SCHUBERT, DODERER UND TURRINI

Leopold Kupelwieser: Landpartie der Schubertianer von Atzenbrugg nach Aumühl (1820). Kupelwieser hat sich und Franz Schubert ganz links im Bild stehend dargestellt.Leopold Kupelwieser: Landpartie der Schubertianer von Atzenbrugg nach Aumühl (1820). Kupelwieser hat sich und Franz Schubert ganz links im Bild stehend dargestellt.

Atzenbrugg ist eine Marktgemeinde in Niederösterreich, rund vierzig Kilometer westlich von Wien. In die Musikgeschichte ging der Ort deswegen ein, weil Franz Schubert erstmals 1820 – also vor zweihundert Jahren – und dann noch einige weitere Male auf Einladung des dortigen Schlossverwalters, eines Onkels seines Freundes, des Schriftstellers Franz von Schober, für jeweils einige Tage ins Schloss Atzenbrugg kam und dort auch im Juli 1821 die „Sechs Atzenbrugger Tänze“ (D 145/1-3 und D 365/29-31) komponierte. Bei den Ausflügen nach Atzenbrugg war – natürlich, ist man versucht zu sagen – auch der Schubertʼsche Freundeskreis mit dabei, darunter, neben Schober, die Maler Leopold Kupelwieser und Moritz von Schwind, Schuberts Mentor und Freund Joseph von Spaun, die Dichter Johann Mayrhofer und Eduard von Bauernfeld und der Sänger Johann Michael Vogl.

Soweit die musikhistorische Einleitung zu einem Ereignis, das am 23. April 2020 im Staatstheater am Gärtnerplatz in München hätte stattfinden sollen, das aber aufgrund der COVID19-Pandemie abgesagt werden musste – nämlich die Uraufführung der Oper „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“. Die Komposition dieses Auftragswerks stammt von Johanna Doderer, einer Großnichte des Schriftstellers Heimito von Doderer. Wenn auch zurzeit nicht absehbar ist, wann Doderers „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ – die mittlerweile achte Oper der Komponistin – aufgeführt werden wird, so liegt doch das Libretto von Peter Turrini bereits als Paperback vor. Turrini hat neben seinen zahlreichen Theaterstücken auch schon zwei weitere Opernlibretti verfasst, und zwar 1999 „Tod und Teufel“ zur Musik von Gerd Kühr, und 2002 „Der Riese vom Steinfeld“ zur Musik von Friedrich Cerha. Und nun also die tragikomische Geschichte von „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“.

Turrini, der Mann mit der unnachahmlichen Theaterpranke, eröffnet mit einer Regieanweisung, die gleich ins Geschehen hineinzieht, er gibt darin nicht nur szenische, sondern auch musikalische BuchcoverAnweisungen: „Die Bühne ist vollkommen dunkel. Es ist still, nichts rührt sich. Kaum vernehmbar und doch langsam näher kommend entwickelt sich in dieser Dunkelheit und in dieser Stille ein musikalischer Ton, mehrere Töne, eine Melodie. Hand in Hand mit dieser Tonentwicklung entsteht ein Sonnenaufgang.“ Turrini hat sich für das Personal der Oper neben den historisch verbürgten Teilnehmern an der Reise nach Atzenbrugg noch zusätzliche Figuren ausgedacht: Eine „musikvernarrte“ Baumeisterstochter, in die Schubert unglücklich verliebt ist, eine Cellistin, bei der Schubert am Ende höchstwahrscheinlich landen wird, eine Kunstpfeiferin und eine Fleischermeistertochter. Turrini schreibt ganz in der österreichischen Theatertradition, da klingen – weil es ja auch der Zeit der Handlung entspricht – vor allem in den Dialogen des Freundeskreises Nestroyʼsche Töne an. Ganz im Gegensatz zur ausgelassenen Reisegesellschaft steht die Figur von Franz Schubert. Er ist „einsam, missverstanden und jähzornig“. Die überlieferten Klischees paraphrasiert der Autor, gesteht seinem Helden aber auch tiefsinnigere Aussagen zu: „Die Wirklichkeit ist immer eine verpatzte Angelegenheit. Deshalb gibtʼs doch die Kunst.“ Es wäre nicht Turrini, wenn nicht, neben der erotisch-musikalischen Ausgelassenheit im Zug des Atzenbrugg-Ausflugs, auch sozialkritische Töne angeschlagen werden würden. Ein Chor von halbverhungerten und verkrüppelten Soldaten singt: „Europa feiert sein Fest. Wir sind der geschlagene Rest. Das verkrüppelte Fleisch eurer Siege. Der noch lebende Abfall der Kriege.“

Die Paperback-Ausgabe dieses Librettos enthält zusätzlich noch einen Aufsatz Turrinis über seinen Vater, „Der Statist von Verona“, dessen Musikbegeisterung spät aber doch auch auf den Sohn übergegriffen hat. Äußerst interessant sind – als letzter Beitrag – die Gedanken der Komponistin über die Zusammenarbeit mit Turrini und auch dazu, wie viel Schubert denn eine Oper über Schubert vertrage und wie sie daran gearbeitet habe, „einen Weg aus seiner Musik zu meiner eigenen Tonsprache zu finden.“

Peter Turrini: Schuberts Reise nach Atzenbrugg. Ein Libretto. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
Website von Johanna Doderer