THOMAS CROMWELL – AUFSTIEG UND FALL

Hans Holbein, Porträt von Thomas Cromwell, um 1532 (Ausschnitt)Hans Holbein, Porträt von Thomas Cromwell, um 1532 (Ausschnitt)

Von Hilary Mantel war an dieser Stelle schon die Rede, sie machte in den Romanen „Wölfe“ und „Falken“ das England Heinrichs VIII. auf ihre ganz besondere Art und Weise wieder lebendig. Held dieser beiden Bücher ist Thomas Cromwell, ein Machtmensch, der vom Sohn eines Schmieds zum Politiker und engsten Berater des Königs – und damit zu höchsten Ehren – aufstieg. Nun ist also ein dritter Band, der abschließende Teil von Mantels Cromwell-Trilogie, mit dem Titel „Spiegel und Licht“ erschienen. Im Mittelpunkt stehen die letzten Lebensjahre des Thomas Cromwell, sein Machtverlust und seine Hinrichtung im Jahr 1540. Bevor näher auf dieses Buch eingegangen wird, sei noch die unvorstellbare Leistung der Autorin hervorgehoben, einem Mann des 16. Jahrhunderts drei Bücher mit insgesamt 2.300 Seiten zu widmen. Elfhundert Seiten allein umfasst der Band „Spiegel und Licht“.

Auslösender Moment für Hilary Mantels Faszination für dieses Thema war ein Bericht, in dem Cromwell über einem Gebetbuch weinend beschrieben wird, worauf sie sich Buchcoverdie Frage stellte: „Wer erzählt mir das, und warum will er, dass ich ihm glaube?“ So las sie wieder und unvoreingenommen die Quellen. Und schrieb alles neu. Hilary Mantel verfügt über schier unvorstellbare erzählerische Mittel, um einen in diese Welt, die man ansonsten aus Shakespeares Dramen und aus vielen mehr oder weniger historischen Romanen kennt, wieder und neu einzuführen: Sei es die Intensität der Dialoge, die Abgefeimtheit der Intrigen, die sinnliche Lust an Farben, Gerüchen und Speisen, aber auch die unerwartete Brutalität und Dramatik, mit denen sie Action-Szenen explodieren lässt. Immer ist da ein Vorwärtsdrängen, ganz selten gönnt sie ihrem Helden ruhige Momente, sie bringt spekulative Welten ins Spiel, die „in den Ritzen zwischen den Wahrheiten gedeihen“. Jede, auch die unbedeutendste Nebenfigur wird deutlich gezeichnet. Und das alles – obwohl es sich um Themen aus längst vergangenen Zeiten handelt – wird in der Sprache unserer Tage behandelt. Das ist auch die Stelle, an der das Können des Übersetzers gewürdigt werden soll, Werner Löcher-Lawrence bringt Mantels schriftstellerisches Genie adäquat ins Deutsche herüber.

Man muss die beiden Vorgänger-Romane „Wölfe“ und „Falken“ nicht gelesen haben, um „Spiegel und Licht“ zu verstehen. Die Erzählerin flicht immer wieder Erinnerungen ins laufende Geschehen ein, die einen verstehen lassen, wie es zu all dem, was sie beschreibt, gekommen ist. Mehr Leselust bringt es natürlich, sich alles vom Anfang an erzählen zu lassen, wie es blutig und laut begonnen hat, als Thomas Cromwell von seinem gewalttätigen Vater niedergeschlagen wird. Blut fließt weiterhin, auch gleich zu Beginn von „Spiegel und Licht“, als Anne Boleyn, die zweite der sechs Ehefrauen von König Heinrich VIII., hingerichtet wird. Und wenn Mantel ihren Helden die Karriereleiter höher und höher steigen lässt, lässt sie einen spüren, dass auch das Ende blutig sein wird. Ihr Motto ist: „Hinter jeder Geschichte ist noch eine, eine andere Geschichte.“ Als Cromwell in den Tower, ins Gefängnis, gebracht wird, weiß sein Körper schon Bescheid, was ihm dort bevorsteht, der Kopf aber muss erst aufholen. In der Beschreibung des Zwiespalts zwischen Wissen und hilflosem Hoffen läuft Hilary Mantels Erzählen noch einmal zu ungeahnter Form auf.

Hilary Mantel: Spiegel und Licht, a.d. Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence, DuMont Verlag, Köln 2020. Auch als E-Book erhältlich.