KALENDER

Sie nahmen nun ein Jahr lang ihren Platz an der Wand ein, boten dort Abwechslung in der Gewohnheit. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat ließ man sich überraschen von dem, was da jeweils neu war: ein Gedicht, ein Rezept, ein Lebenslauf, ein Bild. Es ist Zeit, ans nächste Jahr zu denken. Im Folgenden ein paar ganz subjektiv ausgewählte Vorschläge. Als Überredung.

Mit einem Lyrikkalender soll begonnen werden: „Fliegende Wörter“ nennt sich der Postkartenkalender aus dem Daedalus Verlag, er enthält „53 Qualitätsgedichte zum Verschreiben und Verbleiben für Zeitreisende, Sprachspieler, Kenner und Genießer“. Ob man es in einem Jahr mit diesen „Fliegenden Wörtern“ gleich zum Kenner bringt, kann ich nicht beurteilen, aber zum Genießer auf jeden Fall. Das liegt auch an der grafischen Gestaltung: Woche für Woche gehen Text und Grafik neue Verbindungen in immer neuen Farben ein. Und was noch auffällt: die Herausgeberinnen scheinen Lieblingsgedichte zu haben, die sie auch schon einmal zwei Jahre hintereinander anbieten, wie etwa das Vermeer-Gedicht von Wisława Szymborska. 2020 begrüßt Rose Ausländer das neue Jahr, das höchstwahrscheinlich nicht nur uns, sondern auch wieder die Dichterinnen und Dichter in Atem halten wird, die „sagen / was zu sagen ist.“

Links: ein Blatt aus dem „Fliegende Wörter“-Kalender aus dem Daedalus Verlag. Rechts: Deckblatt des C.H. Beck Gedichtekalenders.

Links: ein Blatt aus dem „Fliegende Wörter“-Kalender aus dem Daedalus Verlag. Rechts: Deckblatt des C.H. Beck Gedichtekalenders.

„Kleiner Bruder“ wird der Gedichtekalender des C.H. Beck Verlags in seinem 36. Jahrgang noch immer gerne genannt – obwohl das nicht mehr der offizielle Kalendertitel ist. Bei der grafischen Gestaltung setzt Chris Lampe auf Pinselstriche, von denen die Texte umgeben, überlagert und unterstrichen werden. Und die Texte? Wirken sollen sie, wie auch immer. Sie kommen unseren Tagen immer näher, gut die Hälfte stammt aus dem 20. Jahrhundert. Jandl eröffnet, darauf Rilke, bevor Mayröcker auf Jandl reagiert. Und so weiter, bis herauf zu Sven Regener: „Ganz egal, woran ich gerade denke / Am Ende denk ich immer nur an dich.“ Wenn das nicht wirkt? Und für alle, die mehr über Autorinnen, Autoren und Werke wissen wollen, für die hat der Verlag Werkstattnotizen parat.

Auch Kinder sollen von Lyrik durchs Jahr begleitet werden. Und so haben die Mitarbeiter der Internationalen Jugendbibliothek München 52 Bilderbücher aus der großen, weiten Welt zusammengetragen und aus jedem ein Gedicht herausgesucht: „Weil es nachdenklich macht oder verrückt ist oder Sehnsucht nach Sommersonne weckt“. Diese Gedichte wurden nun ins Deutsche übersetzt und für die edition momente zu einem Kalender zusammengestellt. Max Bartholl, der Mann, der in der edition momente für die Grafik zuständig ist, hat illustrierend versucht, eine Verbindung zwischen fremdsprachigem Original und der deutschen Übersetzung herzustellen: bunt, frech, komisch! Ein Kalenderblatt ist leer geblieben, da können die Kinder selbst etwas hineindichten und an einem Kalender-Wettbewerb teilnehmen.

Der „Kinder Kalender 2020“ der edition momente wurde mit dem „Kalenderpreis des Deutschen Buchhandels 2020“ und mit dem „Gregor Calendar Award 2020“ in Silber des Graphischen Klubs Stuttgart ausgezeichnet.

Der „Kinder Kalender 2020“ der edition momente wurde mit dem „Kalenderpreis des Deutschen Buchhandels 2020“ und mit dem „Gregor Calendar Award 2020“ in Silber des Graphischen Klubs Stuttgart ausgezeichnet.

Von der Lyrik weiter hinein ins große Feld der Literatur. Der Aufbau Literaturkalender erscheint 2020 im 53. Jahrgang. Man kann das nur bewundern, auf der einen Seite das Wissen darum, wie so etwas läuft und auf der anderen Seite doch immer wieder das Neue, Überraschende mit hineinzutragen. Haruki Murakami sieht einen ganz intensiv vom Titelblatt her an. Sein Motto: „An jedem beliebigen Tag ergreift etwas unser Herz.“ Die Kalendermacher Thomas Böhm, Catrin Polojachtof und ihr Team konfrontieren einen oft auch mit Unbekannten. Ein Zitat und ein paar Zeilen Biografisches machen aufmerksam. Auf den zu Silvester geborenen Wolfgang Welt, zum Beispiel: „Sollte ich einen Roman daraus machen, wie ich jeden Tag in die Wirtschaft gehe und mich besaufe?“

Der bei Schöffling & Co erscheinende literarische Gartenkalender wird von den Fotografien Marion Nickigs geprägt. Zu diesen zauberhaften Bildern von Blüten, Blättern, Bäumen, Sträuchern und Beeten stellte Julia Bachstein passendes Literarisches. Grundsätzliches von Humphry Repton, einem englischen Gartenarchitekten aus dem 18. Jahrhundert, steht am Anfang: „Als Erstes wollen wir definieren, was ein Garten ist und was er sein soll.“ Das Jahr schließt mit der Erkenntnis: „Gärtner werden immer sein!“

„Beethoven und ich“ ist das Motto des Musikkalenders 2020 aus der edition momente. Vor 250 Jahren wurde Ludwig van Beethoven geboren, und dieses Jubiläum wird uns das ganze Jahr über beschäftigen. Es ist erschütternd und faszinierend, einerseits überraschend, andrerseits nachfühlbar, was da auf den einzelnen Kalenderblättern alles von den großen InterpretInnen, ZeitgenossInnen und auch von Beethoven selbst nachzulesen ist. Wie da Bilder und Texte harmonieren, daran merkt man, wie groß die Könnerschaft der beiden Kalender-Macherinnen Elisabeth Raabe und Regina Vitali mittlerweile geworden ist. Im Anhang findet man biografische Notizen zu all denen, die sich über Beethoven geäußert haben.

Es gibt aber auch jene Kalender in Buchform, die den Charakter der alten Hausbücher angenommen haben: mit Passendem zur Jahreszeit und Hinweisen auf Gedenktage, die aber auch Platz bieten, etwas Eigenes hineinzuschreiben. Zwei solcher Taschenbuch-Kalender zum Abschluss: Neu ist der „Kalender für Bücherfreunde 2020“, den Carsten Pfeiffer für Faber & Faber zusammengestellt hat. 160 Seiten dick, im Taschenbuchformat, pro Woche eine Seite mit Gedenktagen, Platz für Notizen aller Art und am Ende, im Service-Anhang, auch ganz wichtige Seiten – eben für Bücherfreunde –, auf denen jene Bücher notiert werden können, die man sich wünscht, die man verliehen hat (als ob das etwas bewirken würde!), die man ausgeliehen hat. Dazwischen gibt‘s auch Einschlägiges über Literatur und Bücher zu lesen und dazu passende Vignetten von Egbert Herfurth.

Das Thema bei all diesen Kalendern ist ja: Variation in der Tradition. Zum Abschluss also der Kalender für 2020 der Insel-Bücherei. Matthias Reiner hat für seine Bild- und Textsammlung diesmal das Motto „Der Tag kann eine Perle sein“ ausgewählt. Bei den Illustrationen fällt auf, wie gerne und wie oft auch recht exzentrisch sich Grafiker unserer Tage mit Märchen aus alter Zeit auseinandersetzen. Bei den Texten findet man auch Bekanntes wieder, das Vermeer-Gedicht der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska – voriges Jahr und auch diesmal wieder, wie erwähnt, in den „Fliegenden Wörtern“ und nun also auch bei Insel. Zur Erinnerung und weil es keinen schöneren Schluss für diese Zeilen gibt: „Solange diese Frau aus dem Rijksmuseum / in der gemalten Stille und Andacht / Tag für Tag Milch / aus dem Krug in die Schüssel gießt / verdient die Welt / keinen Weltuntergang.“

Andrea Grewe/Hiltrud Herbst/Doris Mendlewitsch (Hg.): Fliegende Wörter 2020. Daedalus Verlag, Münster 2019.
Dirk von Petersdorff (Hg.): C.H.Beck Gedichtekalender 2020. C.H.Beck Verlag, München 2019.
Internationale Jugendbibliothek München (Hg.) Der Kinder Kalender 2020. edition momente, Zürich-Hamburg 2019.
Thomas Böhm/Catrin Polojachtof (Hg.):  Aufbau Literaturkalender. Aufbau Verlag, Berlin 2019.
Julia Bachstein (Hg.): Der literarische Gartenkalender 2020. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2019.
Elisabeth Raabe/Julia Ackermann/ Regina Vitali (Hg.): Der Musik Kalender 2020. edition momente, Zürich-Hamburg 2019.
Carsten Pfeiffer (Hg.): Kalender für Bücherfreunde 2020. Faber & Faber, Leipzig 2019.
Matthias Reiner (Hg.): „Der Tag kann eine Perle sein“ Kalender für 2020. Insel-Verlag, Berlin 2019.