STADT DER FRAUEN: KÜNSTLERINNEN IN WIEN

Helene Funke, Träume, 1913, Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien (Ausschnitt)Helene Funke, Träume, 1913, Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien (Ausschnitt)

„Le Livre de la Cité des Dames“, also das „Buch von der Stadt der Frauen“, hieß ein von der Autorin und Philosophin Christine de Pizan zu Beginn des 15. Jahrhunderts verfasstes Werk. Darin beschreibt die Ich-Erzählerin, wie sie eine Stadt errichtet, deren „Baumaterial“ heroische Frauengestalten aus der antiken, biblischen und jüngeren Geschichte sind. Der Name des Buches war nun eine Inspiration für die Ausstellung „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien 1900–1938“, die derzeit im Belvedere in Wien zu sehen ist. Denn in dieser Präsentation wird eine ganze Reihe von hochbegabten Frauen vorgestellt, die Bemerkenswertes im Bereich der Bildenden Kunst geleistet haben. Die Grundidee zu dem Projekt erläutert die Generaldirektorin des Museums, Stella Rollig, folgendermaßen: „Das Belvedere ist berühmt für seine Sammlung aus der Zeit der Wiener Moderne. Umso mehr ist es mir ein großes Anliegen, die vergessene weibliche Seite dieser Epoche in ihrer ganzen Reichweite wieder sichtbar zu machen. Die Künstlerinnen jener Jahre waren und sind eine große Inspiration, und ihren Werken wurde völlig zu Unrecht fast ein Jahrhundert lang kaum Beachtung geschenkt“.

Marie Egner, In der Laube, um 1901, Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Marie Egner, In der Laube, um 1901, Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Erste wegweisende Initiativen, um diese geschlechterspezifische Asymmetrie in der Rezeption zu korrigieren, gab es bereits in den 1990er Jahren. Sabine Plakolm-Forsthuber legte mit ihrem 1994 erschienenen Buch „Künstlerinnen in Österreich 1897–1938“ eine solide Basis für weitere diesbezügliche Projekte. Im Jahr 1999 fanden gleich zwei wichtige Ausstellungen zum Thema statt. Es waren dies „Jahrhundert der Frauen. Vom Impressionismus zur Gegenwart“ im „Kunstforum Wien“ und die für das Wien Museum in der Hermesvilla konzipierte Schau „Blickwechsel und Einblick. Künstlerinnen in Österreich“. Ein weiterer Markstein war das 2012 erschienen Buch „The Memory Factory: The Forgotten Women Artists of Vienna 1900“ von Julie M. Johnson. Wertvolle Impulse setzte auch Tobias G. Natter mit der für Frankfurt und Wien konzipierten Ausstellung „Kunst für alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900“ im Jahr 2016.

Olga Wisinger-Florian, Feldblumenstrauß, um 1906, © Belvedere, Wien

Olga Wisinger-Florian, Feldblumenstrauß, um 1906, © Belvedere, Wien

In der Belvedere-Schau hat nun die verantwortliche Kuratorin Sabine Fellner eine beachtliche Fülle an hervorragenden Werken von rund sechzig Künstlerinnen versammeln können. Der Bogen reicht dabei vom Impressionismus über den Jugendstil bis zur Neuen Sachlichkeit. Neben den bekannten Namen, wie Tina Blau, Broncia Koller-Pinell, Emilie Mediz-Pelikan oder Olga Wisinger-Florian, gibt es noch viele interessante und bisher nahezu vergessene Künstlerinnen zu entdecken.

Broncia Koller-Pinell, Die Ernte, 1908, © Belvedere, Wien

Broncia Koller-Pinell, Die Ernte, 1908, © Belvedere, Wien

Mitunter hat Sabine Fellner bei der Arbeit an dem Projekt einen nahezu kriminalistischen Spürsinn entwickeln müssen: „Während der Vorbereitungen zur Ausstellung habe ich mich auf eine Entdeckungsreise begeben“, so Fellner: „Bilder dieser großartigen Frauen waren teils auf Dachböden gelagert oder in Depots versteckt, ohne dass es jemand wusste. Wir bringen somit eine wichtige Seite der Kunstgeschichte im wahrsten Sinn des Wortes wieder ‚ans Licht‘.“ Die Qualität des Gezeigten hat die Bemühungen ganz offensichtlich gelohnt.

Helene von Taussig, Stillleben mit Blumenkrug, um 1920, Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Helene von Taussig, Stillleben mit Blumenkrug, um 1920, Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Die Ausstellung „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien 1900–1938“ kann bis 19. Mai 2019 im Unteren Belvedere besichtigt werden.
Ein umfangreicher Begleitband zur Ausstellung ist im Prestel Verlag erschienen: Rollig, Stella – Sabine Fellner (Hrsg.), Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien 1900–1938, München 2019.