„LONDON KOMMT!“

„9¼ trifft man sich beim breakfast. Die leibliche Nahrung besteht in dünnem Thee mit Toast und Butter; die geistige in einer Conversation über die letzten Times-Neuigkeiten.“ Der Schauplatz ist, unverkennbar, England, konkret: London. Und beschrieben wurde diese Frühstückssituation von Theodor Fontane.

In der Biografie des Schriftstellers bilden die Aufenthalte in der britischen Hauptstadt markante Abschnitte. Für den ersten Aufenthalt, 1844, konnte sich der damals 24-jährige Fontane, der gerade in Berlin seinen Militärdienst ableistete, zwei Wochen Urlaub nehmen. Gemeinsam mit einem Freund absolvierte er ein touristisches Besichtigungsprogramm, das nicht nur zu den Sehenswürdigkeiten der Londoner Innenstadt, sondern auch nach Windsor, Eton und ins Seebad Brighton führte.

1852 reiste Fontane wiederum nach England, diesmal für fünf Monate und als Korrespondent für die preußische Centralstelle für Preßangelegenheiten. Und auch Fontanes dritter und längster London-Aufenthalt diente der publizistischen Arbeit für die konservative preußische Regierung, in deren Sinne er rund dreieinhalb Jahre, von September 1855 bis Januar 1859, zahlreiche Artikel verfasste, als Presse-Agent an der Preußischen Gesandtschaft fungierte und die – allerdings relativ kurzlebige –Deutsch-englische Correspondenz herausgab.

Fontanes London-Aufenthalte, die Erlebnisse, die er dort hatte, die Erfahrungen, die er machte, und seine durchaus ambivalente – zwischen Bewunderung und kritischer Skepsis changierende – Haltung gegenüber allem Englischen sind das Thema des Bandes „London kommt!“ von Klaus-Werner Haupt. In sorgfältigster Recherche hat Haupt eine Vielzahl von Details zu den England-Reisen des Schriftstellers zusammengetragen und daraus ein – um beim Englischen zu bleiben – Feature gemacht. Aus Fontane-Zitaten (entnommen aus Briefen, Artikeln und literarischen Werken), Texten von Zeitgenossen und den von Haupt verfassten Rahmentexten, die viele Informationen zur politischen, sozialen und kulturellen Situation der Zeit enthalten, entstand da ein vielschichtiges, sehr interessantes und gut lesbares Ganzes. Der Titel des Buches – „London kommt“ – ist übrigens Fontanes 1854 erschienener Sammlung von Reisefeuilletons „Ein Sommer in London“ entnommen.

Dasselbe Verfahren wie bei Theodor Fontane hat Klaus-Werner Haupt auch im Fall eines zweiten deutschen Englandreisenden des 19. Jahrhunderts angewandt: nämlich in jenem von Hermann von Pückler-Muskau. Der verarmte Fürst war 1826 bis 1829 in London gewesen – eigentlich um, im besten Einverständnis mit seiner geschiedenen Ehefrau, eine reiche englische Erbin als Ehefrau zu finden. Nachdem dies aber nicht gelingen wollte, widmete er sich ganz seiner großen Leidenschaft, nämlich der Landschaftsarchitektur und Parkgestaltung, holte sich viele Informationen und Anregungen in den englischen Gärten und schrieb darüber an seine Ex-Frau jene zahlreichen Briefe, die ihm einen beachtlichen literarischen Erfolg einbringen sollten.

Klaus-Werner Haupt: London kommt! Pückler und Fontane in England. Bertuch Verlag, Weimar 2019.