KINO WELT WIEN

Historische Kino-Eintrittskarten, © Filmarchiv AustriaHistorische Kino-Eintrittskarten, © Filmarchiv Austria

Die bald 125-jährige Geschichte der Kinos in Wien ist das Thema einer großen Ausstellung, die das Filmarchiv Austria im Wiener „Metro Kinokulturhaus“ zeigt und die seit 1. Juni wieder geöffnet ist. Auf zwei Ebenen wird man in dieser Schau, die den Titel „KINO WELT WIEN. Eine Kulturgeschichte städtischer Traumorte“ trägt, dazu eingeladen, durch die vergangene und die heutige Wiener Kinolandschaft zu flanieren. Präsentiert werden eine Vielzahl an Grafik-, Foto- und Filmdokumenten sowie Relikte aus Wiener Kinos.

Kinoanzeige und Preisliste aus dem Zentral Kino, 1910er Jahre, © Filmarchiv Austria Kaja Joo

Kinoanzeige und Preisliste aus dem Zentral Kino, 1910er Jahre, © Filmarchiv Austria Kaja Joo

Einen zentralen Bereich bilden Berichte des Kinopublikums. Doch auch das Ausstellungspublikum ist aufgefordert, seine Kinoerinnerungen beizutragen: „Was haben Sie im Kino erlebt? Was war oder ist ‚Ihr‘ Wiener Kino? Welcher Kinobesuch wird für Sie immer unvergesslich bleiben?“ Und damit wird schon ganz nah ans Intime, ans Persönliche herangerückt. Weil es doch sehr subjektiv ist, was man dort, im dunklen Saal, mitten unter vielen anderen – oder immer öfter auch nur unter wenigen – erlebt, erleidet, wie man sogar zum Weinen gebracht wird. Wahrscheinlich gibt es wenige kulturelle Institutionen, die so perfekt – durch Ambiente, Bild und Ton – wie das Kino mit dem Gefühlsleben der BesucherInnen spielen können.

Stadtkino, © Stadtkino Filmverleih

Stadtkino, © Stadtkino Filmverleih

Das Thema reizt zum Ausufern, zum Verlieren in persönliche Erlebnisse. Daher zurück zu den Facts: 1896 eroberte der Kinematograph – nach seiner ersten Präsentation – ganz Wien, die meisten Spielstätten gab es in der Inneren Stadt und in der Leopoldstadt mit dem Prater. Der siebente Bezirk, Neubau, entwickelte sich zum Zentrum der Branche, die äußeren Bezirke – die mehrheitlich von Arbeitern bewohnt waren – verfügten über besonders viele Kinos. Die Zahlen dazu: 1950 – also noch vor dem Fernsehen – gab es in Wien über 200 Kinos, 1980 waren es noch knapp 70, derzeit sind es rund 30.

Kino-Werbedia (Ausschnitt), 1950er Jahre, © Filmarchiv Austria

Kino-Werbedia (Ausschnitt), 1950er Jahre, © Filmarchiv Austria

Noch weiter vertieft sich der Katalog in die „KINO WELT WIEN“. Die Ausstellungskuratorin Martina Zerovnik hat hier – gemäß dem Untertitel der Schau – „Eine Kulturgeschichte städtischer Traumorte“ herausgegeben. Auf dem Cover ist – signalgelb umrandet – das Portal der Neubauer Lichtspiele zu sehen. Schlägt man den Katalog auf, ist es zunächst schwarz, so schwarz und dunkel, wie im Kino, bevor der Film beginnt und nur das Rascheln der Popcorntüten und leises Flüstern zu hören sind. Ernst Kieninger, der Direktor des Filmarchivs Austria, nimmt einen im Vorwort schon hinein, in den „permanenten Ausnahmezustand“, in die „Differenzerfahrung im Dunkelraum“, ins „Weichbild des Lebens“ und gibt Hoffnung: „Das Kino (…) hat sich als seit jeher höchst gegenwärtiges Medium gewissermaßen immer wieder neu erfunden und den Verhältnissen angepasst.“

Scala 1931 © ÖNB - Bildarchiv Austria

Scala 1931, © ÖNB – Bildarchiv Austria

Martina Zerovnik blickt unter dem Titel „Kino zwischen Traum und Wirklichkeit“ in eine „Kiste voll zauberhaftem Gerümpel“, und dann reiht sich ein einschlägiges Thema ans andere: Der Wandel der Wiener Kinos und wie sie im Stadtraum wirken, die Architektur, Meister der Kinoreklame, sozialdemokratische Kinopolitik, Ort sowohl der weiblichen Emanzipation als auch Ort der Reinheit und Ordnung, die erstaunlich starke Präsenz von Frauen in der Wiener Kinobranche der 1930er bis 1960er Jahre, verschwundene Kino-Orte, der Gegensatz von Multiplex und kleinen Innenstadtkinos wird gleichgesetzt mit jenem von Supermärkten und kleinen Lebensmittelgeschäften, von Action- und Programmkinos ist die Rede und noch von vielem mehr. Der letztlich unbeantwortbaren Frage wird nachgegangen, ob man denn einfach ins Kino gehe oder doch in einen bestimmten Film, und dazu wird die Schriftstellerin und leidenschaftliche Kino-Geherin Ilse Aichinger zitiert mit ihrem Ausspruch über das Wiener Bellaria Kino: „Das Programm wechselt dort täglich, das Publikum weniger.“

Schild aus dem Metro Kino, 1970er-Jahre, © Filmarchiv Austria

Schild aus dem Metro Kino, 1970er-Jahre, © Filmarchiv Austria

Der Schriftsteller Xaver Bayer beendet den Reigen der Wiener Kino-Variationen mit „Very Last Picture Shows“. Den „leicht verlotterten und verstaubten Räumen“ der noch existenten „Flohkinos“ mit ihren „nikotingelben Vorhängen und der originellen Klientel“ verleiht er das Prädikat: „besonders wertvoll.“

Einen ganz speziellen Reiz macht – natürlich, ist man versucht zu sagen – das illustrierende Bildmaterial aus, da kann man sich voll hineinfallen lassen in die optische „Kino-Mischung“ (So hieß die Auswahl von bunten Süßigkeiten, die an den Kino-Buffets verkauft wurde, bevor Popcorn lautstark übernahm).

Schild aus dem Metro Kino, 1970er-Jahre, © Filmarchiv Austria

Schild aus dem Metro Kino, 1970er-Jahre, © Filmarchiv Austria

Die Ausstellung „KINO WELT WIEN. Eine Kulturgeschichte städtischer Traumorte“ kann im Metro Kinokulturhaus in der Johannesgasse 4, 1010 Wien, besichtigt werden. Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag Filmarchiv Austria erschienen.