„PICTURES OF MATCHSTICK MEN“

Die „NV Buildings“ in Salford. Alle Fotos: B. DenscherDie „NV Buildings“ in Salford. Alle Fotos: B. Denscher

„I saw the industrial scene and I was affected by it. I tried to paint it all the time.“ – Jene Industrieszenerie, die Laurence Stephen Lowry (1887–1976, meist nur L.S. Lowry genannt) so sehr beeindruckte, waren die Fabrikviertel seiner Heimatregion Manchester-Salford. Immer wieder finden sich in jenen Hunderten von Bildern, die Lowry im Laufe seines Lebens malte, graue Stadtlandschaften mit hohen, rauchenden Schloten, düstere Straßenschluchten, Werkshallen und Hafendocks (eine repräsentative Auswahl von Lowrys Bildern ist auf der Website der Londoner Tate Gallery zu finden).

Bevölkert sind die Darstellungen oft mit einer Vielzahl kleiner Figuren: Arbeiter, die in die Fabriken strömen, Kinder, die in den Straßen spielen, Frauen, die zum Markt eilen. Diese „matchstick men“, wie sie auch genannt werden, wurden zu einem charakteristischen Element im Werk von L.S. Lowry. 1967 inspirierten sie die Rockband „Status Quo“ zur Single „Pictures of Matchstick Men“, und 1978 landete das aus Manchester stammende Duo „Brian and Michael“ mit „Matchstalk Men and Matchstalk Cats and Dogs“ einen Sensationshit in den britischen Charts.

L.S. Lowry, der seine künstlerische Ausbildung am „Manchester Municipal College of Art“ (wo der französische Impressionist Pierre Adolphe Valette sein Lehrer war) und an der „Salford School of Art“ erhalten hatte, erfuhr relativ spät breitere öffentliche Anerkennung. Erst ab den 1950er Jahren wurden seine Bilder in Großbritannien in größeren Ausstellungen gezeigt, heutzutage jedoch finden sich seine Werke in zahlreichen britischen Museen – so etwa besitzt die Londoner Tate Gallery 23 Bilder von L.S. Lowry, und die mit mehr als 350 Objekten größte Sammlung an Werken von L.S. Lowry befindet sich in „The Lowry“ – dem nach dem Künstler benannten Kulturzentrum der Stadt Salford.

„The Lowry“, Salford

„The Lowry“, Salford

„He painted Salford’s smokey tops, on cardboard boxes from the shops”, sang das Duo „Brian and Michael” in seiner Hommage an L.S. Lowry, der seine Motive vor allem in der zum „Metropolitan County Greater Manchester“ gehörenden Industriestadt fand. Jahrzehntelang wohnte Lowry in einem Vorort von Salford, und da er von seiner künstlerischen Tätigkeit nicht leben konnte, war er mehr als 40 Jahre lang, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1952, als Mietenkassier für eine Immobiliengesellschaft in den Arbeitervierteln unterwegs. Dabei lernte er die Lebensbedingungen der Menschen sehr genau kennen und setzte seine Erfahrungen in seinen Werken um: „Without his pictures, Britain would arguably lack an account in paint of the experiences of the 20th-century working class”, vermerkt dazu die Tate Gallery.

Salford, das seit langem ein wichtiger Handelsplatz war, entwickelte sich im 19. Jahrhundert gemeinsam mit dem benachbarten Manchester zum bedeutendsten Zentrum der textilverarbeitenden Industrie in Großbritannien. Die Prosperität basierte allerdings auf einer schonungslosen Ausbeutung der Arbeiter, die unter elenden Bedingungen lebten. „Gehen wir über den Irwell nach Salford, so finden wir auf einer von diesem Flusse gebildeten Halbinsel eine Stadt, die achtzigtausend Einwohner zählt und eigentlich nur ein großer, von einer einzigen breiten Straße durchschnittener Arbeiterbezirk ist“, schrieb Friedrich Engels in seinem 1845 erschienenen Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Der Mitbegründer des Marxismus kannte Salford sehr gut, denn er hatte sich dort längere Zeit im geschäftlichen Auftrag seines Vaters aufgehalten, der in Salford Mitinhaber einer Baumwollspinnerei war. Die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft in Salford schilderte Friedrich Engels als „noch bedeutend schlechter als die von Manchester“: „Wenn in Manchester die Polizei wenigstens von Zeit zu Zeit – alle sechs bis zehn Jahre einmal – sich in die Arbeiterbezirke begab, die schlechtesten Wohnungen schloss, die schmutzigsten Stellen dieses Augiasstalles fegen ließ, so scheint sie in Salford gar nichts getan zu haben. Die engen Seitengassen und Höfe von Chapel Street, Greengate und Gravel Lane sind gewiss seit ihrer Erbauung nicht gereinigt worden – jetzt geht die Liverpooler Eisenbahn auf einem hohen Viadukt mitten dadurch und hat manchen der schmutzigsten Winkel weggenommen, aber was hilft das? Wenn man über diesen Viadukt fährt, so sieht man noch Schmutz und Elend genug von oben herab, und wenn man sich die Mühe nimmt, diese Gässchen zu durchstreichen, durch die offenen Türen und Fenster in die Keller und Häuser hineinzublicken, so kann man sich jeden Augenblick überzeugen, dass die Arbeiter von Salford in Wohnungen leben, in denen Reinlichkeit und Bequemlichkeit unmöglich sind.“

Baumwollspinnerei (Nathan Gough’s Spinning Mill) in Salford. Die Darstellung bezieht sich auf ein Unglück im Jahr 1824, als Teile der Fabrik einstürzten und zahlreiche Arbeiter den Tod fanden

Baumwollspinnerei (Nathan Gough’s Spinning Mill) in Salford. Die Darstellung bezieht sich auf ein Unglück im Jahr 1824, als Teile der Fabrik einstürzten und zahlreiche Arbeiter den Tod fanden

Die Lebensverhältnisse der Arbeiter von Salford erfuhren auch im 20. Jahrhundert keine Verbesserung. In einer vielbeachteten, teilweise auf der eigenen Biografie basierenden Sozialstudie beschrieb der Publizist Robert Roberts (1905–1979) Salford als „klassischen Slum“ und wählte dies auch als Titel seines Werkes: „The Classic Slum. Salford Life in the First Quarter of the Century“. Der in Salford geborene Autor und Folk-Sänger Ewan MacColl (1915–1989) widmete seiner Heimatstadt, die zunehmend unter schweren Umweltbelastungen zu leiden hatte, 1949 den Song „Dirty Old Town“, der später in zahlreichen Interpretationen (u.a. durch Tom Waits, U2, The Dubliners und The Pogues) international bekannt wurde.

Negative Auswirkungen auf Salford hatte aber nicht nur die Industrialisierung – sondern auch die Deindustrialisierung, die in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erfolgte. Die Abwanderung der Betriebe und die Schließung der Fabriken stürzten die Stadt in eine schwere wirtschaftliche und vor allem auch soziale Krise, von der sie sich bis heute noch nicht gänzlich erholt hat. Immer noch liegt die Arbeitslosigkeit über dem Landesdurchschnitt, was auch ein Grund dafür sein mag, dass Salford 2011 eines der Zentren der Unruhen in England war.

Immerhin aber ist es gelungen, die ärgsten ökologischen Probleme zu beseitigen: Salford ist keine „dirty town“ mehr – und vor allem vermittelt es nicht mehr den Eindruck einer „old town“. Denn großangelegte urbane Umstrukturierungsmaßnahmen haben das Aussehen der Stadt in den letzten Jahrzehnten radikal verändert. So wurde das Areal um die 1982 stillgelegten Hafenanlagen, die Salford Quays, vollkommen neu gestaltet und präsentiert sich nun als verkehrsberuhigte Wohn-, Erholungs- und Kulturzone; seit 2012 befindet sich auch eine „MediaCity“ – unter anderem mit Studios der BBC  – an den Salford Quays.

Die BBC Studios in der „MediaCity“

Die BBC Studios in der „MediaCity“

Zu den Wahrzeichen der neugestalteten Salford Quays gehören das von Daniel Libeskind entworfene Gebäude des „Imperial War Museum North“, die sogenannten „NV Buildings“, drei jeweils 18-Stock-hohe Wohnbauten, die vom Architektenteam Broadway Malyan designt wurden – und vor allem „The Lowry“.

„The Lowry“, Salford

„The Lowry“, Salford

Das vom britischen Architekten Michael Wilford entworfene Gebäude ist als „Art & Entertainment“-Center konzipiert. Neben dem L.S. Lowry-Museum beherbergt es auch Theater- und Kinosäle, Ausstellungs- und Konferenzräume, Tanzstudios, ein Kreativzentrum für Kinder, sowie Restaurants und Cafés. Ziel ist es, wie es im „Mission Statement“ heißt, ein möglichst breites Publikum anzusprechen, wobei vor allem auf die Interessen der lokalen Bevölkerung Rücksicht genommen werden soll. Und natürlich: „Promoting L.S. Lowry as an artist of international stature, relevant to the 21st century, making The Lowry galleries a destination for enjoyment and study of his art“.

Website von „The Lowry“.