KIMONO – MODE UND TRADITION

Detail der Ausstellung „Kimono: Kyoto to Catwalk“ im Londoner „Victoria and Albert Museum“, © V&A Press OfficeDetail aus der Ausstellung „Kimono: Kyoto to Catwalk“ im Londoner „Victoria and Albert Museum“, © V&A Press Office

Ein „Kimono“ sei ein „breiter seidener Gürtel“, mit dem in Japan Gewänder zusammengehalten werden, meinte 1887 das Wiener „Neuigkeits-Welt-Blatt“ in einem Artikel über japanischen Tanz[1]. Ein Irrtum natürlich. Aber die falsche Interpretation des Begriffes dokumentiert immerhin das damals zunehmende Interesse an fernöstlicher Kultur. Um die Jahrhundertwende war man bereits besser informiert. Zum Stichwort „Kimono“ erläuterte „Meyers Großes Konversations Lexikon“: „Lange, vorn offene Tunika mit weiten Ärmeln, in der Taille durch einen Gürtel (Obi) zusammengehalten, die allgemeine japanische Volkstracht“.

In abgewandelter Form machte diese „Volkstracht“ damals gerade in der europäischen Mode Furore. Den Anstoß dazu gab der französische Modeschöpfer Paul Poiret (1879–1944), der 1901 einen „manteau-kimono“ kreierte, dem dann weitere Modelle dieser Art folgten. Es waren leichte mantelartige Gewänder, meist aus Seidenstoffen gefertigt, mit denen Poiret Aufsehen erregte und dazu beitrug, dass das Korsett endgültig aus der Damenmode verschwand. Denn bei diesen Kreationen – die auf den ersten Blick nur wenig von einem Original-Kimono zu haben schienen – kam es Poiret vor allem auf den Schnitt an: die gerade Linie, die seitliche Drapierung und, so vorhanden, die weiten Ärmel. Für den perfekten Sitz dieser Modelle waren kein Korsett und keine andere einengende Unterkleidung notwendig. Poirets Kimono-Entwürfe waren Exklusivmodelle, doch die Schnittführung wurde bald vielfach übernommen, und der Begriff „Kimono“ entwickelte sich zu einem Kennwort für Modisches.

Manteau-kimono, entworfen von Paul Poiret, um 1913, © Victoria and Albert Museum, London

Manteau-kimono, entworfen von Paul Poiret, um 1913, © Victoria and Albert Museum, London

Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Kimonos und der Stellenwert dieses Kleidungsstückes in der Mode- und Designgeschichte – in der japanischen ebenso wie in der europäischen – stehen im Mittelpunkt der Ausstellung „Kimono: Kyoto to Catwalk“, die derzeit (nach Corona-bedingter Pause) wieder im Londoner Victoria and Albert Museum zu sehen ist. Es ist die größte bisher in Europa gezeigte Kimono-Ausstellung, die rund 300 Exponate umfasst, wobei der zeitliche Bogen vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht.

Ausstellungsansicht, © V&A Press Office

Ausstellungsansicht, © V&A Press Office

Die gezeigten Kimonos sind auch Belegstücke für die Entwicklung der Handelsbeziehungen und des Kulturaustausches zwischen Japan und Europa. Einerseits veränderte der zunehmende Import von Textilien aus Europa die Gestaltung der traditionellen japanischen Kimonos – deutlich wird dies etwa bei einem ausgestellten Unterkimono aus bedrucktem Baumwollstoff, der in Großbritannien oder Frankreich hergestellt worden war und der sich durch sein Blumendekor und vor allem das leuchtende Gelb stark von den üblichen Mustern und Farben unterschied. Andererseits reagierte man in Japan auf die zunehmende europäische Kimono-Begeisterung mit der Produktion von speziellen „Kimonos für Ausländer“, die sich vor allem in Schnittformen, Stickereien und Ornamenten von den Originalformen unterscheiden. Als Beispiel zeigt man in der Ausstellung einen speziell für den Export hergestellten Kimono, der eine wesentlich einfachere Drapierung ermöglicht als klassische Kimonos und dessen aufgestickte Muster europäischen Japan-Design-Klischees angepasst sind.

Links: Unterkimono für einen Mann, hergestellt in Japan zwischen 1830 und 1860 aus einem Stoff aus Großbritannien oder Frankreich, © Image Courtesy of the Khalili Collection / Rechts: Kimono für den Export, hergestellt vermutlich in Kyoto zwischen 1905 und 1915, © Victoria and Albert Museum, London

Links: Unterkimono für einen Mann, hergestellt in Japan zwischen 1830 und 1860 aus einem Stoff aus Großbritannien oder Frankreich, © Image Courtesy of the Khalili Collection / Rechts: Kimono für den Export, hergestellt vermutlich in Kyoto zwischen 1905 und 1915, © Victoria and Albert Museum, London

Nachdem es lange Zeit so aussah, als würde der Kimono in Japan allmählich aus der Mode kommen und lediglich für traditionelle Anlässe in Verwendung bleiben, ist nunmehr ein neues Interesse an diesem Kleidungsstück erwacht. Vermehrt widmen sich japanische Designerinnen und Designer dem Kimono – so etwa Hiroko Takahashi, die zunächst Kleidung im westlichen Stil entwarf, dann aber im Kimono „die perfekte Form für die von ihr angestrebte Verbindung von Mode und Kunst“ fand. Oder der Textilkünstler Kunihiko Moriguchi, der dem Kimono vor allem durch seine Musterkreationen neue Impulse gibt.

Links: Hiroko Takahashi, Kimono-Ensemble „Hirocoledge“, 2009, ©TAKAHASHIHIROKO Inc. / Rechts: Kunihiko Moriguchi, Kimono „Beyond“, 2005, Image Courtesy of the Khalili collection © Moriguchi Kunihiko

Links: Hiroko Takahashi, Kimono-Ensemble „Hirocoledge“, 2009, ©TAKAHASHIHIROKO Inc. / Rechts: Kunihiko Moriguchi, Kimono „Beyond“, 2005, Image Courtesy of the Khalili collection © Moriguchi Kunihiko

Der Einfluss des Kimonos auf die aktuelle internationale Modeszene und auf die zeitgenössische Populärkultur zeigen in der Ausstellung unter anderem Kreationen von Designern wie Thom Browne oder Duro Olowu, sowie der von Alexander McQueen entworfene Kimono für das Album „Homogenic“ der Sängerin Björk und Jean Paul Gaultiers Kimono-Ensemble für Madonnas Musikvideo „Nothing Really Matters“.

Links: Madonna, Video „Nothing Really Matters“,1999, Foto Frank Micelotta © Getty Images / Rechts: Duro Olowo, Wickelmantel mit Gürtel, Herbst/Winter 2015, Foto Luis Monteiro © Duro Olowu

Links: Madonna, Video „Nothing Really Matters“,1999, Foto Frank Micelotta © Getty Images / Rechts: Duro Olowu, Wickelmantel mit Gürtel, Herbst/Winter 2015, Foto Luis Monteiro © Duro Olowu

Gestaltet wurde die Ausstellung „Kimono: Kyoto to Catwalkat“ von Anna Jackson, der Leiterin der Asien-Abteilung des Victoria and Albert Museums. Ihr Statement zu dieser eindrucksvollen Schau lautet: „From the sophisticated culture of 17th-century Kyoto to the creativity of the contemporary catwalk, the kimono is unique in its aesthetic importance and cultural impact giving it a fascinating place within the story of fashion.“

Die Ausstellung „Kimono: Kyoto to Catwalk“ ist bis zum 25. Oktober 2020 im Victoria and Albert Museum zu sehen.

[1] Neuigkeits-Welt-Blatt, 27.8.1887, S. 8.