernen darf!

Jane Gardam: Robinsons Tochter. Carl Hanser Verlag, Berlin 2020