MIT SCHÖNBERG IN DIE SEELE BLICKEN

Detail aus der Ausstellung „Mit Schönberg in die Seele blicken“, Foto © Hertha HurnausDetail aus der Ausstellung „Mit Schönberg in die Seele blicken“, Foto © Hertha Hurnaus

Bevor von der Ausstellung „Mit Schönberg in die Seele blicken“ die Rede ist, noch kurz zum Ort der Ausstellung: Das Wiener Arnold Schönberg Center ist zentraler Bewahrungsort des Nachlasses des Komponisten Arnold Schönberg. Der Nachlass kam 1998 von der University of Southern California in Los Angeles nach Wien. Aufgabe des Arnold Schönberg Centers ist nicht nur die Verfügbarmachung und Erschließung des Nachlasses, sondern auch, mit Konzerten, Symposien, Lectures und Ausstellungen das Material an sich lebendig zu erhalten. Therese Muxeneder, die leitende Archivarin und Kuratorin der aktuellen Ausstellung, sieht ihre Aufgabe im Wesentlichen darin, die Welt Schönbergs zugänglich zu machen, dabei aber mehr zu erzählen als zu erklären.

Arnold Schönberg, Selbstportrait, 30. Dezember 1935. Aquarell auf Papier, Catalogue raisonné 47, Belmont Music Publishers, Pacific Palisades, CA.

Arnold Schönberg, Selbstportrait, 30. Dezember 1935. Aquarell auf Papier, Catalogue raisonné 47, Belmont Music Publishers, Pacific Palisades, CA

Arnold Schönberg, 1874 in Wien in eine jüdische Familie geboren, ging 1933 ins Exil in die Vereinigten Staaten und kehrte bis zu seinem Tod, 1951, nie mehr nach Europa zurück. In den USA lebte er zunächst an der Ostküste, sein erster Arbeitgeber war eine private Musikschule in Boston und New York. Schönberg übersiedelte dann – auch seiner Gesundheit wegen – nach Los Angeles, wo er sich an einen ganz anderen Lebensstil gewöhnen musste.

Therese Muxeneder erzählt, dass einer der Chefs von Metro-Goldwyn-Mayer Schönberg – nachdem er dessen „Verklärte Nacht“ gehört hatte – damit beauftragte, die Musik für die Verfilmung des Romans „Die gute Erde“ der Nobelpreisträgerin Pearl S. Buck zu komponieren. Weil sich aber Schönbergs Vorstellung von Filmmusik von jener des Hollywoodmoguls stark unterschied und er ja auch über die tonale Phase der „Verklärten Nacht“ schon lange hinweg war, wählte er – obwohl er schon Skizzen angefertigt hatte – einen anderen Weg, um niemanden zu beleidigen und um nicht absagen zu müssen: Er schraubte seinen Preis in derart horrende Höhen, dass jedem klar sein musste, dass aus diesem Filmmusik-Projekt nichts werden kann.

Der Leitsatz der aktuellen Ausstellung laute, so Therese Muxeneder: „Alle Kunst ist beseelt“. Dies sei aber gerade bei einem Komponisten, der mit dem Vorurteil zu kämpfen hatte, dass seine Musik konstruiert und mathematisch – also völlig unbeseelt – wäre, eine große Herausforderung. Es galt also nachzusehen, ob die Vorurteile stimmen oder ob sich Schönberg nicht doch ganz anders darstellt. Muxeneder kam so auf Schönbergs Ausspruch: „Musik ist die Sprache der Seele“. Immerhin standen Schönberg ja viele künstlerische Ausdrucksmittel zur Verfügung: er komponierte, er malte und er verfasste Literatur, er suchte auf vielen Wegen nach einer Ausdrucksform, um dieses Thema – die Seele – darzustellen. Sie war für ihn unerklärlich, genauso unerklärlich wie das Produzieren von Kunst, wie der Schaffensprozess. Die Frage „Was ist Inspiration?“ versuchte er aus dem Unterbewussten heraus zu erklären. Er konnte diese Inspiration dann, mit den Mitteln, die ihm als Künstler zur Verfügung standen, umsetzen – so Muxeneder, die auch einschlägige Äußerungen von ihm zu diesem Thema zusammengetragen hat: „Ich verstehe gar nichts von Psycho-Analyse. Oder, mit andern Worten: ebensoviel, wie alle andern, die davon reden…Was liegt näher, als sich zu sagen: So unverständlich und unkontrollierbar wie die Seele, ist sogar noch die schlechteste Musik; und gar erst die gute.“

Arnold Schönberg, Hass, 1910. Öl auf Sperrholz, Catalogue raisonné 81, Privatsammlung

Arnold Schönberg, Hass, 1910. Öl auf Sperrholz, Catalogue raisonné 81, Privatsammlung

„Die Welt Schönbergs zugänglich zu machen, dabei mehr zu erzählen als zu erklären“ – Unter diesem Motto steht auch die Gestaltung des Ausstellungsraums, die Jochen Koppensteiner bereits für frühere Ausstellungen konzipiert hat und die nun ein wenig modifiziert wurde. Den Beginn der Ausstellung bildet die Großreproduktion einer Seite aus Meyers Konversationslexikon, das Schönberg in die USA mitgenommen hatte und das mit dem Nachlass wieder nach Wien zurückkam. Da heißt es unter dem Stichwort Seele: „das innere Thätigkeitsprinzip eines lebendigen Wesens…“

Bei einem Rundgang durch die Ausstellung führt Therese Muxeneder gleich einmal zu den Porträts, den Selbstporträts. Die entstanden nämlich sehr oft dann, wenn Schönberg durch ein Ereignis – etwa der Tod eines lieben Menschen – bewegt wurde, seine Seele ergriffen wurde. Da gehört ein in seinem Schaffen singuläres Selbstporträt dazu, das seinen Kopf im Dreiviertelprofil mit nach oben gerichtetem Blick zeigt. Was ist da oben? Der Himmel? Das Bild ist mit schwarzer Tusche gemalt, von den Augen herab über die Wangen ziehen sich Rinnsale, die Tränen darstellen könnten. Schönberg signierte das Bild „Arnold Schoenberg“ (mit oe, wie er sich in Amerika immer schrieb), fügte dann noch ein Datum hinzu, nämlich den 30.12.1935. Das war der Tag, an dem er vom Tod seines Schülers und Freundes Alban Berg erfuhr. Man nimmt an, dass dieses Bild als Kondolenzgabe an die Witwe Helene Berg gedacht war, Schönberg schickte das Bild aber dann nicht ab, sondern drückte seine Trauer und sein Beileid in einem Brief aus.

Daneben hängt sein letztes Selbstporträt, das es in mehreren Fassungen gibt, die in der Ausstellung gezeigte ist die vorletzte Fassung, die letzte ist verschollen. Es ist 1944 anlässlich von Schönbergs siebzigstem Geburtstag entstanden. Wieder ein anderes Selbstporträt zeichnete Schönberg 1908 als Reaktion auf eine bis dahin in Wien in diesem Ausmaß unbekannte publizistische Auseinandersetzung: Ursache dafür war ein Konzert, bei dem das 2. Streichquartett aufgeführt wurde und beim konservativen Publikum und in den Zeitungen einen Skandal auslöste. Interessant ist, dass dieses Selbstporträt ganz stark an die Selbstporträts Van Goghs erinnert. (Die Kuratorin weiß, dass Schönberg kurz zuvor eine Van Gogh-Ausstellung besucht hatte.)

Arnold Schönberg, Selbstporträt, 26. Dezember 1908. Tusche in Feder und Pinsel auf Papier, Catalogue raisonné 3, Belmont Music Publishers, Pacific Palisades, CA

Arnold Schönberg, Selbstporträt, 26. Dezember 1908. Tusche in Feder und Pinsel auf Papier, Catalogue raisonné 3, Belmont Music Publishers, Pacific Palisades, CA

Bemerkenswert sind auch jene Exponate, die mit Gustav Mahler zu tun haben. Mahler war einer der wenigen Mentoren Schönbergs in Wien (Schönberg über Mahler: „Hier glaubt einer in seinen unsterblichen Werken an eine ewige Seele“). In einem ausgestellten Schreiben geht es um die „Glocken am Thury“: Schönberg erzählt, dass er von 1903 bis 1909 in der Wiener Liechtensteinstraße gewohnt hatte, nahe dem sogenannten Thury, der Gegend rund um die Lichtentaler Kirche. Dort fanden oft Leichenbegängnisse statt, begleitet von andauerndem Glockengeläute. Als sich Schönberg bei Mahler darüber beklagte, meiner dieser: „Das kann sie doch nicht stören“ – und forderte ihn auf, die Glocken in eine Komposition einzubeziehen. Das tat Schönberg dann auch. 1911, wenige Wochen nach dem Begräbnis von Gustav Mahler, komponierte er das sechste aus den „Sechs kleinen Klavierstücken op.19“, in dem die Zahl 9 eine große Rolle spielt. Als nämlich Mahlers Sarg aus der Kirche getragen wurde, war es 5 Uhr nachmittags und die Glocke läutete viermal für die volle Stunde und fünfmal für 5 Uhr. Traurig, sphärisch angehauchte Musik, Akkorde, die an diese Glockenschläge erinnern, fügte Schönberg in das Klavierstück, dessen Reinschrift ausgestellt ist, ein. Man kann dieses Musikstück auch gleich dort im Hörraum der Ausstellung kennenlernen: Es ist rund eine Minute lang und könnte so etwas wie eine Einstiegsdroge sein für all diejenigen, die bis jetzt Scheu davor hatten, sich auf Schönbergs Musik einzulassen.

Arnold Schönberg, Klavierstück op. 19/6. Reinschrift, 17. Juni 1911. Arnold Schönberg Center, Wien

Arnold Schönberg, Klavierstück op. 19/6. Reinschrift, 17. Juni 1911. Arnold Schönberg Center, Wien

Insgesamt sind 80 Objekte – Musik- und Textmanuskripte, Gemälde und Zeichnungen, Briefe, Fotografien, Druckwerke und Ephemera – in der Ausstellung „Mit Schönberg in die Seele blicken“ zu sehen. Sie erzählen von diesem Komponisten und schaffen es, dass man sich ganz und gar auf ihn einlässt. Im Hörraum sind ausgewählte Kompositionen Schönbergs in einem repräsentativen stilistischen Querschnitt zu hören. Eine Timeline informiert über Schönbergs Leben und die Entstehungszeiten seiner Werke. Das Ende der Ausstellung bildet das von ihm entworfene Koalitions-Schach.

„Mit Schönberg in die Seele blicken“. Die Ausstellung ist bis 24. Februar 2023 im Wiener Arnold Schönberg Center zu sehen.