KARL LAGERFELD ALS FOTOGRAF

Installation zur Sonderausstellung „Karl Lagerfeld. Fotografie. Die Retrospektive“ im Innenhof des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale), Foto: Marcus-Andreas Mohr © Karl LagerfeldInstallation zur Sonderausstellung „Karl Lagerfeld. Fotografie. Die Retrospektive“ im Innenhof des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale), Foto: Marcus-Andreas Mohr © Karl Lagerfeld

Karl Lagerfeld war Modeschöpfer, Designer, Fotograf – und ein Meister der Selbstinszenierung. Wen wundert es da, dass das erste Bild des im Steidl Verlag erschienenen Buches „Karl Lagerfeld Fotografie“ ein Selbstporträt ist. Und das zweite. Und das dritte. Letzteres zeigt ihn, wie er sich selbst fotografiert. Wechselt man von diesem Bild auf die andere, die rechte Buchseite, schreibt dort der Kunsthistoriker Hubertus Gaßner über die Fotografie des Karl Lagerfeld und gibt dem Aufsatz den Titel: „Von der Kunst der Künstlichkeit“. Und kommt da natürlich nicht um das Statement des Allroundgenies herum, das auch als Motto vor dem ganzen Buch steht: „Ich habe das Glück, im Leben das machen zu können, was mich am meisten interessiert: Fotografie, Mode und Bücher, und dies unter den besten und perfektesten Bedingungen. Ich bin sehr glücklich“. Neidlos nimmt man zur Kenntnis, dass Lagerfeld sein Glück gefunden hat. Er lässt einen ja auch teilhaben daran.

Das Projekt „Karl Lagerfeld Fotografie“ umschließt auch eine Ausstellung, die Lagerfeld noch selbst autorisierte und die nun im Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale zur ersten großen Retrospektive nach seinem Tod 2019 wurde. Zu sehen sind in der eindrucksvollen Schau an die 300 Fotografien, die speziell für die Präsentation ausgewählt und produziert wurden – darunter Werke, die erstmals überhaupt öffentlich gezeigt werden.

Ausstellungsansicht „Karl Lagerfeld. Fotografie. Die Retrospektive“ im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Foto: Marcus-Andreas Mohr © Karl Lagerfeld

Ausstellungsansicht „Karl Lagerfeld. Fotografie. Die Retrospektive“ im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Foto: Marcus-Andreas Mohr © Karl Lagerfeld

Teil der Schau sind auch zwei besondere Werke: ein 18 Meter langer Paravent zu Homers „Odyssee“ sowie Lagerfelds bibliophiles Fotobuch zum spätantiken Hirtenroman „Daphnis und Chloë“, mit einem Exemplar des Buches, den dazugehörigen Fotografien sowie einer Soundinstallation. Ein besonderes Highlight der Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg ist die Präsentation von Daguerrotypien und Platinotypien als Masterprints Karl Lagerfelds.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Eric Pfrunder und Gerhard Steidl. Eric Pfrunder ist „Directeur de l’image“ bei Chanel Fashion. Auf seine Anregung hin entschloss sich Karl Lagerfeld 1987, für eine Pressemappe für Chanel selbst die Fotos zu machen. In der Folge produzierte er dann sämtliche Werbekampagnen für alle Marken, für die er als Kreativ-Direktor tätig war, selbst. Eric Pfrunder war seit damals für sämtliche kommerziellen und persönlichen Fotoshootings Lagerfelds verantwortlich. Der Verleger Gerhard Steidl realisierte und verlegte alle Fotoprojekte Lagerfelds (allein 48 Publikationen in seinem Verlag!) und kuratierte auch dessen Fotografie-Ausstellungen weltweit. Er hat für das neue Buch auch einen Aufsatz zum Thema „Drucken für Karl Lagerfeld“ geschrieben. Doch davon später.

Zunächst nochmals zum Aufsatz Hubertus Gaßners, zur Kunst der Künstlichkeit. Da schreibt dieser von den beiden Seiten der Fotografie, die sowohl das Flüchtige und Zufällige verkörpere als auch das Ewige und Unwandelbare. Und, dass der „schönheitssüchtige Ironiker“ Freude und Gefallen an künstlichen Arrangements, am offensichtlich Nicht-Authentischen und Gestellten fand. „Tableaux vivants“ hieß das zur Goethezeit. Damals meinte man noch, dass das Schöne mit dem Wahren und Guten zu vereinen wäre. Lagerfeld wusste, dass das nicht möglich ist, ging aber das Risiko ein, „sein Schönheitsideal auch ohne Anspruch auf Wahrheit und Ethik als höchst artifizielles zu inszenieren.“ Dass so jemand wie Lagerfeld auf Dorian Gray stoßen musste, versteht sich von selbst. Er erzählte die Geschichte neu, erfand eine Mrs. Gray und zeigte in vier Fotoporträts deren Älterwerden.

Zwei Fotos aus der Serie: Karl Lagerfeld, A Portrait of Dorian Gray, 2004, Foto © Karl Lagerfeld

Zwei Fotos aus der Serie: Karl Lagerfeld, A Portrait of Dorian Gray, 2004, Foto © Karl Lagerfeld

Neben all diesen zum Teil mythologischen Inszenierungen, Fotoerzählungen und Visionen – eben seinen „Storyboards“ – zeigt das Projekt „Karl Lagerfeld Fotografie“ aber auch Abendstimmungen, Bilder von Bauwerken und Landschaften, vom Schlosspark in Versailles, barocken Brunnen und vom Palazzo della Civiltà Italiana in Rom, wo Lagerfeld sowohl altmodische Fototechniken einsetzte als auch einfach – aber was ist bei ihm schon einfach? – abbildete. In den Abbildungen des römischen Palazzos zeigte Lagerfeld, dass er auch ganz anders konnte, nämlich wuchtig, dramatisch.

BuchcoverWie erwähnt kommt auch der Verleger und Buchmacher Gerhard Steidl zu Wort: Er findet in seiner Zusammenarbeit mit Lagerfeld Adäquates nur bei Harry Graf Kessler und dem von diesem 1913 in Weimar gegründeten bibliophilen Verlag, der Cranach-Presse. Kessler scherte sich weder um Markt noch um Publikum, „richtete sich allein nach dem eigenen Geschmack und dem eigenen Anspruch.“

Man findet auch einige Abbildungen im Buch und in der Ausstellung, bei denen es heißt: genau schauen. Man meint wohl, die Bilder der Serie „Chanel till now“ seien Zeichnungen, dabei sind es in einem komplizierten mehrstufigen Prozess entstandene kolorierte Fotos.

Fazit: Gerhard Steidl hat die Intentionen Lagerfelds beim Machen dieses Foto-Bandes eindeutig erfüllt. Und die Ausstellung ist eindeutig einen Besuch wert.

Die Ausstellung: Karl Lagerfeld. Fotografie. Die Retrospektive. Kunstmuseum Moritzburg, Halle/Saale. Zu sehen bis 6. Januar 2021.
Das Buch: Karl Lagerfeld Fotografie. Steidl Verlag, Edition 7L. Göttingen 2020.