MIT SCHÖNBERG IN DIE NATUR

Egon Schiele, Porträt von Arnold Schönberg, 1917 (Ausschnitt)Egon Schiele, Porträt von Arnold Schönberg, 1917 (Ausschnitt)

Fragt man Therese Muxeneder, was denn ihr Lieblingsstück in der Ausstellung „Mit Schönberg in die Natur“ im Wiener Arnold Schönberg Center sei, so erwidert sie lachend, dass eine Kuratorin – das nämlich ist sie – wechselnde Lieblingsstücke hätte. Zurzeit seien es die Noten zu dem Orchesterstück „Farben“, das auch den Titel „Sommermorgen am See“ hat. Sie vermeint in dieser Musik die wechselnde Oberfläche des Traunsees erkennen zu können, sogar einen springenden Fisch herauszuhören. Außerdem beruhige das Stück die Nerven in einer unruhigen Zeit. Für Arnold Schönberg – als einen ins Industriezeitalter hineingeborenen Menschen – war Natur einerseits der Ort, wo er Ruhe und Erholung fand: in den Gärten seiner diversen Wohnsitze oder aber in den Landschaften, in denen er die Sommerfrische verbrachte. Schönbergs Natur-Erleben hatte aber noch eine andere Seite. So schrieb er 1911 in seiner Harmonielehre: „Kunst ist auf der untersten Stufe einfache Naturnachahmung. (…) Auf ihrer höchsten Stufe befasst sich die Kunst ausschließlich mit der Wiedergabe der inneren Natur.“

Blick in die Ausstellung (Foto: Hertha Hurnaus)

Blick in die Ausstellung (Foto: Hertha Hurnaus)

Vielfältig ist also das, was im Arnold Schönberg Center unter der Kuratorenschaft von Therese Muxeneder (die Musikwissenschaftlerin und Germanistin ist Sammlungsleiterin und gibt auch die wissenschaftlichen Publikationen heraus) gezeigt wird: Gemälde und Fotografien, Bücher, Kalender und Tagebücher, Noten und Manuskripte. Für die Präsentation der Ausstellungsstücke übernahm man die Architektur von Jochen Koppensteiner, die er schon für „Schönberg und Jung-Wien“ entworfen hatte.

Gemälde und Noten, Malerei und Musik: Es ist interessant, dass Schönberg bei zwei seiner wesentlichsten Schaffenssäulen Autodidakt war. Sowohl die Malerei als auch die Musik hatte er sich – wenn auch angeleitet durch kundige Lehrer – selbst erarbeitet. Diese Lehrer waren in der Musik Alexander von Zemlinsky, in der Malerei Richard Gerstl. Musik und Malerei hätten aber nichts miteinander zu tun, meinte Schönberg, es seien zwei Hemisphären, die ihn zu einem Ausdruckswollen gezwungen hätten. Bei der Malerei blieb er – nach eigenem Bekunden – reiner Amateur, die Hochzeit auf diesem Gebiet währte auch nur ungefähr dreieinhalb Jahre. Danach verlor Schönberg die Lust daran, obwohl er um 1910 sogar überlegt hatte, mit Porträtmalerei sein Geld zu verdienen. Apropos Malerei: hier fand ich mein persönliches Lieblingsstück der Ausstellung, nämlich die „Gartenszene“ aus dem Jahr 1907.

Arnold Schönberg: Gartenszene

Arnold Schönberg: Gartenszene (Belmont Music Publishers, Pacific Palisades/Bildrecht, Wien, 2020)

Unter den Ausstellungsstücken befindet sich auch das „Krieg-Wolken-Tagebuch“ aus dem Jahr 1914. Schönberg hatte sich – unter dem Einfluss Strindbergs – mit Wetterphänomenen auseinandergesetzt, auch angenommen, dass man aus den Wolkenformationen den Ausgang des Weltkriegs lesen könne. Das mag naiv anmuten, meint Therese Muxeneder, fügt aber hinzu, dass man von den Naturwissenschaften damals, am Beginn des 20.Jahrhunderts, noch nicht sehr viel gewusst habe.

Arnold Schönberg: Kriegs-Wolken-Tagebuch (Belmont Music Publishers, Pacific Palisades/Bildrecht, Wien, 2020)

Arnold Schönberg: Kriegs-Wolken-Tagebuch (Belmont Music Publishers, Pacific Palisades/Bildrecht, Wien, 2020)

In seinem Monodram „Erwartung“, in dem eine Frau im nächtlichen Wald ihren Geliebten sucht, brachte Arnold Schönberg auch Natur auf die Bühne. Als programmatische Grundlage aber nahm die Natur später in seinem Werk ab, was damit zusammenhängt, dass er im amerikanischen Exil nahezu ausschließlich Auftragskompositionen schrieb, die andere Vorgaben hatten. Was nicht heißt, dass Schönberg sich nicht auch in Kalifornien, wo er lebte, mit der Natur auseinandergesetzt hätte, allerdings viel prosaischer, zum Beispiel beim Gießen seines Gartens, wie auf einer Fotografie aus dem Jahr 1941 ersichtlich ist.

In der Ausstellung wird auch die Frage beantwortet, wie denn Natur in der Vorstellung des Komponisten klinge. Mittels digital animierter Partituren, die einen synchronen Bild-Ton-Nachvollzug erlauben, werden Notenblätter zum Klingen gebracht, musikalische Notationen und Klangvorstellungen visualisiert. Somit kann man sich schauend und hörend mit Schönberg in die Natur begeben.

Mit Schönberg in die Natur. Die Ausstellung im Wiener Arnold Schönberg Center kann von Montag bis Freitag von 10:00 bis 17:00 Uhr besichtigt werden.