SAMY MOLCHO: TERRITORIUM IST ÜBERALL

Ljubow Sergejewna Popowa, Spatial Force Construction, 1920-21, Ausschnitt (Wikimedia Commons)Ljubow Sergejewna Popowa, Spatial Force Construction, 1920-21, Ausschnitt (Wikimedia Commons)

„Es stellt sich die Frage, welche Grenzen wir brauchen und wie groß und wie breit die Territorien sein sollen? Das ist individuell verschieden. Wieviel Toleranz bringen wir für andere Menschen und für uns Unbekanntes auf? Wie groß ist unsere Offenheit, um das Neue anzunehmen?“ – Samy Molcho

Samy Molcho, der 1936 in Tel Aviv geboren wurde und seit den 1960er Jahren in Österreich lebt, ist ein international renommierter Pantomime, langjähriger Professor für „körperliche Gestaltung“ an der Universität für Musik und Schauspiel in Wien und „Körpersprache-Experte“. Mit seiner beeindruckenden Persönlichkeit ist er ein Pionier: sowohl für Körpertherapien als auch für Coaching-Impulse zur Menschenführung. Seine natürliche, bewegliche, ausdruckstarke und berührende Bühnenpräsenz als Pantomime floss später in seine wertschätzende, nie entlarvende oder bloßstellende Art des Unterrichtens ein. Molcho trug wesentlich dazu bei, dass „Körpersprache“ nicht einfach zu einem Verkaufstrick oder zur bloßen „Menschenfischerei“ wurde. Stattdessen ermutigte er zum ehrlicheren Umgang mit dem eigenen Körperausdruck und ermöglichte, dass Gefühle auch in der Geschäftswelt mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung fanden. Dies geschah lange bevor Schlagworte wie „emotionale Intelligenz“, „Empathie“ oder „Resonanz“ gebräuchlich wurden. Ich habe anfangs zu den Skeptikern solcher „Körpersprache“-Seminare gehört. Die persönliche Begegnung mit Samy Molcho und seiner Arbeit, auf dem gemeinsam gestalteten Kongress „Visionen einer menschlichen Zukunft“ 1987 in Bremen, hat mich eines Besseren belehrt.

Heinrich Hoerle, Begegnung, 1925 (Wikimedia Commons)

Heinrich Hoerle, Begegnung, 1925 (Wikimedia Commons)

Heute arbeiten familientherapeutische und systemische „Aufstellungen“ an der Bewusstwerdung des „(Zwischen-)Raums“ von Begegnungen und Beziehungen.  Der Psychologe Kurt Lewin (1890–1947) hatte „Lebensräume“ erforscht und beschrieben.[1] Er verstand diese als von räumlichen Kräften („Vektoren“) durchzogene „Felder“, mit Anreizen, Verdichtungen, Knotenpunkten, symbolischen Grenzen (Barrieren), Zugänglichkeiten, Wegen, Verbundenheit, Nähen und Fernen. Räume seien von Ansprüchen besetzt. Im metaphorischen Sinn breite man sich in diesen aus, verschaffe sich Platz, weiche zurück, mische sich ein, werde ermutigt, gehemmt oder behindert, dränge sich auf, dringe ein, dehne sich aus, strecke sich, nähere sich an oder distanziere sich. Je nach der eigenen Lage, der Position oder des Zeitraums könne man in den verschiedenen Räumen zufrieden, geschützt und geborgen oder gereizt, angespannt, erregt, belästigt oder verärgert sein. Samy Molcho hat mit seiner Arbeit den praktischen Umgang mit diesen „Zwischenräumen“ menschlicher Begegnungen sinnlich erfahrbar gemacht.

Ihn interessiere besonders, wie „ein besseres Zusammenleben gelingen könne“, betonte Samy Molcho vor Kurzem in einem Interview[2]. Er habe, neben seiner jugendlichen Neugier und Begeisterung, schon früh im Leben das Glück gehabt, in Tel Aviv, bei MeisterInnen aus vielen Teilen der Welt, Theater- und Tanztraditionen lernen zu dürfen („ich habe Rosinen von überall gesammelt“). Aus diesen Erfahrungen habe er seinen Weg zur Pantomime gefunden. An anderer Stelle betonte er, dass er nicht versucht habe, „Bewegungen einfach nachzuahmen“, sondern sich diese innerlich vorzustellen und „im eigenen Körper nachzufühlen“. Um einen Vogel zu mimen, suche er nach einer „Ur-Erinnerung“, nach dem „Vogel, der in mir ist“. „Nur was ich in mir selbst finde, kann ich darstellen.“[3] Jetzt, im Alter, wisse er, dass er sich und seinen Körper akzeptiere, aber dies bedeute für ihn auch, nicht nachzugeben und immer wieder neu zu üben.

Ein ursprüngliches Anliegen der, in ihren historischen Anfängen auch oft erzwungenen, „stillen Sprache“ der Pantomime war deren Wunsch, künstlerisch mit Hilfe von Körperhaltung und Körperspannung, Gestik und Mimik, Masken und getanztem Ausdruck, bisweilen auch mit rebellischen, poetischen, Stilmitteln und mit einer besonderen Freiheitsliebe, über alle Sprachgrenzen hinaus zu wirken. Die Kunst der Pantomime zu erlernen, fordert und fördert ein besonderes Maß an Beachtung und Beobachtung, um „zu beschreiben ohne zu bewerten“ (S. Molcho), wie sich die Besonderheiten von Situationen und Umständen rasch verstehen, anerkennen und verarbeiten lassen. Solche subtilen Fähigkeiten der Wahrnehmung sind in allen unbekannten, fremden, kulturellen oder geistigen „Territorien“ wichtig. Samy Molcho bereiste Dutzende von ihm fremden Ländern schon zu einer Zeit, in der unser heutiger „freier“ Tourismus noch weitgehend unbekannt war. Er musste lernen, das Wesentliche der kulturellen Gepflogenheiten und Umgangsformen dieser Länder und Menschen rasch und oft ohne Sprachkenntnisse aufzunehmen.

Die „Sprachen des Körpers“, so beobachtet Molcho, seien für viele Menschen zu Fremdsprachen geworden. Diese neu zu erlernen und zu beachten sei ein Weg, sich selbst und andere besser verstehen zu können. Der gesamte Körper „spreche“. Es sei erst das Zusammenspiel von Worten, Situationen und Bewegungen, welches etwas bewirke. Dies mache sich umso deutlicher bemerkbar, wenn diese Ebenen untereinander in Widerspruch gerieten. Samy Molcho betont, wie wichtig es ist, zu sich zu stehen, seine „Würde“ als eine „innere Säule“ zu spüren, auf eigenen Füßen zu stehen, bei sich zu sein und in sich ruhen zu können. Gespräche würden leichter und erfolgversprechender, wenn wir Informationen und Signale über die Haltung und Einstellung der Mitmenschen besser verstehen. Bereits 1961 trat Molcho, erstmals nach dem Holocaust, im West-Berliner Schillertheater auf. Dazu schrieb er später: “Humaner Geist kann sich nur unter der Bedingung ausbreiten, dass wir miteinander kommunizieren, statt einander zu hassen. Meine Kunst schien mir das geeignete Mittel dazu”.[4]

El Lissitzky, Proun, 1922 (Wikimedia Commons)

El Lissitzky, Proun, 1922 (Wikimedia Commons)

Seine Erfahrungen als Bühnenakteur in fremden Welten finden sich auch in Samy Molchos neuem Buch wieder, welches den ungewöhnlichen Titel „Territorium ist überall“ trägt. Im Alter von 50 Jahren hatte Molcho seine internationale Bühnentätigkeit bewusst beendet. Er nahm damals eine Lehrtätigkeit als Professor am Max-Reinhard Seminar an, um sich vor Ort, in Wien, mehr seiner Familie und seinen vier Söhnen widmen zu können. Auch diese Lebenserfahrungen in alltäglichen „Nahbereichen“, als Mann, Liebhaber, Ehemann, Vater, Großvater, fließen in die Reflexionen seines Buches ein. Beim Wort „Territorium“ kommen spontan geografische, wenn nicht gar militärische Assoziationen auf. Samy Molcho möchte solche begrenzten Konnotationen mit seinem Buch überschreiten und um private, geistige, familiäre, nachbarschaftliche, berufliche, kulturelle oder spirituelle Aspekte erweitern.

Molcho betont, dass er in seinem Buch „Gedankensplitter und Beobachtungen“, „oft sprunghaft“ und „fast immer assoziativ“, gesammelt habe. Er möchte diese „ansprechen“, ohne Lösungen anzubieten oder gar eine akademische, wissenschaftlich untermauerte Arbeit zu präsentieren. Er vergleicht seine Denk- und Schreibweise mit der „Flussmetapher“ des libanesisch-amerikanischen Dichters Khalil Gibran, wonach alle (auch Gedanken-) „Flüsse“ in einen Ozean münden – d.h. in seinem Fall, sich in seinem Buch versammeln. Mit seiner unprätentiösen, direkten, Argumentation, möchte er seine LeserInnen zu einer berührenden, teilweise auch nachdenklichen Reise einladen.

Unter „Territorien“ versteht Molcho unterschiedliche, formal oder auch informell abgegrenzte Gebiete, Areale, Bereiche, Reviere, Zonen, Sektoren, Gelände oder Alltags-Räume, in denen, manchmal auch unausgesprochen, bestimmte Spielregeln, Ordnungsvorstellungen oder Gesetze herrschen. Nach Ausflügen zu biologischen, genetisch programmierten Aspekten des Territorialverhaltens widmet sich sein Buch den kulturell erlernten, territorialen Gebaren, Gefühlen und Vorstellungen. In Gruppen-Identifikationen („Wir“ versus „die Anderen“), persönlichen Bindungen oder Schutzsuche, aber auch im individuellen, „geistigen Territorium“ eines „Meins“ (Platz, Besitz, etc.), in dem sich ambivalente, menschliche Wünsche und Ängste des Dazugehörens widerspiegeln. Dabei treten Fragen auf wie: Wieviel Abstand, Rückzug, Privatheit, etc. kann und darf ich beanspruchen?  Wieviel wird mir von wem dabei gewährt? Wie kann ich „meinen Raum“ zuhause, auf der Arbeit oder auch im öffentlichen Raum (als einem „Kurzzeitterritorium“) „meinen Platz“ finden, markieren oder manchmal verteidigen? Welche Konflikte können sich daraus ergeben? Wie können diese beizeiten erkannt und erfolgreich reguliert werden? Welche Rollen spielen Traditionen, religiöse Zugehörigkeiten oder Parteien? Was bedeuten in diesen Zusammenhängen Geschlecht, Alter, Zeit, Hierarchie, Sprache, Codes oder Fachwissen? Wie kann es gelingen, neu hinzukommende Immigranten mit ihren kulturellen Werten, Gebräuchen oder „Inseln“ besser zu integrieren? Wie gelingt es, überkommene Traditionen zu hinterfragen und diese zu verlassen, sowie den Dialog der Generationen konstruktiv zu gestalten?

Ein zentrales Motto von Samy Molchos Suche und Unterrichten war: „Was wir sind, sind wir durch unseren Körper. Der Körper ist der Handschuh der Seele, seine BuchcoverSprache das Wort des Herzens.“  Wirklichkeit ist immer auch eine „eigen-sinnige“[5] Wirklichkeit, die auf uns oder für uns wirkt. Unser lebendiger Körper (vielleicht besser unser „Leib“ (abgeleitet vom germ. liv – „Leben“, eng. „life“) wirkt durch seine äußeren und inneren Bewegungen auf uns und die anderen. Dies und mehr beschreibt Samy Molchos lebendig formuliertes, leicht lesbares, sehr empfehlenswertes Buch in einer Vielzahl von Überlegungen und Anregungen.

Wir wünschen Samy Molcho alles Gute zu seinem 85. Geburtstag. Auf viele weitere gute Jahre!

Hinweis:
Territorium wird meist abgeleitet vom lat. terra: „Erde, Boden, Land“. Eine weitere Erklärungsmöglichkeit entsteht aus der Ableitung von lat. terrere: „(er)schrecken, einschüchtern, verscheuchen“.  Nach dieser Ableitung wäre ein Territorium ein besonderer (vielleicht ursprünglich mythischer) Raum, vor dessen Betreten manche Menschen gewarnt werden oder in dem sie Vorsicht walten lassen sollten, als ein bisweilen verbotenes Terrain, vermintes Gelände, Gefahren-, Tabu- oder Sperrzonen, die einmal durch klar markierte Grenzen kenntlich gemacht werden, ein anderes Mal aber auch durch ungeschriebene, tradierte Gesetze.

Samy Molcho: Territorium ist überall. Ariston Verlag, München 2021.

[1] Kurt Lewin:  Principles of Topological Psychology. Reprint of 1936 Edition. Martino Fine Books, Eastford, 2015.
[2] ORF-Ö1, Sendereihe „Im Gespräch“, 14.5.2021, Samy Molcho – „Territorium ist überall“.
[3] WDR, Planet Wissen, 19.11.2019, „Samy Molcho – vom Pantomimen zum Lehrer“.
[4] Samy Molcho: Die Magie der Stille: Mein Leben als Pantomime. Mosaik-Verlag, München 1988.
[5] Helmut Milz: Der eigen-sinnige Mensch. AT Verlag, Aarau/München, 2019.