LEGENDÄRE DINNER

Pampelmusen mit Pinienkernen, garniert mit einem Knusperfächer. Detail aus einem Dinner von Coco Chanel. Abb. aus dem Buch „Legendäre Dinner“, © Antonina Gern photography.Pampelmusen mit Pinienkernen, garniert mit einem Knusperfächer. Detail aus einem Dinner von Coco Chanel. Foto aus dem Buch „Legendäre Dinner“, © Antonina Gern photography.

Das soll jetzt nicht eine Bestätigung des Sprichworts von den sauren Trauben sein, die dem Fuchs zu hoch hängen – aber: Über „Legendäre Dinner“ zu lesen, sich aber das Getue nur vorzustellen und nicht dabei sein zu müssen, scheint mir allemal schöner. Vor allem, wenn man über diese Dinner in einem so gut gemachten Buch lesen kann, wie es Anne Petersen und ihr Team mit dem Band „Legendäre Dinner. Unvergessliche Rezepte berühmter Gastgeber“ zustande brachten. Obwohl das eine oder andere dieser festlichen Abendessen – vor allem in kleinem Rahmen – durchaus eine Verlockung wäre.

Zum Buch: es bietet vielerlei, wobei zuerst einmal von den Begleitumständen die Rede ist, also wer, wo und mit wem zu welchem Anlass beisammensaß. Dann sieht man – die Yellow Press könnte vor Neid erblassen – viele, viele Fotos der Gäste und der Örtlichkeiten jener nicht immer nur luxuriösen Veranstaltungen. Der Höhepunkt aber, so scheint mir, sind die Rezepte, die zum Nachkochen detailliert beschrieben und illustriert sind. Es musste ja für das Buch all das, was einige Auserwählte genießen konnten, recherchiert, nachgekocht und abgebildet werden. Zwanzig „legendäre Dinner“ sind es insgesamt: Der zeitliche Bogen reicht dabei von Napoleons Vermählung mit Marie Louise von Österreich im Jahr 1810 über zwei weitere Hochzeiten – nämlich jene der damaligen Prinzessin und späteren Queen Elizabeth und Prinz Philip im November 1947 und jene von Grace Kelly mit Fürst Rainier von Monaco im April 1956 – bis zu dem Staatsdinner im Rosengarten des Weißen Hauses, das Michelle Obama am 7. Juni 2011 zu Ehren der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel gab. Unter den im Buch auftretenden GastgeberInnen finden sich MalerInnen (Frida Kahlo, Claude Monet, Jackson Pollock) und DichterInnen (Tania Blixen, Truman Capote, Johann Wolfgang v. Goethe, Thomas Mann und Virginia Woolf), Mode-Ikonen (Coco Chanel), Filmstars (Audrey Hepburn) und auch Präsident Richard Nixon, der 1969, nach der Mondlandung, die Astronauten Armstrong, Collins und Aldrin mit einem großen Dinner feierte. Originell aus dem Rahmen fallen die Feste, die von Bauhaus-KünstlerInnen in Weimar und Dessau ausgerichtet wurden.

Die Textilkünstlerin Gunta Stölzl leitete ab 1927 die Weberei am Bauhaus Dessau. Für große Feste formte sie aus Lebkuchenteig gerne fantasievolle Figuren, die heute noch im Bauhaus-Archiv zu bewundern sind – und selbstverständlich als Inspiration genutzt werden können. Abb. aus dem Buch „Legendäre Dinner“, © Antonina Gern photography.

Die Textilkünstlerin Gunta Stölzl leitete ab 1927 die Weberei am Bauhaus Dessau. Für große Feste formte sie aus Lebkuchenteig gerne fantasievolle Figuren, die heute noch im Bauhaus-Archiv zu bewundern sind – und selbstverständlich als Inspiration genutzt werden können. Foto aus dem Buch „Legendäre Dinner“, © Antonina Gern photography.

Hat man also einmal das Kleid von Prinzessin Elizabeth – 350 Näherinnen arbeiteten daran sieben Wochen lang – ebenso bewundert wie das herzliche Lächeln, das Angela Merkel Michelle Obama schenkte, hat man die Hepburn mit Kind und Esel und Thomas Mann beim Schallplattenhören posieren gesehen und viele andere der sogenannten „Reichen und Schönen“ beiderlei Geschlechts, dann kann man sich den kulinarischen Sensationen zuwenden. Oft wird da wird auch nur mit Wasser gekocht – „Klare Suppe mit Kürbis und Zucchini“, das schaffen wir doch alle, oder? Bei den Rezepten ist der jeweilige Schwierigkeitsgrad angegeben, also zum Beispiel „Leicht“ beim „Grapefruit-Salat“ Truman Capotes, „Mittel“ beim Goetheʼschen „Rehrücken mit Aubergine und Apricose“ und „Schwer“ bei der „Bombe glacée“, die beim Hochzeitsessen im Buckingham Palace als Nachtisch serviert wurde (wobei „Leicht“ und „Mittel“ bei den Rezepten überwiegen und „Schwer“ ganz selten zu finden ist).

Klare Bouillon und Wachtelpastete auf Wintersalat, serviert bei einem surrealistischen Maskenball, den Marie-Hélène de Rothschild 1972 auf Schloss Ferrières gab. Abb. aus dem Buch „Legendäre Dinner“, © Jonas von der Hude.

Klare Bouillon und Wachtelpastete auf Wintersalat, serviert bei einem surrealistischen Maskenball, den Marie-Hélène de Rothschild 1972 auf Schloss Ferrières gab. Foto aus dem Buch „Legendäre Dinner“, © Jonas von der Hude.

Unter den vielen Gerichten ist mir eines wegen seiner Exzentrik aufgefallen, und zwar der „Beschwipste Schinken“, den Tania Blixen dem Prince of Wales servierte (der englische Thronfolger war mit Blixens Liebhaber Finch Hatton auf Großwildjagd in Kenia). Blixen, die ja mit „Babettes Gastmahl“ einen Höhepunkt der kulinarischen Literatur geschrieben hat, garte den englischen Schinken in fünf Flaschen Champagner. Was aber höchstwahrscheinlich noch schwieriger war, als Schinken in Champagner zu garen, war sicherlich, 1928 am Fuß der Ngong-Berge in Kenia für den Fischgang einen Steinbutt aufzutreiben. Apropos Steinbutt. Zu diesem empfiehlt das Team des Magazins „SALON“, das an dem Buch über die „Legendären Dinner“ intensiv mitgearbeitet hat, auch den passenden Wein, nämlich einen steirischen Sauvignon Blanc, „aromatisch, würzig, nicht zu jung“.

Lunchbuffet mit Hühnchen, Fisch, Hummer und Garnelen, serviert im Anschluss an die Trauung von Grace Kelly und Prinz Rainier. Abb. aus dem Buch „Legendäre Dinner“, © Jonas von der Hude.

Lunchbuffet mit Hühnchen, Fisch, Hummer und Garnelen, serviert im Anschluss an die Trauung von Grace Kelly und Prinz Rainier. Foto aus dem Buch „Legendäre Dinner“, © Jonas von der Hude.

Mit dem Wein wäre die Überleitung zum Buch „Mit Wein Staat machen“ geschafft. Der Politikwissenschaftler und Psychologe Knut Bergmann hat da eine ganz eigenartige und besondere „Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland“ verfasst, indem er das Verhältnis von Wein und Staat, Protokoll und Politik untersuchte. Der mit reichlichem Insiderwissen Ausgestatte schrieb penibel auf, wer bei welchem Staatsbankett die Gastgeber und die Gäste waren und – vor allem – was dort gegessen und getrunken wurde. Das ist so recht ein Buch für Kenner der deutschen Zeitgeschichte und vor allem für Kenner deutschen Weins. Denn zum Wohle des Staates wurde – und wird – heimischer Wein eingeschenkt. Hin und wieder dürfen es auch Champagner oder Bordeaux sein, aber ansonsten wird zu diesen hochoffiziellen Anlässen von der „Ayler Herrenberger Auslese“ bis zum „Würzburger Stein Riesling Kabinett“ alles gereicht, was bei gut und teuer ist. Österreich spielt bei diesen diplomatischen und kulinarischen Höhenflügen nahezu keine Rolle. Ein kostenmäßig günstiger „Iphöfer Burgweg Müller-Thurgau Kabinett trocken 1980“ aus Franken wurde im September 1982 Rudolf Kirchschläger serviert. Kostenmäßig günstig deswegen, weil man dem österreichischen Bundespräsidenten Bescheidenheit nachsagte. Knut Bergmann verrät auch die Speisenfolge beim Abschiedsessen für Barack Obama im November 2016 im Berliner Bundeskanzleramt: der Beginn mit Geflügelbouillon ist leicht. Dann aber folgen: Eisbein, gebratene Haxe, Nürnberger Bratwürstchen mit Erbspüree, Sauerkraut, Spitzkohl und Salzkartoffeln. Danach Apfelstrudel und Käseteller. Dazu Grau- und Spätburgunder. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen …

Legendäre Dinner. Unvergessliche Rezepte berühmter Gastgeber. Hg. von Anne Petersen. Prestel Verlag, München-London-New York, 2020
Knut Bergmann: Mit Wein Staat machen. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Insel Verlag, Berlin 2018/2020.