REMBRANDT – IMMER WIEDER NEU

Rembrandt: Selbstporträt an einer Steinmauer lehnend, 1639 (Ausschnitt). Rijksmuseum AmsterdamRembrandt: Selbstporträt an einer Steinmauer lehnend, 1639 (Ausschnitt). Rijksmuseum Amsterdam

Vor 350 Jahren, am 4.Oktober 1669, starb im Alter von 63 Jahren der Maler Rembrandt Harmenszoon van Rijn. Bekannt wurde der bedeutendste niederländische Maler, Radierer und Zeichner des Barock also unter seinem Vornamen: Rembrandt.

Nils Büttner, Professor für Kunstgeschichte in Stuttgart, Fachmann für niederländische Kunst- und Kulturgeschichte sowie für die Geschichte der Grafik, veröffentlichte eine Biografie mit dem zweideutigen und in beiden Auslegungen passenden Untertitel „Licht und Schatten“. War Rembrandt doch einerseits ein Meister in der Gestaltung großer Lichtkontraste, andererseits wurde sein Lebenslauf lange Zeit hindurch als eine Geschichte von Aufstieg und Niedergang gelesen. So sehr die Rembrandt-Forschung neue Erkenntnisse zu Tage brachte, das Klischee vom einsam malenden Genie ließ sich nicht unterdrücken. Büttner wirft in seiner Einleitung den bisherigen Rembrandt-Biografen vor, sich allzu sehr auf „das Individuelle eines Schicksals und das persönliche Geschick eines Einzelnen zu konzentrieren und die sozialen Bedingungen der menschlichen Existenz zu ignorieren“. Und so versucht er eine neue Annäherung. Er stellt Leben und Werk in den Zusammenhang des 17. Jahrhunderts. Dabei will Büttner „den überlieferten Werken, zeitgenössischen Einschätzungen, kunsthistorischen Urteilen und wissenschaftlichen Diskursen gleichermaßen Raum geben.“ Und so beginnt er mit der Tatkraft von Rembrandts Großmutter, endet nicht mit dem Tod in Armut, sondern erzählt die Rembrandt-Legende weiter, weiß, dass der Künstler eine Identifikationsfigur für die 1813 selbständig gewordenen Niederlande war. Der Biograf endet mit der Frage, was denn eigentlich einen Rembrandt zum Rembrandt mache und meint, dass die Antwort darauf „immer wieder von neuem ausgehandelt werden müsse.“

Vom Leben zum Werk. Zuerst zu den Zeichnungen und Radierungen. Wieder einmal ist es der Taschen-Verlag, der Rembrandts Werk mit seinen Büchern ins 21. Jahrhundert holt. 708 Zeichnungen und 314 Radierungen sind in dem Prachtband „Rembrandt. Sämtliche Zeichnungen und Radierungen“ eindrucksvoll – auf der Höhe der zeitgenössischen Buchmacherkunst – zu sehen.

Buchcover

Die Autoren sind handverlesen: Peter Schatborn war Leiter des Rijksprentenkabinet im Amsterdamer Rijksmuseum (eine von Europas bedeutendsten einschlägigen Sammlungen von Zeichnungen und Drucken), Schwerpunkt seiner Forschung ist die niederländische Zeichnung im 17. Jahrhundert, und der Kunsthistoriker Erik Hinterding promovierte über Rembrandt als Radierer und ist Kurator im Rijksmuseum.

Das Buch wird mit einem Aufsatz über Rembrandt als Zeichner eingeleitet, seine Ausbildung wird da angesprochen und auch der Sinn und Zweck seiner Zeichnungen, dass diese nämlich als Vorbereitung für andere Arbeiten dienten, aber auch als Vorlagenmaterial für Rembrandts Schüler. Er zeichnete nach der Wirklichkeit – oder wie er es ausdrückte: „nach dem Leben“, aus der Erinnerung und aus der Fantasie. Seinen Stil kennzeichnet äußerste Präzision, die er mit großer Skizzenhaftigkeit kombinierte: „Die Gesichter der Figuren wurden häufig sorgfältig gezeichnet, während nach unten hin die Darstellung der Figur immer skizzenhafter wurde“. Da ist vom Technischen, also von der Linienführung und der Komposition, vom Material, der Tinte und den Federn, den Pinseln, der Kohle und den farbigen Kreiden die Rede, aber natürlich auch von den Inhalten. Diese Inhalte bilden die einzelnen Kapitelüberschriften: biblische, mythologische und historische Darstellungen, Figurenstudien und Genreszenen, Tierstücke, Landschaften, Porträts und Selbstporträts und schließlich Kopien nach Werken anderer Künstler. Jedem der Kapitel wird ein kurzer, einleitender Aufsatz vorangestellt.

Ein sich wiederholendes Merkmal aller drei Rembrandt-Bücher des Taschen-Verlags ist, dass Informationen immer dort gegeben werden, wo sie im jeweiligen Zusammenhang auch hingehören. Das heißt, dass man öfter auf sie stoßen kann, einmal in einem einleitenden, zusammenfassenden und dann in einem speziellen Essay. So wird auf zwei kleine Skizzen mehrere Male hingewiesen, vielleicht auch deswegen, weil sie zu Rembrandts letzten Werken gehören: Zweimal – von verschiedenen Seiten – zeichnete er die zum Tod am Pfahl verurteilte Mörderin Elsje Christiaens. Einmal friedlich von vorne, das andere Mal geprägt vom Todeskampf von schräg unten. Da war „nach dem Leben“, die harte Wirklichkeit. (Dazu ein kleiner Hinweis: die niederländische Autorin Margriet de Moor schrieb darüber – über die Mörderin und Rembrandt – unter dem Titel „Der Maler und das Mädchen“ einen beeindruckenden Roman.) Wieder und immer wieder wird einem die Leistung der Buchgestalter bewusst, wenn man still und ungestört vor einer Zeichnung sitzt, die oft auch vergrößert dargestellt wird, und sich in ihr verlieren, in sie versenken kann.

Der Rattengiftverkäufer, 1632. Radierung und Grabstichel. Rijksmuseum Amsterdam

Der Rattengiftverkäufer, 1632. Radierung und Grabstichel. Rijksmuseum Amsterdam

Der zweite Teil des Buches ist den Radierungen gewidmet. Im Gegensatz zum Zeichnen und Malen, das Rembrandt bei seinen Lehrern van Swanenburg und Lastman lernte, brachte er sich das Radieren selbst bei. In dieser Kunstform war er zumindest so produktiv wie als Maler. Hier kommt auch seine Meisterschaft im Umgang mit Licht und Schatten besonders zum Tragen. Gleich zu Beginn sieht man einen Studenten in der völligen Dunkelheit sitzen, die nur durch eine Kerze kaum wahrnehmbares Licht erhält. (Das ist übrigens eine der vielen Radierungen Rembrandts, die sich im Besitz der Wiener Albertina befinden.) In der Einleitung wird Technisches besprochen, unter anderem, dass Rembrandt die Kaltnadelradierung als Erster gezielt einsetzte, dann die verschiedenen Papiere, die er verwendete. Formales und Inhaltliches kommen dazu, es wird auf die Methode seines Arbeitens hingewiesen und dass auch einem Rembrandt nicht immer alles gleich gelang. Radierungen fertigte er – im Gegensatz zu den Zeichnungen – oft erst nach der Fertigstellung eines Gemäldes mit dem gleichen Sujet an. Auch hier wird – wie bei den Zeichnungen – der Katalog nach Themengruppen unterteilt, das sind biblische und mythologische Darstellungen, Akte, Genredarstellungen, Landschaften, Selbstporträts, Porträts, Tronies (also porträtähnliche Kopf- und Charakterstudien), Skizzenblätter und mehr. Es muss hier nicht auf Größe und Gewicht des Buches hingewiesen werden, es ist mit 750 Seiten so groß, wie es den Buchgestaltern richtig schien.

Buchcover

Die Selbstporträts: Mehr als 80 Mal, das heißt, öfter als jeder andere Künstler vor ihm, hat Rembrandt sich selbst dargestellt. Zuerst einmal, um die verschiedenen Wirkungen des Lichts zu erkunden, dann auch, um Gemütszustände, flüchtige Augenblicke festzuhalten. Da waren natürlich praktische Erwägungen, auf kein Modell angewiesen zu sein, mit ausschlaggebend. Mit zunehmender Prominenz waren die Selbstporträts aber auch Mittel der Eigenwerbung. In dem einleitenden Aufsatz geben die Autoren dieses zweiten Rembrandt-Bandes aus dem Taschen-Verlag, Volker Manuth und Marieke de Winkel, beide Kunsthistoriker mit ganz starkem Rembrandt-Bezug, einen kurzen Abriss über die Entwicklung des Selbstporträts bei Rembrandt, was für eine Rolle die Kleidung, die Frisur und auch die Hüte spielten.

Selbstporträt, 1629. Öl auf Holz. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München. © Blauel Gnamm – ARTOTHEK

Selbstporträt, 1629. Öl auf Holz. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek München. © Blauel Gnamm – ARTOTHEK

Das Buch fällt schon allein durch den Lentikulardruck auf dem Cover auf, das heißt, es wechseln, wenn man es aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, die Bilder. Nach dem eröffnenden Aufsatz ist dann immer je eine Doppelseite einem Selbstporträt gewidmet. Auf der linken Seite mit technischen Angaben und Kommentaren der Autoren, und auf der rechten Seite bildfüllend, so dass alle Details ganz genau betrachtet werden können. Danach werden sowohl die gemalten als auch die gezeichneten und radierten Selbstporträts – die Entwicklung augenscheinlich festhaltend – noch einmal in chronologischer Reihenfolge gezeigt.

Buchcover

Bevor mit dem dritten Buch, jenem über sämtliche Gemälde Rembrandts, der Höhepunkt erreicht wird, kurz ein paar Worte über das Rembrandt Research Project. Seit dem Jahr 1968 beschäftigen sich in Amsterdam Wissenschaftler hauptsächlich damit, die Echtheit der Werke Rembrandts festzustellen. So schreibt Nils Büttner im Anhang zu seiner Rembrandt-Biografie, den er „Die Rembrandt-Legende“ betitelt, dass man in den 1930er Jahren mehr als 750 Gemälde Rembrandt zuschrieb, 1968 wurde die Zahl auf 420 berichtigt. Im Taschen-Prachtband sämtlicher Gemälde, der nun zusammen mit dem Band über Zeichnungen und Radierungen und dem über die Selbstporträts erschienen ist, sind 330 Gemälde, die alle für das Buch neu fotografiert wurden, enthalten. (Marieke de Winkel, eine der Autorinnen, war von 1993 bis 2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Rembrandt Research Project.) Ein weiteres Projekt im Zusammenhang mit Rembrandts Werken nennt sich Rembrandt Documents Project. Dabei werden alle für das Studium von Rembrandts Werk relevanten Dokumente so zugänglich gemacht, dass sie für die moderne Kunstgeschichte genützt werden können. Rudie van Leeuwen arbeitete an diesem Projekt und ist neben Volker Manuth und Marieke de Winkel Koautor des Buchs über sämtliche Gemälde. Hier sollen nun – um ihre Arbeit zu würdigen – auch die Herausgeberin Petra Lamers-Schütze und besonders der Designer Andy Disl genannt werden.

Eines der berühmtesten Werke Rembrandts: „Die Kompanie des Hauptmanns Frans Banninck Cocq“ („Die Nachtwache“), 1642. Öl auf Leinwand. Rijksmuseum, Leihgabe der Stadt Amsterdam

Eines der berühmtesten Werke Rembrandts: „Die Kompanie des Hauptmanns Frans Banninck Cocq“ („Die Nachtwache“), 1642. Öl auf Leinwand. Rijksmuseum, Leihgabe der Stadt Amsterdam

Ein kurzes Vorwort leitet ein und dann geht es gleich los mit Rembrandts Schaffensperioden, den frühen Jahren in Leiden, der Zeit in Amsterdam, dann dem Kapitel über die Jahre 1640–1651, das Illusionismus und Neuorientierung betitelt ist, um schließlich zum Spätwerk zu kommen. Wie schon in dem Buch über die Zeichnungen und Radierungen ging man auch hier so vor, dass jede Schaffensperiode in einer ausführlichen Einleitung mit den wichtigsten Werken aus jener Zeit besprochen wird und im Anschluss daran alle Gemälde aus der Zeit zu sehen sind, im großen Ganzen, aber auch Details. Danach folgt nun der Katalog der Gemälde, in dem jedes genau beschrieben wird und der wieder nach Themen geordnet ist, also Altes und Neues Testament, Religiöse Figuren, Mythologie, Allegorien, Genre-Bilder, Landschaften, noch einmal die Selbstporträts, dann die Porträts von Männern und von Frauen, Gruppenporträts, um wieder mit Tronies abzuschließen. Neben dem reinen Anschauen der Gemälde beeindruckt, was die Autoren an Wissen zu den Gemälden angesammelt haben: Dass Rembrandt zum Beispiel in den Jahren 1631 bis 1635 fünfzig Porträts malte, das heißt, jeden Monat eines, dass dafür aber oft nur eine eintägige Sitzung mit dem Porträtierten notwendig war. Es wird aber dennoch das Anschauen das Intensivste werden, man wird unter den unzähligen Bildern das eine und andere finden, das einen besonders festhält. Und man wird sich, wie der Biograf Nils Büttner das vorhersagte, auch das eigene Rembrandt-Bild immer wieder von neuem aushandeln.

Peter Schatborn, Erik Hinterding: Rembrandt. Sämtliche Zeichnungen und Radierungen.
Volker Manuth, Marieke de Winkel: Rembrandt. Die Selbstporträts.
Volker Manuth, Marieke de Winkel, Rudie van Leeuwen: Rembrandt. Sämtliche Gemälde.
Alle drei Bände sind 2019 im Kölner Taschen Verlag erschienen.

Nils Büttner: Rembrandt. Licht und Schatten. Eine Biographie. Reclam Verlag, Stuttgart 2014.