„LIEBHABEREI DER MILLIONÄRE“ – EINE AUSSTELLUNG UND ZWEI BÜCHER ZUR FOTOGESCHICHTE

Karl Dragutin Graf Drašković: Der Sprung von Stefan Erdődy (Ausschnitt), 1895. © Muzej za umjetnost i obrt / Kunstgewerbemuseum Zagreb.Karl Dragutin Graf Drašković: Der Sprung von Stefan Erdődy (Ausschnitt), 1895. © Muzej za umjetnost i obrt / Kunstgewerbemuseum Zagreb.

Es gab Zeiten, da war die Fotografie ausschließlich eine Liebhaberei von wohlhabenden Kreisen, die dieses in der Anfangszeit noch sehr kostspielige Hobby oftmals als gemeinschaftliches Freizeitvergnügen betrieben. So etwa wurde 1887 in Wien der „Camera-Club“ gegründet. Die dort zusammenkommenden Angehörigen des Großbürgertums und der Aristokratie wollten die Lichtbildnerei in eine künstlerische Sphäre erheben, Fotografie als Kunst durchsetzen. Sie orientierten sich an den jeweils aktuellen Trends der zeitgenössischen Malerei. Einen interessanten Überblick über die „in vielerlei Hinsicht paradoxe Institution dieses Wiener Camera-Clubs“ gibt nun eine Ausstellung im Wiener Photoinstitut Bonartes.

Gestaltet wurde die Schau von Astrid Mahler. Sie ist Kuratorin in der Fotosammlung der Wiener Albertina, ihr Spezialgebiet ist die Fotografie von 1900 bis in die 1940er Jahre. Mahler dissertierte über den „Camera-Club“ und die Kunstfotografie um 1900 – und so bot es sich für sie sowohl an, eine Ausstellung zu diesem Thema zu gestalten, als auch ein Begleitbuch dazu zu verfassen. Als Schauplatz für die Ausstellung ist das Photoinstitut Bonartes auch deswegen prädestiniert, weil sich Werke von Mitgliedern des „Camera-Clubs“ in der dortigen Sammlung befinden. Nebenbei: Auch Astrid Mahler hat früher fotografiert, auch selbst entwickelt, sie meint aber, dass die Auseinandersetzung mit der Theorie dem praktischen Tun hinderlich sei.

Wer also waren die Mitglieder dieses „Camera-Clubs“? Man findet da natürlich Namen, die mit Reichtum in Verbindung gebracht werden, wie etwa jenen des Brüderpaares Albert und Nathaniel von Rothschild.

Albert von Rothschild: Eislaufplatz vor der Station Hauptzollamt, Wien, 1890. © Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv.

Albert von Rothschild: Eislaufplatz vor der Station Hauptzollamt, Wien, 1890. © Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv.

Unter den Mitgliedern des „Camera-Clubs“ waren nicht nur Amateure anzutreffen, sondern auch Wissenschaftler und Techniker, die gemeinsam an der Weiterentwicklung und Adaptierung der Geräte arbeiteten. Es gab in Wien um die Jahrhundertwende sowohl Geschäfte, in denen man Kameras kaufen konnte, als auch Produzenten, die Geräte für den Amateurgebrauch entwickelt hatten, mit denen man auch auf Reisen gehen konnte. Diese Kameras wurden in relativ umfangreichen Büchern, wie der in einer der Ausstellungsvitrinen präsentierten „Anleitung zur Handhabung von Lechner‘s Taschen-Camera“ erklärt.

Ein Meilenstein in der Entwicklung der damaligen Fotografie war die Gelatine-Trockenplatte, die man fix und fertig erwerben, in die Kamera stecken und belichten konnte. Üblich war es, die Negative bei niedergelassenen Fotografen entwickeln zu lassen. Es gab aber auch die Möglichkeit, sich die Technik vom Fotografen erklären zu lassen und zu Hause selbst eine Dunkelkammer einzurichten. Für die wohlhabenden Amateure des „Camera-Clubs“ war es ein Anreiz, der Vereinigung beizutreten, weil sowohl das technische Equipment zur Verfügung stand als auch ein Mitarbeiter, der einem dabei half, die Bilder zu entwickeln und abzuziehen.

Anonym: Hugo Henneberg, Heinrich Kühn und Hans Watzek am Gardasee, um 1900. Nach einem Silbergelatine-Trockenplatten-Negativ aus dem Nachlass Heinrich Kühns. © Privatsammlung.

Anonym: Hugo Henneberg, Heinrich Kühn und Hans Watzek am Gardasee, um 1900. Nach einem Silbergelatine-Trockenplatten-Negativ aus dem Nachlass Heinrich Kühns. © Privatsammlung.

Zu den Mitgliedern des „Camera-Clubs“ gehörte auch das fotohistorisch sehr bedeutsame sogenannte „Trifolium“, das „Wiener Kleeblatt“: Es waren dies Hugo Henneberg, Heinrich Kühn und Hans Watzek, die Mitbegründer des internationalen fotografischen Piktorialismus um 1900, also jener Bewegung, die Fotografie als Kunst sehen wollte, die vom Fotokünstler mehr verlangte als nur bloßes Abbilden.

Henneberg, Watzek und Kühn waren mit den Kunstströmungen ihrer Zeit vertraut und arbeiteten daran, die Fotografie, die ja bis dahin in relativ kleinen Formaten in Mappen gesammelt wurde, auch insofern der Malerei gleichzusetzen, als sie großflächige Bilder produzierten, die an die Wand gehängt werden konnten. Abzüge, die manuell beeinflussbar waren, wurden als Unikate angesehen, man konnte so dem Vorwurf begegnen, die Fotografie entstünde ja eigentlich im Apparat.

Heinrich Kühn: Der Sonnenschirm, 1912. © Albertina, Wien.

Heinrich Kühn: Der Sonnenschirm, 1912. © Albertina, Wien.

Einige der Mitglieder des „Camera-Clubs“ wohnten im Wiener Villenviertel Hohe Warte, wo auch die Maler Carl Moll und Koloman Moser eine Villa hatten, und so ergab sich ein Kontakt, der insofern wichtig war, als der „Camera-Club“ 1902 in der Wiener Secession ausstellen konnte und ein Jahr darauf in der Künstlervereinigung „Hagenbund“. Schon 1898 schrieb „Ver Sacrum“, das offizielle Organ der Secession, dass durch das Wirken von Henneberg, Kühn und Watzek die „Amateurphotographie der rein sportlichen Behandlung, der sie bisher vielfach verfallen war, entrückt und in eine künstlerische Sphäre erhoben wurde.“

Im Rahmen der Ausstellung über die „Liebhaberei der Millionäre“ im Photoinstitut Bonartes bietet sich ein breit gefächerter Überblick über die Produktion der Mitglieder des „Camera-Clubs“: Darunter befinden sich 250 Postkarten eines anonymen LW, deren richtungsweisende Ästhetik noch lange in einschlägigen Publikationen, wie etwa den Karten der Defner-Dynastie aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, weiterwirkte. Ganz im Gegensatz zu einigen präsentierten Luxus-Produktionen steht das Schaffen des Richters Hermann Drawe, der den Journalisten Emil Kläger bei seinen Gängen „Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“ begleitete. Ein Höhepunkt der gesamten Ausstellung aber ist sicher das neuerworbene Bild „Nach Sonnenuntergang“ von Hugo Henneberg. Da kommt ganz stark der künstlerische Wille durch, sich mit den zeitgenössischen Malern auf eine Stufe zu stellen.

Hugo Henneberg: Nach Sonnenuntergang, 1896. © Photoinstitut Bonartes, Wien.

Hugo Henneberg: Nach Sonnenuntergang, 1896. © Photoinstitut Bonartes, Wien.

In dem Buch, das Astrid Mahler in der Reihe „Geschichte der Fotografie in Österreich“ zur Ausstellung „Liebhaberei der Millionäre“ herausgebracht hat, geht Mahler auch auf die gesellschaftlichen Hintergründe dieser „paradoxen Institution“ des „Camera-Clubs“ ein, auf die Vernetzung mit der Fotoindustrie, auf die sonstigen Freizeitaktivitäten der Mitglieder, und sie widmet selbstverständlich den Bildern und ihrer neuen fotografischen Ästhetik breiten Raum. Da werden sowohl die Porträtfotografie behandelt als auch die Reiseaufnahmen und die Momentfotografie. Im ausführlichen Bildteil kann man sich von den Fotografien der damaligen Zeit bezaubern lassen.

Ludwig David: Eiserner Bogen«, aus: Bericht des vom Oesterr. Ingenieur- und Architekten-Vereine im Jahre 1890 eingesetzten Gewölbe-Ausschusses über die im großen Maßstabe durchgeführten Versuche mit verschiedenen Bogen-Constructionen: Erprobung der Constructionen von 23 Meter Spannweite, 1894/95. Aus: Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines, 47. Jg., 1895, veröffentlicht in Form von Beilagen zu H. 20–34, Taf. XII, Fig. 4. © Privatsammlung, Wien.

Ludwig David: Eiserner Bogen«, aus: Bericht des vom Oesterr. Ingenieur- und Architekten-Vereine im Jahre 1890 eingesetzten Gewölbe-Ausschusses über die im großen Maßstabe durchgeführten Versuche mit verschiedenen Bogen-Constructionen: Erprobung der Constructionen von 23 Meter Spannweite, 1894/95. Aus: Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines, 47. Jg., 1895, veröffentlicht in Form von Beilagen zu H. 20–34, Taf. XII, Fig. 4. © Privatsammlung, Wien.

Rund fünfundzwanzig Jahre später war alles anders: Peter Panter, alias Kurt Tucholsky, würdigte nach dem Besuch einer Pariser Fotoausstellung vor allem den neusachlichen Stil. „Demgegenüber konnte die noch immer gepflegte Antiquiertheit des Piktorialimus nicht bestehen“, schreibt der Fotohistoriker Steffen Siegel gleich auf der ersten Seite seines Bändchens „Fotogeschichte aus dem Geist des Fotobuchs“. Das fotografische Bild – so Siegel – ändert um die 1930er Jahre seine Funktion und wird auch zum historischen Objekt, mit der Bildgeschichte des Fotografischen „entfaltet sich ein neues Paradigma der Medienhistoriografie.“

Wie sich nun Fotogeschichte aus dem Geist des Fotobuchs schreiben ließ, das ist Inhalt der Betrachtungen Steffen Siegels. Er erzählt Heldengeschichten, sieht die Geschichte des Mediums als eine Geschichte von Akteuren und deren Taten. Er schreibt von Familienalben und Geschichtswerken, erforscht die Fotokunstgeschichte der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Siegel weiß, dass am Anfang nur kleine, kümmerliche Vignetten dazu dienten, alte Bilder herzuzeigen, bis man dazu überging, das Bild aus sich selbst wirken zu lassen, vorerst aber nur knappe Texte dazusetzte. Schlusspunkt der Entwicklung ist dann „das Bilder und Texte in sich aufnehmende und miteinander in Beziehung setzende Fotobuch“. Siegel weiß auch um die Bedeutung der privaten Sammler für die Darstellung einer Geschichte der Fotografie, da die Museen erst spät auf diesen Zug aufsprangen. Und so ist dieses kleine Büchlein bei aller Theorie zur Geschichte des Fotobuchs auch eine Sammlung von Bildern aus längst vergangenen Zeiten. „Hier kann man nur die Augen aufmachen, sich ein kleines Schauerchen den Rücken herunterlaufen lassen … hier sind alte, ganz alte Fotografien. Hier ist altes Licht“, schrieb Kurt Tucholsky bewegt (Unterhaltungsblatt der Vossischen Zeitung, 16.10.1927).

Karl Dragutin Graf Drašković: Der Sprung von Stefan Erdődy, 1895. © Muzej za umjetnost i obrt / Kunstgewerbemuseum Zagreb.

Karl Dragutin Graf Drašković: Der Sprung von Stefan Erdődy, 1895. © Muzej za umjetnost i obrt / Kunstgewerbemuseum Zagreb.

Die Ausstellung „Liebhaberei der Millionäre. Der Wiener Camera-Club um 1900“ im Photoinstitut Bonartes kann bis zum 10. Mai 2019 jederzeit gegen Voranmeldung (Mail: info@bonartes.org, Tel: +43 1 236 02 93 – 40) besucht werden.
Astrid Mahler: Liebhaberei der Millionäre. Der Wiener Camera-Club um 1900. Fotohof edition, Salzburg 2019.
Steffen Siegel: Fotogeschichte aus dem Geist des Fotobuchs. Wallstein Verlag, Göttingen 2019.