MARY QUANT – EIN LOOK VON KOPF BIS FUSS

Detail aus der Ausstellung „Swinging London: A Lifestyle Revolution“ im Londoner „Fashion and Textile Museum“. Foto: B. Denscher.Detail aus der Ausstellung „Swinging London: A Lifestyle Revolution“ im Londoner „Fashion and Textile Museum“. Foto: B. Denscher.

Miniröcke und bunte Strumpfhosen, Lackmäntel, Schuhe und Taschen aus PVC, kräftige, oft geometrische oder florale Muster, viele Knöpfe, große Ringe an Gürteln und Reißverschlüssen – das war der Stil, mit dem Mary Quant in den späten 1950er Jahren eine Moderevolution auslöste. Mit ihren Entwürfen schuf die britische Designerin aber nicht nur erfolgreiche Bekleidungstrends, sondern sie wurde zu einer wichtigen Akteurin im Rahmen der Entstehung einer modernen, populären Jugend- und Massenkultur.

Mary Quant mit Models bei der Präsentation der „Quant Afoot“ Schuhkollektion, 1967 © PA Prints 2008

Mary Quant mit Models bei der Präsentation der „Quant Afoot“ Schuhkollektion, 1967 © PA Prints 2008

In ihrer Heimatstadt London widmen sich zwei repräsentative Ausstellungen dem Lebenswerk der mittlerweile über 80-Jährigen[1], die 2015 mit der Verleihung des „Order of the British Empire“ zur „Dame Mary Quant“ geadelt wurde: Das „Victoria & Albert Museum“ zeigt ab 6. April eine Personale mit mehr als 200 Exponaten – Kleider, Accessoires, Kosmetikprodukte und Fotos –, darunter Stücke aus Mary Quants eigenem Archiv sowie etliche Raritäten aus privaten Sammlungen. Breiter gespannt ist der inhaltliche Bogen im „Fashion and Textile Museum“, das derzeit unter dem Titel „Swinging London: A Lifestyle Revolution“ Quants Kreationen in das zeittypische, vor allem vom Designer Terence Conran geprägte Ambiente setzt.

Detail aus der Ausstellung „Swinging London: A Lifestyle Revolution“ im Londoner „Fashion and Textile Museum“. Foto: B. Denscher.

Detail aus der Ausstellung „Swinging London: A Lifestyle Revolution“ im Londoner „Fashion and Textile Museum“. Foto: B. Denscher.

1955 eröffnete Mary Quant, die am Londoner Goldsmiths’ College Kunst studiert hatte, zusammen mit ihrem früheren Studienkollegen und späteren Ehemann Alexander Plunket Greene (1932–1990) und einem gemeinsamen Freund, dem Juristen Archie McNair, in der King’s Road im Stadtteil Chelsea die Boutique „Bazaar“. Chelsea war damals, so erinnert sich Quant in ihrer Autobiografie, ein noch recht dörflich wirkendes Viertel, in dem die Leute am Morgen „in Schlafrock und Pantoffeln“ ihr Brot beim Bäcker holten. Aber auch das sogenannte „Chelsea Set“ hatte die Gegend entdeckt. Es war eine Gruppe von jungen Künstlerinnen und Künstlern, die sich in der von Archie McNair gegründeten Espresso-Bar „Fantasie“ trafen und die dafür sorgten, dass Quants Boutique von Anfang an ein fulminanter Erfolg war: „I designed the sort of clothes that my friends in Chelsea and I wanted to wear”, so Mary Quant.

Mary Quant und ihr Ehemann Alexander Plunket Greene. Foto: John Cowan, 1960, Courtesy of Terence Pepper Collection/Image © John Cowan Archive

Mary Quant und ihr Ehemann Alexander Plunket Greene. Foto: John Cowan, 1960, Courtesy of Terence Pepper Collection/Image © John Cowan Archive

Der von Mary Quant kreierte Stil war ein klarer Gegenentwurf zu dem in jener Zeit die Mode dominierenden und vor allem von Christian Dior geprägten „New Look“. Trotz des Attributs „new“ war dieser Look durchaus nicht neu und fortschrittlich, sondern vielmehr sehr traditionell, ja reaktionär. Denn durch enge Taillenschnitte und Röcke, die entweder wadenlang und extrem schmal waren oder mit Lagen von gestärkten Unterröcken ausgestattet, wurde die Bewegungsfreiheit radikal eingeschränkt – was durchaus symbolhaft für eine generelle Einschränkung der Rechte der Frauen in der konservativen Stimmung der Nachkriegszeit war. Quant hingegen forderte „relaxed clothes suited to the actions of normal life“, und vor allem wollte sie Kleidung entwerfen, die nicht nur für wohlhabende Upper Class-Frauen mittleren Alters gedacht war. Diese Haltung brachte ihr allerdings einige Ablehnung und Spott vonseiten der etablierten – vor allem französischen – Modeszene ein. So etwa soll sich Coco Chanel, als sie erfuhr, dass Mary Quant sie als ihr Vorbild bezeichne, gemeint haben, dass sie auf dieses Kompliment keinen Wert lege; und in Paris machte man sich darüber lustig, dass dieses „anmaßende“ – „presumptuous“ – little English girl ja nicht einmal das Wort „Chic“ richtig aussprechen könne, sondern „Cheek“ sage[2].

Model mit einer Bazaar-Verkaufstasche, ca.1959. © Mary Quant Archive. Mary Quant schreibt in ihrer Autobiografie, dass die von Alexander Plunket Greene entworfenen Verkaufstaschen die ersten waren, bei denen der Name des Geschäfts nahezu die gesamte Taschengröße einnahm: „No one had done this before but of course it meant that all our customers would be walking advertising billboards fort he shop.“

Model mit einer Bazaar-Verkaufstasche, ca.1959. © Mary Quant Archive.
Mary Quant schreibt in ihrer Autobiografie, dass die von Alexander Plunket Greene entworfenen Verkaufstaschen die ersten waren, bei denen der Name des Geschäfts nahezu die gesamte Taschengröße einnahm: „No one had done this before but of course it meant that all our customers would be walking advertising billboards fort he shop.“

1957 eröffnete Mary Quant eine zweite „Bazaar“-Boutique. Als Standort wählte sie diesmal nicht Chelsea, sondern das vornehmere Knightsbridge, und für die Gestaltung der Geschäftsräume zeichnete Terence Conran verantwortlich, mit dem Quants Ehemann seit Schulzeiten befreundet war. Für Conran war es, so erinnerte er sich später, die erste derartige Einrichtungsarbeit gewesen und ein „terrific job“, da Mary Quant zu diesem Zeitpunkt bereits eine bekannte Persönlichkeit war. Die Eröffnung der Boutique sorgte daher für ein riesiges Presseinteresse, „which definitely raised my profile“[3].

Detail aus der Ausstellung „Swinging London: A Lifestyle Revolution“ im Londoner „Fashion and Textile Museum“. Foto: B. Denscher.

Detail aus der Ausstellung „Swinging London: A Lifestyle Revolution“ im Londoner „Fashion and Textile Museum“. Foto: B. Denscher.

In der Modegeschichte wird Mary Quant vor allem mit den 1960er Jahren verbunden: Damals konnte sie sich sehr erfolgreich auf den internationalen – vor allem auch US-amerikanischen – Modemärkten etablieren; sie gründete mit dem Label „Ginger Group“ eine zweite, relativ preisgünstige Modelinie; eröffnete (in der New Bond Street) eine weitere Boutique; kooperierte mit dem Starfriseur Vidal Sassoon und lancierte 1966 ihre eigene Kosmetiklinie gemäß ihrem Motto: „I wanted to design a complete look from head to toe“.

Ob Mary Quant tatsächlich den Minirock erfunden hat, ist umstritten – auch der Pariser Designer André Courrèges erhob darauf einen Anspruch –, sicher aber ist, dass sie den Mini mit ihren Kreationen alltags- und massentauglich gemacht hat. Und auch an der Popularisierung von Strumpfhosen und Hot Pants hat sie einen wesentlichen Anteil. Zur Bedeutung des Schaffens von Mary Quant meint Jenny Lister, Ko-Kuratorin der Ausstellung im „Victoria & Albert Museum“: „Mary Quant transformed the fashion system, overturning the dominance of luxury couture from Paris. She dressed the liberated woman, freed from rules and regulations, and from dressing like their mothers (…) she made designer fashion affordable for working women.“

Die Ausstellung „Swinging London: A Lifestyle Revolution“ ist bis zum 2.6.2019 im Londoner „Fashion and Textile Museum“  zu sehen.
Die Mary Quant-Personale im „Victoria & Albert Museum“  kann von 6.4.2019 bis 16.2.2020 besichtigt werden.

[1] Zum Geburtsjahr finden sich unterschiedliche Angaben: Mary Quant schreibt in ihrer Autobiografie (Mary Quant: Autobiography. Headline Publishing Group, London 2012), dass sie 1934 geboren sei, das „Victoria & Albert Museum“ nennt bei Vermerken zu Stücken aus der Quant-Sammlung stets 1930 als Geburtsjahr.
[2] Geoffrey Rayner & Richard Chamberlain: Conran/Quant. Swinging London – A Lifestyle Revolution. ACC Art Books, London 2019. S. 34.
[3] Terence Conran: My Life in Design. Octopus Publishing Group, London 2016. S. 65.