MAROKKO – WÜRZIG UND FARBIG

Alle Fotos: K. Holzer

Wir befinden uns wieder einmal im Westen, diesmal im Nordwesten Afrikas. Im Namen Marokkos kommt dieser Westen mit „al Maghrib“ vor, Maghreb ist dort, wo die Sonne untergeht. Schon das portugiesische „Algarve“ hat als westlichster Teil der iberischen Halbinsel seine Benennung vom arabischen „al-garb“, dem Westen. Zurück in den Orient. Denn dort in Marokko, besonders in den vier Königsstädten, überwältigt einen so etwas wie der Zauber von „Tausendundeine Nacht“. Genauso märchenhaft stellt man sich den Orient vor (über den Widerspruch zwischen dem Orient, also dem Morgenland, wo die Sonne aufgeht, und dem Maghreb, wo die Sonne untergeht, setzen wir uns für diesmal hinweg.) Man wohnt in Riads, was so viel wie „Garten mit Bäumen“ heißt, man geht durch enge Gassen, streift durch Suks, bewundert die Pracht der Moscheen und Paläste. Es bleiben die Bilder. Einige von ihnen sollen einen Eindruck davon geben, wie es ist, durch marokkanische Städte zu flanieren. Da sind also vorerst einmal die schmalen, engen Gassen, die einen ganz eigenen Zauber ausüben, eher dunkel als hell, eher ruhig als laut, eher einsam als überfüllt.

Das genaue Gegenteil dieser engen, stillen Gassen sind die Suks, die Plätze, die einen „glücklich machen“ sollen. Sie befinden sich jeweils in der Medina, der Altstadt. Eines der schönsten Bücher des Nobelpreisträgers Elias Canetti, nämlich „Die Stimmen von Marrakesch“, handelt auch davon, wie es ist, durch diese Suks zu flanieren. Diese „Aufzeichnungen nach einer Reise“ in den 1950er Jahren beschreiben eine Welt, die so nicht mehr existiert. Aber, wenn es um die Suks geht, merkt man, dass das, was Canetti damals erlebt hat, noch immer gilt. „Es ist würzig in den Suks, es ist kühl und farbig. Der Geruch, der immer angenehm ist, ändert sich allmählich, ja nach der Natur der Waren.“ Die Zeit scheint dort stehen geblieben zu sein. Wie damals sieht man keine Preisangaben, wie damals sind die Läden, in den die gleichen Produkte verkauft werden, dicht beieinander, also Leder bei Leder, Gewürz bei Gewürz, Teppich hängt neben Teppich. Und wie damals sitzt der Händler inmitten seiner Waren.

Dieses Flanieren durch die Suks kann dann doch recht anstrengend werden. Man zieht sich also ins Riad, das Haus mit dem kühlen Atrium zurück. Es sind Privathäuser, die zu kleinen Hotels umgebaut wurden und zumeist von Europäern betrieben werden. Vom Lärm der Straße ist nichts zu hören. Das Atrium wird vielfältig genutzt, es kann begrünt sein, da zwitschern dann in duftenden Orangenbäumen Vögel und summen Bienen, oder aber es ist Platz für ein Bassin. Die Stiegen sind eng, gewunden und steil, die Zimmer hoch und kühl. Oft sind auch auf den Dächern Swimming-Pools angelegt. Auch diesen Blick von oben über die umliegenden Dächer beschreibt Elias Canetti einmalig: „Es ist ein ebener Eindruck und alles wie in großzügigen Stufen gebaut. Man meint, man könnte oben über die ganze Stadt spazieren.“ Vor einem aber warnt ihn sein Freund, man sollte nicht in den Hof des Nachbarhauses schauen, dies gelte als unanständig. Und ein Mann solle sich eigentlich überhaupt nicht auf dem Dach zeigen.“ Ob das – bei dem auch in Marokko überhandnehmenden Tourismus – noch immer gelten kann, darf bezweifelt werden. Somit schaut man – wie man das als Tourist ohnehin zumeist macht – ungehindert umher.

Einer der Gärten von Marrakesch ist der Jardin Majorelle, den der Modeschöpfer Yves Saint Laurent anlegen hat lassen, oder besser, den er wieder zum Leben erweckt hat. Der Jardin ist entsprechend belebt, er ist im Tourismus-Hotspot Marrakesch noch einmal eine Steigerung, das internationale Publikum bewundert hier nicht nur den Garten, in dem hauptsächlich Kakteen zu finden sind, sondern die Mode-Kreationen Saint Laurents, die in dem neu gebauten Museum gleichsam als Kunstwerke in dem ihnen gebührenden Rahmen fantastisch präsentiert werden.

Marokko ist ein islamisches Land, die Minarette, die so ganz anders aussehen, als man sie aus anderen islamischen Ländern kennt, sind nicht zu übersehen. Canetti beschreibt sie als „wohl schlank, aber nicht zugespitzt, ihre Breite ist oben dieselbe wie unten“: „Sie sind eher wie Leuchttürme, aber von einer Stimme bewohnt.“ Es sind noch immer menschliche Stimmen, die von dort oben herab zum Gebet rufen. Das Minarett der Moschee Hassan II. in Casablanca ist das höchste religiöse Bauwerk der Welt, atemberaubend sind die Größe und Weite des gesamten Bauwerks, bei dem man um die Superlative nicht herumkommt: größte Moschee Afrikas, fünftgrößtes muslimisches Gotteshaus weltweit, im Innenraum finden 25.000 Gläubige Platz.

Wie an vielen Plätzen rund um das Mittelmeer findet man mehr oder weniger gut erhaltene Zeugnisse römischer Ansiedlungen. Ruhig und relativ versteckt liegt die Nekropole Chellah in Rabat. Prächtig auf einem Hügel zwischen den beiden Königstädten Meknès und Fès thront Volubilis, die als eine der bedeutendsten römischen Ausgrabungsstätten in Nordafrika gilt. Und egal, ob in der friedlichen Nekropole oder auf der weithin sichtbaren Anhöhe, die Störche finden überall Platz für ihre Nester.

Von den mehr oder weniger gut erhaltenen Spuren antiker Bauten zu den prächtigen Palästen, die sich die Könige in den vier Städten Marrakesch, Rabat, Meknès und Fès erbaut haben. Dort kann man das Große und das Kleine bewundern, die Weitläufigkeit der Anlagen oder die Details einer Verzierung. Auch wenn man nicht allein ist und besonders schöne Durchblicke und Motive oft nur sehr schwer ungestört genossen werden können.

Als sich Elias Canetti 1954 in Marrakesch aufhielt, streifte er nahezu täglich durch die „Mellah“, so nennt man die jüdischen Viertel in marokkanischen Städten, vergleichbar mit den europäischen Ghettos. Diese Mellahs befanden sich immer in der Nähe des königlichen Palastes, die Juden standen unter besonderem Schutz des Königs. Heutzutage gibt es zwar immer noch ein jüdisches Leben, besonders in Casablanca, aber lange nicht mehr in dem Ausmaß, wie Canetti es erlebte. Aber Synagogen werden restauriert und Friedhöfe können besucht werden.

So viel war von Elias Canettis Buch „Die Stimmen von Marrakesch“ die Rede, dass unweigerlich der Wunsch entsteht, darin nachzulesen. Derzeit liegt das Werk in einer gebundenen Ausgabe, erschienen im Hanser Verlag und als Fischer Taschenbuch vor. Der Mandelbaum Verlag brachte die „Stimmen von Marrakesch“ als Klangbuch heraus, gelesen von Anne Bennent und mit Musik von Otto Lechner.