RITES DE PASSAGE 2021/22

Die Wintersonnenwende, der Winterbeginn – die Tage werden nun langsam wieder länger, der christliche Festzyklus um Weihnachten, das Ende des alten Jahres und der Beginn eines neuen, die Agenda „Jahresabschluss“ und last but not least der Versuch, sich wie jedes Jahr von schlechten Angewohnheiten zu trennen, all das bewirkt bei den Menschen fast reflexartig das Aufblitzen eines Denkens über das eigene Leben.

Reflexionen über das (eigene) Leben werden, wenn der Erinnerungsraum größer wird, immer wichtiger. Es gibt jedenfalls die Möglichkeit, über das bisherige Leben auf der Grundlage eigener Erfahrungen nachzudenken.

Auf der Suche nach einem richtigen und gerechten Leben im Sinn des kategorischen Imperativs leuchtet das Bild einer Welt als kollegialer, im besten Fall als solidarischer Raum auf – als etwas, was die eigene Gestaltungskraft mitbewirken kann. Da die Welt alles ist, was der Fall ist (Wittgensteins Tractatus), ist Solidarität eine Möglichkeit, die besser ist als Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft; meiner Vermutung nach ist sie, auch wenn sie nur gelegentlich und situativ gelingt, eine Chance für ein gutes Leben mit den anderen.

Ein gelungenes Bild für das soziale Leben ist die Kette, bei der alle Glieder fest und stark sind; ich möchte dazu anregen, die Rolle, die das Kollegiale im Leben spielt, spielen kann, spielen soll, analog zu den Funktionen einer Kette und eines tragfähigen Netzes zu bedenken. Solidarität ist als politisch opportunes Gerede und Lippenbekenntnis ubiquitär; sie ist für mich nicht gesellschaftspolitisches Postulat, sondern moralische Qualität. Dies setzt die Wichtigkeit und Notwendigkeit solidarischen Handelns nicht ins Unrecht. Die willensstarke Entscheidung eines Einzelnen für das Gemeinwohl vor dem eigenen Wohl ist dafür Voraussetzung; man kann diese von niemandem fordern, sie sollte selbstverständlich sein. Netze starker Individuen können es ermöglichen.

Hubert Christian Ehalt, Professor an der Universität Wien, Honorarprofessor an der Universität für angewandte Kunst Wien.

(25.12.2021)