SEEFAHRER UND IHRE BÜCHER

Eine der vielen Illustrationen aus Jacques Devaulx’ „Premières Œuvres“ (Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France)Eine der vielen Illustrationen aus Jacques Devaulx’ „Premières Œuvres“ (Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France)

„Habent sua fata libelli“, oder – um den Rhythmus dieses lateinischen Zitats ins Deutsche mit zu übernehmen: „Es haben ihr Schicksal die Bücher!“ Der Spruch kommt einem in den Sinn, wenn man den unter dem Titel „Nautical Works – Nautische Werke“ publizierten Reprint der „Premières Œuvres“ des Jacques Devaulx aus dem 16. Jahrhundert betrachtet.

Illustration aus Jacques Devaulx’ „Premières Œuvres“ (Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France)

Illustration aus Jacques Devaulx’ „Premières Œuvres“ (Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France).

Da liegt also dieser Prachtband vor einem, und was beim Durchblättern des Inhaltsverzeichnisses auffällt – nachdem man zunächst dem optischen Vergnügen freien Lauf gelassen hat –, ist ein Beitrag von Gerhard Holzer über eben diesen Jacques Devaulx und die Kartografie in der Renaissance. Gerhard Holzer ist Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Kustos der zur Akademie gehörenden „Sammlung Woldan“ (und aufgrund dieser Tätigkeit kam es auch zur Mitarbeit beim Reprint). Und wenn diese „Sammlung Woldan“ schon in Wien angesiedelt ist (und da auf einem der schönsten Plätze, den übrigens auch Canaletto gemalt hat, nämlich auf dem Ignaz-Seipel-Platz), passt es doch, zu Beginn dorthin einen kleinen Abstecher zu machen. Die „Sammlung Woldan“ – so liest man auf der Website – ist eine der bedeutendsten und wertvollsten mitteleuropäischen Sammlungen alter Karten, Atlanten, Reisebeschreibungen, geografischer Werke und topografischer Ansichten. Sie umfasst zirka 11.000 Titel in rund 20.000 Bänden bzw. Einzelblättern vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.

Eine vom flämischen Kartografen Jodocus Hondius (1563–1612) gestaltete Weltkarte aus der „Sammlung Woldan“. Der vermutlich 1597 entstandene Kupferstich zeigt unten als Illustration König Heinrich IV. von Navarra als christlichen Ritter im Kampf gegen fünf Gegner: Mundus – die weltliche Verlockung, Peccatum – die Sünde, Caro – die sinnliche Lust, Diabolus – der Teufel und Mors – der Tod. Die Illustration wird von 30 Bibelzitaten umgeben.

Eine vom flämischen Kartografen Jodocus Hondius (1563–1612) gestaltete Weltkarte aus der „Sammlung Woldan“. Der vermutlich 1597 entstandene Kupferstich zeigt unten als Illustration König Heinrich IV. von Navarra als christlichen Ritter im Kampf gegen fünf Gegner: Mundus – die weltliche Verlockung, Peccatum – die Sünde, Caro – die sinnliche Lust, Diabolus – der Teufel und Mors – der Tod. Die Illustration wird von 30 Bibelzitaten umgeben.

Gerhard Holzer kann einiges über den Sammler, den Wiener Juristen und Privatgelehrten Erich Woldan, erzählen. Dieser lebte von 1901 bis 1989, begann schon 1916 als Schüler in Prag zu sammeln, blieb unverheiratet und hortete auf engstem Raum in seiner Substandard-Wohnung in der Wiener Landhausgasse all seine Schätze. Holzer zeigt Fotos dieses chaotisch vom Boden bis zur Decke voll geräumten Ortes, in dem sich der alte Sammler – obwohl es einen handgeschriebenen Katalog gab – schließlich nicht mehr so richtig auskannte, und er weiß auch zu berichten, dass Woldan stolz darauf war, dass er mit 48 Schilling die niedrigste Gasrechnung in ganz Wien hatte. 1970 vermachte Woldan seine Sammlung der ÖAW, dort wird sie in kleinen Ausstellungen in Vitrinen regelmäßig präsentiert. Außerdem wurden 380 der bedeutendsten historischen Landkarten digitalisiert und sind auf der Online-Plattform „Sammlung Woldan“ frei im Web einzusehen. Dadurch, dass die Karten „georeferenziert“ gescannt sind, kann man die alten Ansichten mit modernen Karten vergleichen, sie darüberlegen und so zum Beispiel sehen, was sich denn einstens dort befunden hat, wo man heute wohnt. Die virtuelle Sammlung soll laufend erweitert werden. Im Verlag der ÖAW wird auch eine „Edition Woldan“ herausgegeben. Es sind Bücher, in denen alte Reiseberichte aus der Sammlung übersetzt und kommentiert werden. Einer der Bände heißt „Die Leidenschaft des Sammelns“, Thema der Beiträge sind Erich Woldan und dessen Sammlung und es geht um Fragen wie: Wem nützt die Leidenschaft, Objekte im eigenen Besitz anzuhäufen? Ist es überhaupt möglich, eine für die Allgemeinheit bedeutende Sammlung aufzubauen? Und was wird nach dem Tod des Sammlers aus den oft unter großen Mühen und Entbehrungen zusammengetragenen Gegenständen?

Aus der „Sammlung Woldan“: Europakarte aus dem Jahr 1615 in Form einer Allegorie der „Regina Europa“.

Aus der „Sammlung Woldan“: Europakarte aus dem Jahr 1615 in Form einer Allegorie der „Regina Europa“.

Aus dem Hier und Jetzt aber wieder zurück ins 16. Jahrhundert, nach Le Havre zu Jacques Devaulx (um 1557–1597) und seinen „Nautischen Werken“. Le Havre wurde Anfang des 16. Jahrhunderts aus politischen, strategischen und wirtschaftlichen Gründen erbaut und sollte ein Ausgangspunkt für die beginnende französische Kolonialpolitik werden. Jacques Devaulx hatte dort, so erklärt Gerhard Holzer, die Funktion eines „Chefpiloten“ inne: Er war dafür verantwortlich, dass sowohl die ankommenden als auch die abfahrenden Kapitäne entsprechendes Kartenmaterial hatten. Devaulx war Autodidakt, ein weltoffener, kühner Abenteurer, der die Probleme der Hochseeschifffahrt formulierte und auch Lösungen dafür fand. Es war dieses beginnende 16. Jahrhundert ja überhaupt die Zeit der sich entwickelnden Kosmografien, also der Beschreibungen der bekannten Welt (so etwa war die 1544 erschienene „Cosmographia“ des deutschen Gelehrten Sebastian Münster zu ihrer Zeit das neben der Bibel meistgelesene Buch). Jacques Devaulx aber hatte mit seinen „Nautischen Werken“ noch ganz anderes im Sinn. Denn dieses illustrierte Nachschlagewerk für Seefahrer, handgeschrieben – und das, obwohl der Buchdruck ja schon verbreitet war – und illuminiert, war ein Auftragswerk einer der höchsten Persönlichkeiten Frankreichs, des Herzogs und Admirals Anne de Joyeuse. Die Herausgeber des Reprints stellen sich die Frage, ob es einzig und allein das Anliegen war, in kunstvoller, handschriftlicher Form ein Prunkwerk zu schaffen oder ob nicht Devaulx doch daran dachte, „in die Geschichte der Navigationskunst des späteren 16. Jahrhunderts einzugehen“, denn er ließ das Bemühen erkennen, „neueste wissenschaftliche Kenntnisse und noch ungelöste Probleme wie die magnetische Deklination oder die Suche nach der Länge einzubeziehen“.

Jacques Devaulx: Stadtplan von Le Havre aus den „Premières Œuvres“ (Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France).

Jacques Devaulx: Stadtplan von Le Havre aus den „Premières Œuvres“ (Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France).

Das Original von Devaulx‘ Werk liegt in der „Bibliothèque nationale de France“ in Paris und wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Nun sind natürlich die prächtigen Illustrationen schon allein Grund genug, um einen Reprint herauszugeben. Man hat sich aber die Mühe gemacht, nicht nur die einzelnen Folios zu erklären, sondern auch in ausführlichen Aufsätzen (dreisprachig – englisch, französisch und deutsch) einen Überblick über die damaligen nautischen Elemente und ihre Geschichte zu geben. Da geht es um Ikonografie – Devaulx setzte sehr stark auf die Macht der Illustration – und Kosmografie, um die Volvellen (drehbare Scheiben und Zeiger), um die geografische Breite und Länge, um Kalender, Gezeiten und Kartografie. Letztlich wird man aber dann doch staunend vor der Kunst der Illustratoren stehen, die versucht haben, das Bild ihrer Welt zu vermitteln.

Illustration aus Jacques Devaulx’ „Premières Œuvres“ (Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France)

Illustration aus Jacques Devaulx’ „Premières Œuvres“ (Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France)

Sie haben es so getan, dass das noch immer ganz direkt auf den Betrachter wirkt. Da kommt dann noch einmal der einleitende Spruch vom Schicksal der Bücher zum Tragen: „Habent sua fata libelli“ – und man kann sich der Deutung durch James Joyce anschließen, dass nämlich in dem Augenblick, da der Autor seine Arbeit getan hat, das Schicksal der Bücher beginnt und damit voll und ganz in den Händen der LeserInnen liegt.

Buchcover
Jacques Devaulx: Nautical Works – Œuvres Nautiques – Nautische Werke. Hg. von Jean-Yves Sarazin und Élisabeth Hébert. Taschen Verlag, Köln 2018.
Das Original der „Premières Œuvres“ des Jacques Devaulx ist über „Gallica“ (die digitale Bibliothek der „Bibliothèque nationale de France“) einsehbar.
Website der „Sammlung Woldan“  der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.