SEHNSUCHTSBILDER

Kohekohe-Kirche, Neuseeland. Foto © Kalpeshs Tailor. Aus dem Buch „Accidentally Wes Anderson”Kohekohe-Kirche, Neuseeland. Foto © Kalpeshs Tailor. Aus dem Buch „Accidentally Wes Anderson”

Wes Anderson ist ein amerikanischer Produzent, Drehbuchautor und Regisseur. Sein bekanntester Film ist höchstwahrscheinlich „The Grand Budapest Hotel“, für den er vielfach ausgezeichnet wurde, so etwa 2015 mit vier „Oscars“ – darunter mit einem für das „Beste Szenenbild“. Tatsächlich wird niemand, der den Film gesehen hat, je vergessen, in welch traumhaft schöner Umgebung er spielt. Und damit sind wir beim Inhalt eines ganz besonderen Buches. Für den Band „Accidentally Wes Anderson“ sammelten der New Yorker Fotograf Wally Koval und seine Instagram-Community Bilder von Orten auf der ganzen Welt, die in der „symmetrischen Linienführung, den Pastelltönen, der perfekten Komposition und eigenwilligen hübschen Details“ so aussehen, als wären sie Kulissen zu Filmen von Wes Anderson. Dieser schreibt im Vorwort zu dem Buch, dass er bisher keinen der Orte gesehen habe, aber sich vornehme, das nachzuholen.

In neun Kapitel haben die Buchgestalter nun die Bilderflut aufgeteilt: „USA & Kanada“, „Lateinamerika“, „Mittel- & Westeuropa“, „Großbritannien & Nordeuropa“, „Süd- & Osteuropa“, „Naher Osten & Afrika“, „Süd-, Ost- & Zentralasien“, „Australien & Ozeanien“ und „Antarktis“. Wobei das ja nicht nur eine Bilderflut ist, in die man – in Zeiten wie diesen – sehnsüchtig eintauchen kann, nein, zu jedem Bild gibt es eine ausführliche Beschreibung. Eigentlich mehr als eine Beschreibung, es ist schon ein eigener Aufsatz, der einem das Besondere des jeweiligen Ortes näherbringt. So erfährt man, wann eine Sehenswürdigkeit erbaut, gegründet oder eröffnet wurde und auch, ob und wann ein besonderes Ereignis dort stattgefunden hat. ‚Besonders‘ ist das Stichwort, das einen wieder zu den Fotos zurückbringt: das Besondere des Ortes wird oft noch durch die Perspektive, aus der das Foto entstanden ist, überhöht. So schaut zum Beispiel das Hotel Belvedere am schweizerischen Furka-Pass nur aus einem ganz speziellen Blickwinkel so aus, wie es am Titelbild des Buches zu sehen ist. (An diesem Hotel fuhr übrigens schon Sean Connery als James Bond in „Goldfinger“ vorbei.)

Buchcover

Über zweihundert Bilder sind in dem Buch zusammengetragen. Das Spektrum reicht von einem Aussichtspunkt in Monopoli in Italien, wo ein gelbes Fernrohr in den zartblauen Himmel ragt (weitere Farben sind das dunklere Blau des Meeres und das Ocker der Mauer, auf der das Fernrohr steht) bis zu einer dunkelbraunen Hütte mit rotem Dach und roter Tür, mit antarktischen Eismassen im Hintergrund und einer Schar von Pinguinen im Vordergrund. Nun wird jede und jeder ein anderes Motiv aus diesem Buch zu ihrem oder seinem Lieblingsbild wählen. Meines ist ein geografisch sehr entlegenes – aber wäre ich schon einmal auf der neuseeländischen Halbinsel Awhitu gewesen, die (oben abgebildete) Kohekohe-Kirche hätte ich sicher fotografiert. Im Text dazu steht, dass „Awhitu“ so viel wie „sich nach etwas sehnen“ oder auch „Sehnsucht nach Rückkehr“ bedeutet. Außerdem ist zu erfahren, dass die presbyterianische Kirche um 1886 von einem Māori aus dem Holz des Kohekohe-Baums gebaut wurde, dass sie nach der Stilllegung 1976 zunächst vernachlässigt und später umfassend renoviert wurde und nunmehr für Veranstaltungen genutzt wird.

Wie gesagt, das ist nur eines von vielen Sehnsuchtsbildern, die in dem Buch zu finden sind. Es ist die surreale Grundstimmung – fast alle Fotos sind menschenleer – und dann vielleicht auch der etwas unwirkliche Farbton, der einen beim Betrachten dieser Bilder so gefangen nimmt. Sie sind alle sehr intensiv und brauchen eine bestimmte Aufmerksamkeit, eine gewisse Zeit, um sich in sie zu versenken. So man selbst fotografiert, könnte es durchaus sein, dass man sich von diesem Stil eine Weile beeinflussen lässt. Oder man wird im eigenen Archiv nachsehen, ob man nicht sowieso schon irgendwann einmal ein Foto gemacht hat, das in diese Wes-Anderson-Atmosphäre der Leuchttürme, Hotelfassaden, Schwimmhallen und einsamen Hütten in der Landschaft passen würde.

Wally Koval: Accidentally Wes Anderson, übersetzt von Mia Pfahl. DuMont Buchverlag, Köln 2020.