MACHT FERIEN!

Plakat (Ausschnitt)Otto Baumberger, Zürichsee, Plakat, 1935 (Ausschnitt). Museum für Gestaltung, Plakatsammlung, © ProLitteris, Zürich

Der luxuriöse Schweizer Tourismus wurde eigentlich aus bitterer Armut geboren: Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die Bewohner der hochalpinen Regionen mit extremen ökonomischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der Wirtschaftsaufschwung durch Industrialisierung und der Ausbau des Verkehrswesens hatte den Bewohnern der Alpentäler nicht nur keine Verbesserung ihrer Lebenssituation gebracht, sondern sie vielmehr schwer geschädigt. Waren durch Erbteilung die bewirtschaftbaren Flächen der Bauernhöfe in ihrer Größe oft unter das Existenzminimum gesunken, so wurde nun durch den Ausbau des Straßenwesens und später des Eisenbahnnetzes auch die Tätigkeit der Säumer, die mit ihren Tragtieren Waren über die Alpenpässe transportierten, obsolet. Viele Menschen, wie etwa aus Graubünden, waren aufgrund dieser Entwicklung zur Auswanderung gezwungen. Dann aber erkannten einige initiative Entrepreneurs die wirtschaftlichen Chancen, die der Tourismus bot. Ermöglicht hatte diese Trendwende insbesondere der romantische Sinn einer britischen Oberschicht, die zunehmend Gefallen an den unwirtlichen Gebirgslandschaften fand. Früher als anderswo entwickelte sich dadurch in der Schweiz ein professioneller Zugang zur Tourismuswirtschaft. So wurde vor 100 Jahren in der krisenhaften Situation des Ersten Weltkrieges auch die „Schweizer Verkehrszentrale“ (später „Schweiz Tourismus“) gegründet, um Reisen in die Schweiz entsprechend zu bewerben.

Zwei Plakate

Links: Herbert Leupin, Pakat, 1939, © Thomas Leupin, Basel, u. Charles Leupin Design GmbH. Rechts: Herbert Matter, Plakat, 1935, © Fotostiftung Schweiz, Winterthur (beide Abb. Museum für Gestaltung, Plakatsammlung)

Aus Anlass dieses Jubiläums gestaltete das Züricher „Museum für Gestaltung“ die exzellente Ausstellung „Macht Ferien!“, die auch in das Castelgrande in Bellinzona übernommen wurde. Kuratiert wurde die Schau von Museumsdirektor Christian Brändle und der Leiterin der Plakatsammlung des Museums, Bettina Richter. Gezeigt werden die bekannten Plakat-Klassiker typisch schweizerischen Grafikdesigns, aber auch Kleingrafik, wie Prospekte und Kofferetiketten, sowie Werbefilme und TV-Spots. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den vielen wegweisenden Plakaten, die im Laufe der vergangenen 100 Jahre von prominenten Schweizer Grafikern gestaltet wurden. Burkhard Mangold, Otto Baumberger und Donald Brun setzten hier markante Zeichen, Herbert Matter beeinflusste mit seinen frühen Fotomontagen die internationale Plakatentwicklung. Die Motive der Plakate sind vor allem pittoreske Berge, Seen und Städte, kühne Verkehrsbauwerke, knorrige Älpler und junge Frauen, die zu einer Reise in die Schweiz verlocken sollten.

Zwei Plakate

Links: Edmund Welf, Plakat, 1946, © Rechteinhaber. Rechts: Otto Morach, Plakat, ca. 1926, © Kunstmuseum Olten (beide Abb. Museum für Gestaltung, Plakatsammlung)

Die Ausstellungsgestaltung geht weit über eine zweidimensionale Präsentation hinaus. Ohne zu „überinszenieren“, wurden da mit dem attraktiven historischen Material interessante touristische Erlebniswelten geschaffen. Die Umsetzung des Themas erfolgt in Installationen, denen es nicht an dem für die Schweiz oft typischen, hintergründigen Humor fehlt: „Denn“, wie es die Ausstellungsgestalter so treffend sagen, „die Schweiz kann auch lustig sein.“

Weitere Hinweise:
Bis 22.10.2017 ist die Ausstellung im Castelgrande in Bellinzona zu sehen.

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