LEIPZIG: VON DEN CHORKNABEN UND DEN PRINZEN

Ausschnitt aus dem Cover des Buches „Gesang vom Leben. Biografie der Musikmetropole Leipzig“ von Hagen KunzeAusschnitt aus dem Cover des Buches „Gesang vom Leben. Biografie der Musikmetropole Leipzig“ von Hagen Kunze

Telemann, Mendelssohn Bartholdy, Clara und Robert Schumann, Lortzing, Wagner, Mahler, Reger ­­– und natürlich Johann Sebastian Bach: Das sind nur einige Namen aus der langen Liste der Musikerinnen und Musiker, die in Leipzig gewirkt und die Stadt künstlerisch geprägt haben. Zu Recht gilt Leipzig als eine der wichtigsten Musikmetropolen Europas, in der es seit Langem eine überaus vielfältige und innovative musikalische Szene gibt, von der zahlreiche Impulse ausgingen und immer noch ausgehen. Wie es dazu kam und wie sich das alles entwickelte, damit beschäftigt sich der Musikwissenschaftler Hagen Kunze in dem Buch „Gesang vom Leben. Biografie der Musikmetropole Leipzig“.

In seinem, wie er es nennt, „Lesebuch“ liefert Kunze weit mehr als eine lokale Musikchronologie. Er setzt die Leipziger Musikentwicklung in einen internationalen Zusammenhang und bezieht immer wieder auch weitere Aspekte der Kultur-, Sozial- und Politikgeschichte mit ein. Über die vielen Künstlerinnen und Künstler, die in Leipzig lebten oder zu Auftritten in die Stadt kamen, weiß er viel zu erzählen: So etwa, dass Johann Sebastian Bach in seinen letzten Lebensjahren an Burnout litt, dass E.T.A. Hoffmann in Leipzig vom Musiker zum Schriftsteller wurde und dass man Franz Liszt bei seinem ersten Leipziger Konzert auszischte. Mit dem Titel seines Buches – „Gesang vom Leben“ – bezieht sich Hagen Kunze auf das gleichnamige Deckengemälde in den Foyers des Leipziger „Gewandhauses“.

Das Leipziger Gewandhaus. Die Deckengemälde in den Foyers des Konzerthauses am Augustusplatz sind abends, bei Beleuchtung, auch von außen gut sichtbar. Foto © Jens Gerber, 2015.

Das Leipziger Gewandhaus. Die Deckengemälde in den Foyers des Konzerthauses am Augustusplatz sind abends, bei Beleuchtung, auch von außen gut sichtbar. Foto © Jens Gerber, 2015.

Gefertigt 1980/1981 vom Leipziger Maler Sighard Gille umfasst das Fresko eine Fläche von rund 714 Quadratmetern und gilt als das größte Deckengemälde Europas. Inspiriert wurde das Monumentalwerk von Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, gegliedert ist es in vier Bereiche, deren Titel – „Lied von der Stadt“, „Orchester“, „Mächte der Finsternis“ und „Lied von Glück“ – Kunze für die großen Abschnitte seines Buches übernommen hat. Dieses ist chronologisch gegliedert und Teil 1 – „Lied von der Stadt“ – beginnt im Jahr 1212. Damals wurde in Leipzig das Thomaskloster gegründet und wenig später auch eine Klosterschule eingerichtet. Auf diese geht der bis heute bestehende, berühmte Leipziger Knabenchor – der Thomanerchor – zurück.

Das Besondere an der Geschichte sei, so erzählte Hagen Kunze bei der Präsentation seines Buches, dass die Thomanerschule von Anfang an und im Gegensatz zu anderen mittelalterlichen Klosterschulen nicht nur für den Kleriker-Nachwuchs gedacht war, sondern allen Söhnen der Leipziger Bürgerschaft offenstand (und daher als die älteste öffentliche Schule Deutschlands gilt). Einzige Bedingung war, so Kunze, die Verpflichtung im Chor zu singen, sprich: den Gottesdienst, die vielen Messen, die es im Mittelalter gibt, gesanglich auszufüllen. Das Prinzip hält viele Jahrhunderte lang an, das reicht über die Reformation hinaus. An dieser Stelle sage ich immer, wir müssen eigentlich froh sein, dass wir in Sachsen Martin Luther als Reformator hatten und nicht Calvin oder Zwingli, die der Musik ja deutlich kritischer entgegenstanden. Denn Martin Luther sagt ja: Wer singt, betet doppelt – und deswegen hat die lutherische Reformation all diese Chöre in den Klöstern und die Schulen aufrechterhalten.“ Allerdings wurde das Kloster im Zuge der Reformation säkularisiert, die Thomanerschule und der Thomanerchor gingen in städtische Obhut über: „Das gilt bis heute und deswegen ist der Thomanerchor Leipzig eine städtische Einrichtung (…). Die oberste Bedingung aber ist nach wie vor: Der Thomanerchor ist dazu da, für die gottesdienstliche Musik in der Thomaskirche zu sorgen. Also: es ist ein städtischer Chor mit geistlichen Aufgaben.“

Johann Sebastian Bach-Denkmal bei der Leipziger Thomaskirche. Bach war 1723–1750 Leiter des Thomanerchores und Kantor der Thomaskirche. Foto © B. Denscher

Johann Sebastian Bach-Denkmal bei der Leipziger Thomaskirche. Bach war 1723–1750 Leiter des Thomanerchores und Kantor der Thomaskirche. Foto © B. Denscher

Teil Zwei der „Biografie der Musikmetropole Leipzig“ trägt den Titel „Orchester“. Im Mittelpunkt stehen da das Gewandhausorchester und dessen namensgebende Spielstätte. Und natürlich weiß Hagen Kunze auch die Frage zu beantworten, was denn ein Konzertsaal mit einem „Gewandhaus“ zu tun habe – ja, was denn ein „Gewandhaus“ eigentlich sei: „Ganz einfach: Die Stadt Leipzig ist eine Messestadt und die Zünfte, die Innungen, hatten Messehäuser. Auch die Tuchmacher hatten ein eigenes Messehaus, das Gewandhaus, wo die Gewänder hängen. Und das hatte einen Dachboden, wo die großen Tuche getrocknet wurden. Den brauchte man aber im späten 18. Jahrhundert nicht mehr. Und ein visionärer Bürgermeister schlug vor, man könnte doch in diesen wunderbaren holzvertäfelten Dachboden einen Saal einbauen, einen Konzertsaal. Gesagt, getan – es wurde ein Konzertsaal eingebaut, der zu einem der berühmtesten Säle wurde.“

Dieser erste Gewandhaus-Saal wurde am 25. November 1781 eröffnet und begeisterte durch seine phänomenale Akustik – die allerdings dann durch eine Erweiterung verloren ging. Dies war, so Hagen Kunze, einer der Gründe dafür, dass 1884 ein neues Konzertgebäude errichtet wurde, allerdings nicht mehr am originalen Standort, sondern am damaligen Stadtrand. Der Name „Gewandhaus“ jedoch wurde beibehalten, denn er hatte sich „längst als eigene Marke durchgesetzt“.

Das „Neue Gewandhaus“ um 1900. Abb. Library of Congress

Das „Neue Gewandhaus“ um 1900. Abb. Library of Congress

Das „Neue Gewandhaus“, 1944 durch Bombenangriffe schwer beschädigt und in der Folge eine Ruine, wurde 1968 niedergerissen. Ab 1977 wurde dann – vor allem, wie Hagen Kunze darlegt, aufgrund des intensiven Engagements des damaligen Chefdirigenten des Gewandhausorchesters Kurt Masur – das neue „Neue Gewandhaus“ errichtet und 1981, 200 Jahre nach dem ersten Gewandhaus-Saal, eröffnet.

„Mächte der Finsternis“ und „Lied vom Glück“ – das sind jene beiden Titel aus dem Gewandhaus-Deckengemälde, die Hagen Kunze für den dritten großen Teil seines Buches übernommen hat. Denn im Mittelpunkt steht da die Entwicklung im 20. Jahrhundert. „Ich möchte die Musikgeschichte der Stadt Leipzig eben nicht als eine Sammlung von Heiligengeschichten erzählen“, vermerkt Kunze dazu, sondern er wolle auch auf vertane Chancen, Probleme und Brüche eingehen: „Und natürlich gibt es im 20. Jahrhundert jede Menge Brüche. Es gibt Dirigenten, die vertrieben werden, 1933 im Gewandhaus, in der Oper, kurz vorher schon im Rundfunk. Alles Brüche, alles Lücken, die in Leipzig nie richtig geschlossen werden können. Und ich finde es vor allen Dingen traurig, tragisch, dass nach 1945 eigentlich dieses Kapitel nicht so richtig aufgearbeitet wird.“

BuchcoverÜber die „Mächte der Finsternis“, die im 20. Jahrhundert auch das Leipziger Kulturleben beeinflussten und bestimmten, weiß Kunze vieles zu berichten. Das „Lied vom Glück“ gilt dann der neueren Entwicklung, die mit dem Ende der DDR einsetzt. Dabei geht es bei Weitem nicht nur um Klassisches und E-Musik, sondern auch um Jazz, Pop und Rock, um die alternative Szene, um das „Wave-Gotik-Treffen“, das seit 1992 alljährlich in Leipzig stattfindet – und um jene Leipziger Musikgruppe, die noch zu DDR-Zeiten, 1987, gegründet wurde: Fünf junge Männer, „vier davon mit Wurzeln im Thomanerchor“, die sich zunächst „Die Herzbuben“ nennen und, so Kunze, in kleinen Clubs weichgespülten Pop mit Texten wie ‚Ich bin der schönste Junge aus der DDR‘“ singen. Doch „weil das Quintett sein musikalisches Handwerk versteht und zudem saubere A-cappella-Sätze liefert“, gelingt es ihm nach der Wende, zu einer der bis heute erfolgreichsten deutschen Bands zu werden – mit neuen Arrangements, originelleren und frecheren Texten und mit einem neuen Namen. Denn um eine Verwechslung mit den „Wildecker Herzbuben“ zu vermeiden, nennt man sich nun: „Die Prinzen“.

Am Ende seines Buches kehrt Hagen Kunze noch einmal zu Johann Sebastian Bach und in die Thomaskirche zurück. Er erzählt davon, wie das traditionelle „Bachfest Leipzig“ 2020 coronabedingt abgesagt werden musste – und doch die „Johannespassion“ dank Social-Media in einzigartiger Weise aufgeführt und weltweit gestreamt wurde.

„Gesang vom Leben. Biografie der Musikmetropole Leipzig“ ist ein überaus lesenswertes Buch, und auch wenn man noch nie in Leipzig war, wird man es spannend, interessant und in vielem auch durchaus unterhaltsam finden – und nach der Lektüre bestimmt den Wunsch haben, die Biografie der Musikmetropole einmal selbst vor Ort zu ergründen.

Hagen Kunze: Gesang vom Leben. Biografie der Musikmetropole Leipzig. Henschel Verlag, Leipzig 2021.
Website des Gewandhausorchesters.