MEER-BÜCHER

Foto © K. Holzer

Das Acrylglasfenster des Tiefseetauchbootes hatte – fast 11.000 Meter unter der Wasseroberfläche – einen Riss. Jacques Piccard und Don Walsh mussten zurück an die Oberfläche. Dennoch hatten die beiden Ozeanographen an jenem 23. Jänner 1960 im Pazifischen Ozean einen Tieftauchrekord aufgestellt. Daran erinnert sich Don Walsh nun im Vorwort zu „Das Buch des Meeres“ und stellt fest, wie viel sich während der letzten Jahrzehnte in der Schifffahrt verändert hat. Um den Gedanken dann gleich noch weiter in die Vergangenheit zu spinnen, zu den Tage- und Skizzenbüchern der großen Seefahrer aus vergangenen Jahrhunderten.

Diese hat der britische Historiker und Philosoph Huw Lewis-Jones für „Das Buch des Meeres“ zusammengetragen. In düsteren Bibliotheken und Privatsammlungen, auf staubigen Dachböden oder in der Tiefe von Seekisten hat er sie gefunden. In all diesen Fundstätten liegt schon das, was das gesamte Buch prägt: Vielfalt. Vielfältig sind die über sechzig Schriftstücke von Francis Drake, Vasco da Gama, Julius Payer, William Turner und noch vielen anderen. Vielfältig ist ihre künstlerische Ausgestaltung, Vielfalt bietet die Nationalität der Schreiber – und auch Schreiberinnen, denn es sind auch seefahrende und logbuchführende Frauen dabei, darunter Jeanne Baret, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als erste Frau die Welt umsegelte.

BuchcoverDieses „Buch des Meeres“ ist ein Lese- und Bilderbuch. Die einzelnen Beiträge sind in Kapiteln zusammengefasst, die abenteuerliche Titel tragen, so zum Beispiel: „Augen zu und durch“ oder aber, in „Sich treiben lassen“, Ruhe verströmen. Vieles von dem, was hier, beginnend im 15. Jahrhundert und bis in die Jetztzeit, geschildert wird, möchte man sich als mitteleuropäische Landratte nicht wirklich vorstellen: „Und ich werde bald wieder draußen im Cockpit in meinem Rudersitz sitzen und im Wechsel erschöpft, erhitzt, nass und ängstlich sein“. Und weil da von Vielfalt die Rede war, diese Vielfalt zeigt sich auch, wenn man „Das Buch des Meeres“ vorerst einmal nur als Bilderbuch durchblättert: See- und Landkarten, Abbildungen von Booten, Wolkenstimmungen und Liedtexte, Bilder von daheimgebliebenen Frauen, Landschaften und Tiere, Bilder vom Freizeitvergnügen und Lebensgefahr, dargestellt in einfach-naiven Skizzen, aber auch in den Farbexplosionen von William Turners See-Stimmungen.

„Einen Teelöffel Rum“ verabreicht einer der Schreiber, ein Arzt, den Matrosen zur Aufheiterung während langer Flauten. Bei diesem Teelöffel wird es bei der Lektüre dieses in Form und Inhalt ungemein sinnlichen und wunderschön gemachten Buches nicht bleiben. Und wenn die Sehnsucht nach dem Meer doch nach noch mehr Meer-Lektüre verlangt, hier zwei weitere Lektüretipps:

„Das Meerbuch“, herausgegeben von Matthias Reiner, ist eine Sammlung von Geschichten und Gedichten über das Meer: Von Homer und Platon, Cervantes und Defoe, von Goethes „Meeres Stille“ („Tiefe Stille herrscht im Wasser / Ohne Regung ruht das Meer…“) bis zu einer Ansprache an den Meergott Poseidon, verfasst von Cees Nooteboom, und Gedichten von Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Paul Celan und noch vielen anderen. Meeres-Stimmungen werden in längeren Texten ausgebreitet oder mit wenigen Worten vermittelt. Jede und jeder wird seinen Meer-Text finden und nach der Lektüre kurz die Augen schließen, um sich der Vorstellung vom Meer hinzugeben. Quint Buchholz illustriert mit ruhigen, verträumten und sonderbaren Bildern. Man kann aus dieser Anthologie auch die unausgesprochene Aufforderung herauslesen, das Büchlein mit Texten und Bildern aus der eigenen Meer-Erfahrung zu vervollständigen.

Der Germanist Jürgen Hosemann ist Verlagskaufmann, Lektor und Herausgeber (unter anderem zahlreicher Anthologien zur Reiseliteratur). Nun legt Hosemann sein erstes eigenes Buch vor: „Das Meer am 31. August“. Es ist das Tagebuch eines einzigen Tages. Im Sommer. Am Meer. Am 31. August. In Grado. Hosemanns Tag beginnt um 5 Uhr 15. Er hat sich vorgenommen, 24 Stunden am Strand auszuharren. Aber irgendwie läuft es nicht so rund. Er wirkt gereizt. „Ich will das Meer sehen, auch wenn es mich nicht sehen will.“ Das Dröhnen der Fischerboote nervt. Die ersten Badenden und Taucher lenken ihn ab. Er gibt zu, dass auch der erste Eindruck von Grado „eine milde Enttäuschung“ war. Aber – um 8 Uhr 10: „Der Tag wird aufgespannt.“ Auch wenn es vorerst nur die Sonnenschirme sind. Und der Tag vergeht, mit Erinnerungen, so etwa an den deutschen Schriftsteller Wolfgang Hilbig, dessen Werke Hosemann mitherausgegeben hat und für den die Ostsee d a s Meer war: „Meer um nichts als Meer zu sein und ohne Maß“. Hosemann beschreibt Menschen und Schiffe, Wasser und Licht, ergibt sich dem passiven Sehen, bis die Dunkelheit kommt. Dann noch ein Feuerwerk, ein Krankenwagen, Wetterleuchten und endlich Stille. „Ich kann hören, wie die Stille kommt, eine Stille unter dem Meeresrauschen.“ Man spürt, dass dieser Mann sein ganzes Leben lang mit Büchern zu tun hatte. Und jetzt endlich in der ganz persönlichen, ganz einmaligen Beschreibung dieses einen Tages das Thema für sein eigenes Buch gefunden hat.

Huw Lewis-Jones: Das Buch des Meeres. Tage- und Skizzenbücher großer Seefahrer, a.d. Englischen übersetzt von Annika Klapper und Nina Goldt, DuMont Buchverlag, Köln 2020.
Das Meerbuch, ausgewählt von Matthias Reiner, illustriert von Quint Buchholz, Insel Verlag, Berlin 2020.
Jürgen Hosemann: Das Meer am 31. August, Berenberg Verlag, Berlin 2020.