KALENDER

„Die Guten freuen sich deiner Grazie“ – Das liest man doch gerne, auch eine ganze Woche lang. Und dann noch das ganze Gedicht von Bertolt Brecht, aus dem das Zitat stammt. Eine Woche ist die richtige Zeit, ein Gedicht zu betrachten, es kennenzulernen, sich in den Text zu vertiefen, und dann wieder gespannt zu sein auf das nächste Kalenderblatt. Gedichte, Bilder, Rezepte, Biografien, Ermahnungen, Tagebucheintragungen und noch viel mehr, all das bildet also die Inhalte der Kalender des Jahres 2021, die im Folgenden vorgestellt werden sollen.

Den Anfang macht hier ein Favorit, der Lyrik-Kalender „Fliegende Blätter“ aus dem Daedalus Verlag. Die Zeile „Die Guten freuen sich deiner Grazie“ stammt aus Brechts Gedicht „Auf einen chinesischen Theewurzellöwen“ und ist in der zweiten Augustwoche zu finden. Rote Kreise unterlegen die schwarze Schrift, was eines der Markenzeichen des Kalenders ist: das Zusammenwirken und Zusammenspielen von Schrift und Grafik und Farbe. Drei Herausgeberinnen haben 25 Jahre hindurch die „Fliegenden Blätter“ gestaltet: Andrea Grewe, Doris Mendlewitsch und die 2019 verstorbene Hiltrud Herbst. Im Gedenken an Hiltrud Herbst stellte man nun für 2021 eine Auswahl aus den Gedichten der früheren Kalenderausgaben zusammen, eine ungemein gelungene Auswahl. Vermerkt werden soll auch, dass man die „Fliegenden Blätter“ abreißen und als Postkarten versenden kann.

Beim „C.H. Beck Gedichtekalender“ werden einem vierzehn Tage für das Betrachten eines Gedichtes Zeit gelassen, und Herausgeber Dirk Petersdorff hat mehr Männliches als Weibliches gefunden, das fällt auf. Aber wer will gerade bei Lyrik darüber diskutieren, wenn das eröffnende Goethe-Gedicht „Glückliche Fahrt“ heißt und in der zweiten Augustwoche Theodor Fontane meint: „Eigentlich ist alles soso, / Heute traurig, morgen froh“ – und dann doch mit dem Wunsch endet: „Ja, das möcht ich noch erleben.“ Und spricht uns aus der Seele.

Noch einmal Gedichte, aus allen Ländern und diesmal für Kinder. „Brücken in die Welt bauen und neue Horizonte öffnen“ – das ist das Motto, unter dem „Der Kinder Kalender 2021“ der Internationalen Jugendbibliothek in der edition momente steht. Es sind also 52 Gedichte aus vielen, vielen Ländern – jeweils in der Originalsprache und auch ins Deutsche übersetzt und überwältigend illustriert. Weil der Blick bis jetzt immer auf den August gefallen ist, so auch diesmal, da liest man in der zweiten Augustwoche ein deutsches Gedicht von Moni Port: „Zwanzig Zwerge machen Handstand, zehn am Wandschrank, zehn am Sandstrand.“ Man kann sich richtig vorstellen, wie die Kinder über all diese Handstände, Wandschränke und Sandstrände beim Aufsagen des Gedichts fröhlich stolpern. Ein Kalenderblatt wurde frei gelassen, „damit die Fantasie der Kinder darauf tanzen kann!“

Doch nicht nur Literarisches, sondern auch Ermahnendes ist unter den neuen Kalendern zu finden: Der deutsche Rundfunk-Journalist und Sachbuchautor Hermann Vinke, der bis jetzt mit Historischem auffiel, gab – wieder in der edition momente – einen „Klima Kalender“ heraus. 53 Merkblätter gegen die Klimakrise zeigen unseren blauen Planeten, seine Schönheit, aber auch die Gefahren, denen er ausgesetzt ist. In diesem Sinn ist auch der Satz in der ersten Woche zu verstehen: „Wir gehen mit dieser Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum.“ Das meinte Jane Fonda, als sie 2019 vor dem Kapitol in Washington auf die Notwendigkeit radikaler Maßnahmen für den Klimaschutz aufmerksam machte. Die 53 Merkblätter enthalten derart kurze, kräftige Aussagen und sind entsprechend eindringlich illustriert, mit Bildern, die sowohl die Schönheit als auch die Gefährdung zeigen.

Zurück zur Literarischen, zum „Aufbau Literatur Kalender“, mittlerweile im 54. Jahrgang. Auf dem Titelblatt Susan Sontag, ein faszinierendes Gesicht, das vermutlich vielen Menschen bekannt ist, auch denen, die Sontags literarische und essayistische Werke nicht gelesen haben. 365 Tage, an jedem werden Gedenktage literarisch Schaffender angeführt, 52 Wochen, an denen eine oder einer mit Bild und charakterisierendem Textzitat herausgehoben wird, so etwa in der 41. Woche einer meiner niederländischen Lieblingsautoren, der in Inhalt und Form maßlose Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden.

Und wenn Toni Morrison, die erste afroamerikanische Autorin, die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, bei Aufbau in der siebenten Woche aufscheint, dann ist sie im „Literatur Kalender“ der edition momente auf dem Titelblatt zu sehen. „Momente der Hoffnung. Texte und Bilder aus der Weltliteratur“ lautet der Untertitel des Kalenders. „Wie könnte ich ohne Hoffnung leben“, dieses Kafka-Zitat leitet ein, die dänische Lyrikerin Inger Christensen hat in der ersten Januarwoche „rastlose Hoffnungen“ in ihrem Langgedicht „alfabet“. Der Kalender endet mit der Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer, die ein wenig an das erwähnte Fontane-Zitat erinnert: „Soll man sich suggerieren, man selbst hätte noch viel Zeit, oder sich lieber einbilden, es stände nur noch wenig zur Verfügung?“

Der in Hamburg ansässige mare-Verlag gibt – wie könnte es anders sein – einen Kalender mit dem Titel „Meeresblicke“ heraus. Es sind nördliche Meerblicke, die da angeboten werden und sie verströmen einen ganz eigenartigen Zauber, da strahlt und blendet nichts, das Licht kommt zurückhaltend von der untergehenden Sonne, von einsamen Leuchttürmen oder dem Nordlicht. Diese Bilder nehmen entsprechend viel Platz ein, umso besser bringen sie die Stimmung – erzeugt von Meisterfotografen – direkt in den Raum.

Foto auf dem Monatsblatt für August im Kalender „Meeresblicke“. Foto © Tom Körber

Damit hängt nun genug an den Wänden und wir können uns den Kalendern in Buchform zuwenden. Berühmten Frauen ist alljährlich ein von der feministischen Linguistin Luise F. Pusch 1987 begründeter Kalender gewidmet, der seit 2019 im Reclam Verlag erscheint. Im gewohnten Reclam-Buchformat enthält er alles, was man von einem Taschenkalender erwartet, also eben Wochenplaner und Monatskalendarien sowie Platz für Notizen. Pro Monat gibt es eine ausführliche Biografie: von der Folksängerin Joan Baez im Jänner bis zur Astronomin Henrietta Swan Leavitt im Dezember. Dazu kommen dann noch – mit kurzen biografischen Angaben – Hinweise auf mehr als 300 Gedenktage von Frauen.

Der amerikanische Autor John Strelecky hat mit „Das Café am Rande der Welt“ eine Erzählung über den Sinn des Lebens geschrieben, die in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde und weltweit ein Bestseller ist. Ein Hauch davon ist auch in dem Kalender „John Strelecky. Mein Jahr im Café am Rande der Welt“ zu spüren. Jeder Monat wird mit einem kleinen Aufsatz zur Lebenshilfe eingeleitet, außerdem bietet der zurückhaltend illustrierte dtv-Taschenkalender viel Platz für eigene Eintragungen.

Der dritte Taschenkalender stammt aus dem Insel-Verlag. Herausgeber Matthias Reiner trägt da Jahr für Jahr Texte und Bilder zusammen. Für 2021 hat er den hoffnungsvollen Titel „Freuden und Tage“ gewählt – übernommen von dem gleichnamigen Erstlingswerk von Marcel Proust „Les Plaisirs et les jours“. An den Beginn des Kalenders stellte Reiner ein von H.C. Artmann übersetztes jiddisches Sprichwort – „Ist man aus der Einzäunung heraus, so kommt man auf andere Gedanken“ – und an den Schluss ein Gebet aus dem Römerbrief des Paulus: „Der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen“. Dazu kommen kleine Geschichten, Gedichte, Aphorismen und Rezepte, viele Illustrationen und Fotografien sowie Platz für eigene Notizen.

Am Ende dieses Überblicks über Kalenderbücher steht ein großes, dickes, schweres Buch – wie ja auch die Kalenderbücher in alten Tagen große, dicke und schwere Bücher waren, mussten sie doch Lesestoff für die ganze Familie enthalten. Herausgeber Rainer Wieland ist Literaturwissenschaftler und sammelt Tagebücher. Nun hat er seine Sammlung in eine neue Form gebracht: „Stand spät auf, legte mich aber dann wieder hin“ heißt sie und man kann sich mit diesem Buch der Tagebücher durch das ganze Jahr lesen. Das eröffnende Motto ist von Robert Musil: „Vielleicht wird man eines Tages überhaupt nur Tagebücher schreiben, da man alles andere unerträglich findet“. Darüber, ob das stimmen mag, kann man schon eine Weile nachdenken. Dem Vorwort gibt Wieland den Titel „Montag ich, Dienstag ich, Mittwoch ich“, schreibt da vom Tagebuch als kollektivem Gedächtnis und als einem gleichzeitigen Spiegel der menschlichen Seele. Der Band beginnt mit einer Abbildung von Goethes Schreibkalender aus dem Jahr 1782 und mit einem Zitat von einem der wohl berühmtesten europäischen Tagebuchschreiber, Samuel Pepys. Am Ende des Jahres ein Eintrag von Susan Sontag, die im Tagebuch einer Freundin gelesen hat und danach feststellt: „Wir wissen nur selten, was andere über uns denken… Habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich gelesen habe, was nicht für meine Augen bestimmt war? Nein. Eine der wichtigsten (sozialen) Funktionen eines Tagebuchs besteht genau darin, heimlich von anderen Leuten gelesen zu werden…“. Nun denn: So soll uns dieses Buch der Tagebücher durch das Jahr begleiten.

„Fliegende Wörter 2021“. Daedalus Verlag, Münster 2020.
C.H. Beck Gedichtekalender. Hg. v. Dirk Petersdorff, Verlag C.H. Beck, München 2020.
Der Kinder Kalender 2021. Hg. v.d. Internationalen Jugendbibliothek München, edition momente, Zürich-Hamburg 2020.
Der Klima Kalender 2021. Hg. v. Hermann Vinke, edition momente, Zürich-Hamburg 2020.
Aufbau Literatur Kalender 2021. Hg. v. Thomas Böhm u. Catrin Polojachtof, Aufbau Verlag www.aufbau-verlag.de Berlin 2020.
Der Literatur Kalender 2021. Momente der Hoffnung. Texte und Bilder aus der Weltliteratur. Hg. v. Elisabeth Raabe, edition momente, Zürich-Hamburg 2020.
Kalender Meeresblicke 2021. mare Verlag, Hamburg 2020.
Berühmte Frauen. Kalender 2021. Hg. Luise F. Pusch, Reclam Verlag, Stuttgart 2020.
John Strelecky. Mein Jahr im Café am Rande der Welt. Kalender 2021. dtv Verlagsgesellschaft, München 2020.
„Freuden und Tage“. Kalender für 2021. Hg. v. Matthias Reiner. Insel Verlag, Berlin 2020.
„Stand spät auf, legte mich aber dann wieder hin“. Durch das Jahr mit dem Buch der Tagebücher. Hg. v. Rainer Wieland. Piper Verlag, München 2020.