„REBEL MINDS“

Motiv aus dem BuchcoverMotiv aus dem Buchcover (alle Illustrationen: Katinka Reinke)

Rebellische weibliche Gemüter sind es, deren Lebensläufe Melanie Jahreis in ihrem Buch „Rebel Minds. 44 Erfinderinnen, die unsere Welt verändert haben“ beschreibt. Jahreis ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Museum in München und dort in der Abteilung Naturwissenschaften und Technik tätig. Aber es sind nicht nur die Biografien von Technikerinnen, die sie in dem Buch zusammengetragen hat. Gemeinsam ist aber vielen, dass sie gegen Vorurteile, gegen Ablehnung und in vielen Fällen auch gegen männliche Vereinnahmung kämpfen mussten. Wie auch immer, es sind unwiderstehliche Geschichten, die Melanie Jahreis unwiderstehlich erzählt und denen Katinka Reinke mit ihren Illustrationen eine gewisse – alle Mühseligkeiten überwindende – Heiterkeit gibt.

Zum Formalen: die Autorin hält sich nicht lange mit einer Einleitung auf, sondern beendet diese nach einer Seite mit dem Aufruf: „Hebt ab und entdeckt eure rebellischen Momente!“, reiht dann ihre 44 „Heldinnen“ alphabetisch, nimmt sich für jede der Biografien drei Seiten Platz, stellt stets eine grundsätzliche Frage, ein grundsätzliches Problem voran, das eben von der jeweiligen Erfinderin beantwortet oder gelöst wurde und schließt immer mit einem Kernspruch, einem Zitat aus deren Mund. Neben diesem Zitat sind dann auch noch die Lebensdaten zu finden.

Die Illustrationen zu den Biografien von Rosalind Franklin und Greta Thunberg

Die Illustrationen zu den Biografien von Rosalind Franklin und Greta Thunberg

Die Reihenfolge ist also alphabetisch, Jahreis beginnt mit Virginia Apgar (1909–1974), die als erste Professorin für Anästhesiologie in den Vereinigten Staaten an die New Yorker Columbia-Universität berufen wurde. Aber das allein war noch nicht der Grund, sie in das Buch aufzunehmen, sondern die Tatsache, dass sich Apgar am Höhepunkt ihrer akademischen Laufbahn dem Problem der Säuglingssterblichkeit zuwandte und – abgeleitet von ihren Anästhesiekenntnissen – ein Punktesystem entwickelte, den bis heute gängigen Apgar-Score, nach dem Säuglinge nach fünf spezifischen Bewertungskriterien untersucht werden.

Die letzte im Buch ist Malala Yousafzai (*1997), jene junge Frau aus Pakistan, die von den Taliban lebensgefährlich verwundet wurde, weil sie es wagte, Schulbildung für Mädchen einzufordern. Ihr Engagement wurde 2014 mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an die bis dato jüngste Preisträgerin belohnt. Yousafzai kehrte nach Pakistan zurück, mit dem Traum einmal pakistanische Premierministerin zu werden. Der Schlusssatz ihrer Kurzbiografie holt einen auf den Boden der Tatsachen zurück: „Doch noch spaltet sie die Gemüter in ihrem Heimatland.“

Die Illustrationen zu den Biografien von Hedy Lamarr und Margarete Schütte-Lihotzky

Die Illustrationen zu den Biografien von Hedy Lamarr und Margarete Schütte-Lihotzky

Nun können hier natürlich nicht alle 44 Erfinderinnen detailliert vorgestellt werden, aber ein rein zufälliges Aufblättern in der Mitte des Buches gibt einen typischen Abriss. Auf die Krankenschwester und Begründerin der modernen Krankenpflege Florence Nightingale (1820–1910) folgt da die Mathematikerin Emmy Noether (1882–1935), darauf Käthe Paulus (1868–1935), die den Paketfallschirm erfand, darauf die Spiele-Erfinderin Elizabeth Magie Phillips (1866–1948) und dann die Modedesignerin und Mini-Rock-Ikone Mary Quant (*1934). So breit gestreut sind die Bereiche, in denen sich die 44 Frauen behauptet haben. Wut kommt einem allerdings jetzt noch hoch, wenn man liest, wie andere, natürlich Männer, 1962 den Nobelpreis für die Entschlüsselung der DNA bekamen, die eigentlich der Biochemikerin Rosalind Franklin (1920–1958) gelang. Aber mit Greta Thunberg (*2003) verbindet heutzutage jede Frau „Fridays for Future“, die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) wird für alle Zeiten mit ihrer Einbauküche in einem Atemzug genannt werden, obwohl sie am Ende ihres 103 Jahre währenden Lebens meinte: „Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut“. Bei Hedy Lamarr (1914–2000) wird man sich nicht so sicher sein können, ob sie als Filmschauspielerin oder als Erfinderin des Frequenzsprungverfahrens zur Steuerung für Torpedos bekannter ist. Immerhin wird an ihrem Geburtstag, dem 9. November, in Deutschland, Österreich und der Schweiz der „Tag der Erfinder“ gefeiert. (Da hat sich sichtlich eine gender-gemäße Bezeichnung noch nicht durchgesetzt.)

Das Buchcover mit der Illustration zur Biografie von Käthe Paulus

Das Buchcover mit der Illustration zur Biografie von Käthe Paulus

Melanie Jahreis weiß natürlich, dass man diesen ungemein interessanten Lebensbeschreibungen nicht mit drei Seiten voll und ganz gerecht werden kann und deshalb gibt sie am Ende des Buches noch einmal drei Seiten Hinweise und Tipps zum Weiterlesen und -hören.

Am Ende noch eine Bemerkung des Verfassers dieser Zeilen, der das Glück hatte, eine der Erfinderinnen persönlich kennengelernt zu haben, nämlich die israelische Strukturbiologin Ada Yonath (*1939), die 2009 den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte. Sie sprach 2016 in Wien über den Ursprung des Lebens aus biochemischer Sicht. Im darauffolgenden Gespräch erzählte sie, dass Papst Franziskus, als sie 2013 Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften wurde, sagte: „Wir wissen nun, dass die Kirche sich mit der Evolution anfreunden kann. Es geschehen noch Wunder!“

Melanie Jahreis: Rebel Minds. 44 Erfinderinnen, die unsere Welt verändert haben. Mit Illustrationen von Katinka Reinke. C.H.Beck Verlag, München 2020.